Suche

Katharina Karl, Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt Katharina Karl, Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt 

Was man von Frankreichs Erwachsenentaufen lernen kann

Die Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz hat im Rahmen einer Delegationsreise nach Paris das Phänomen der Erwachsenentaufen in Frankreich untersucht. Hintergrund sind veränderte religiöse Suchbewegungen in säkularisierten Gesellschaften, wie sie auch in Deutschland durch die jüngste Kirchenmitgliedsuntersuchung festgestellt wurden.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Katharina Karl, Professorin für Pastorale Theologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Beraterin der Jugendkommission, begleitete die Reise und erläutert die Erkenntnisse der Exkursion.

Hier hören Sie das gesamte Interview mit Prof. Katharina Karl von Mario Galgano

Unterschiedliche Rahmenbedingungen durch das laizistische System

In Frankreich erschwert das laizistische Staatsprinzip eine genaue statistische Erfassung der katholischen Bevölkerung, da keine offiziellen Daten vorliegen. Die Kirche orientiert sich daher an den Einwohnerzahlen der Regionen statt an Mitgliederlisten. Aufgrund der historischen Trennung von Staat und Kirche verfügt die französische Kirche über geringe finanzielle Mittel und ist im staatlichen oder sozialen Bereich kaum institutionell verankert. Die Arbeit konzentriert sich auf die klassische Gemeindepastoral und die Glaubensverkündigung in den Pfarreien, die überwiegend durch ehrenamtliche Kräfte getragen werden.

Trotz dieser Strukturen verzeichnen die französischen Diözesen seit fünf Jahren ein Wachstum bei den Anfragen nach dem Katechumenat, der Vorbereitung auf die Taufe. Die Zunahme betrifft städtische Regionen stärker als ländliche Gebiete, ist jedoch landesweit spürbar. Die Bistümer um Paris widmen sich dieser Entwicklung derzeit in einer speziellen Versammlung, der sogenannten Provinzversammlung der Kirche der Île-de-France. Dabei steht die Frage im Vordergrund, wie Gemeinden Menschen dauerhaft dabei unterstützen können, einen christlichen Lebensstil zu führen.

Soziale Zusammensetzung und Motive der Taufbewerber

Die Personen, die ein Katechumenat beginnen, lassen sich keinem einheitlichen Milieu zuordnen. Die Anfragen stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten, einschließlich sozial prekärer Bereiche. Ungefähr die Hälfte der Taufbewerber verfügt über einen familiären, christlichen Hintergrund ohne eigene religiöse Praxis. Die andere Hälfte besitzt keine Vorkenntnisse über das Christentum. Der Anteil von Konversionen aus dem Islam liegt unter zehn Prozent. Viele Bewerber sind in Frankreich geboren, weisen jedoch eine diverse ethnische Herkunft auf, die häufig mit der Migrationsgeschichte ihrer Familien zusammenhängt.

Als Motive für das Interesse am Christentum werden persönliche Krisenerfahrungen wie Krankheiten oder Verluste genannt, ebenso wie die Suche nach Orientierung in einer komplexen Welt. Einige Befragte gaben an, dass das regelmäßige Gebetsleben von Menschen in ihrem Umfeld oder die Erfahrung von Frieden und Trost während eines Gottesdienstes den Impuls zur Kontaktaufnahme gaben. Auch eine Faszination für die Liturgie wird als wesentlicher Faktor beschrieben.

Impulse für die Pastoraltheologie in Deutschland

Die Erkenntnisse aus Frankreich lassen sich aufgrund der abweichenden kirchlichen und finanziellen Strukturen nicht als fertiges Modell auf Deutschland übertragen. Dennoch liefert der Austausch theologische Impulse für die Praxis in Deutschland. Da wäre zum einen die Etappen der Begleitung: In Frankreich wird jedem Taufbewerber eine feste Begleitperson zugeordnet, die am Alltag des Katechumenen Anteil nimmt. Zudem spielen rituelle Schritte im Vorbereitungsprozess eine zentrale Rolle, die  als Strukturierung des christlichen Lebens verstanden werden . In Deutschland sind Erwachsenentaufen demgegenüber oft auf spezifische Stellen für Glaubensorientierung konzentriert und weniger stark im regulären Pfarrgemeinden verankert.

Ein weiterer Punkt betrifft die Offenheit der Gemeinden: Die französische Kirche steht vor der Aufgabe, traditionelle Gemeindestrukturen für neue Mitglieder zu öffnen. Die Erfahrung zeigt, dass etablierte Gruppen bisweilen dazu neigen, sich abzukapseln. Das theologische Konzept der Gastfreundschaft kann  hierbei als zentraler Begriff dienen, um interkulturelle und religiöse Unterschiede innerhalb des Katholizismus zu bewältigen.

Und schließlich gehe es um den internationalen Austausch: Angesichts globaler Krisen und der damit verbundenen Verwundbarkeit von Individuen plädiert Karl für einen verstärkten internationalen Austausch in der Pastoraltheologie. Während in Deutschland die gesellschaftliche Wirksamkeit der Kirche im Fokus steht und auch bleiben muss, bietet der Blick nach Frankreich ergänzende Perspektiven für die Begleitung individueller religiöser Suchbewegungen und die Qualifizierung von Ehrenamtlichen.

(vatican news)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen..

16. Juni 2026, 10:07