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Ein Spatz Ein Spatz  (©Juan Pablo Fuentes S - stock.adobe.com)

Unser Sonntag: Menschenfurcht

In dieser Betrachtung von P. Johannes Lechner geht es um die Angst. Furcht ist ein Grundaffekt mit konkretem Objekt: etwa eine Krankheit, ein Verlust, eine Bedrohung des Lebens. Sie ist unangenehm – aber sinnvoll: Sie schärft die Aufmerksamkeit und schützt vor Leichtsinn. Die Frage ist: Haben wir christliche Antikörper gegen das Virus der Angst?

P. Johannes Lechner

12. Sonntag im Jahreskreis Mt 10,26-33 

Das Empfinden von Angst und Bedrohung ist im Kontext der heutigen Gesellschaft ein mächtiger Faktor. Homo incertus – der Mensch ist verunsichert. Zukunftsangst ist gleichsam das Virus der Seele. Da stellt sich die Frage: Wie gehen wir damit um? Wie steht es um unser geistliches Immunsystem – haben wir christliche Antikörper gegen dieses Virus der Angst?

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Furcht ist ein Grundaffekt mit konkretem Objekt: etwa eine Krankheit, ein Verlust, eine Bedrohung des Lebens. Sie ist unangenehm – aber sinnvoll: Sie schärft die Aufmerksamkeit und schützt vor Leichtsinn. Ein Kletterer ohne jede Furcht kann den Berg unterschätzen – das kann zum Verhängnis werden. Angst dagegen ist gesichtslos. Sie hat kein konkretes Objekt. Sie ist einfach da – ein dumpfes Grundgefühl, das alles färbt. Kierkegaard und Heidegger beschreiben sie als Grundbefindlichkeit des modernen Menschen – als Angst vor dem Nicht-Gelingen, vor der Endlichkeit, vor dem Tod.

„Von der Genesis bis zur Apokalypse ist der biblische Mensch kein waghalsiger, furchtloser Held wie in einem Actionfilm, sondern er empfindet Furcht und bringt diese auch zum Ausdruck“

Angesichts der Vielzahl menschlicher Ängste findet sich der Zuruf „Fürchtet euch nicht!" häufig in der Schrift, im Alten wie im Neuen Testament. Er gehört wesentlich zur Botschaft des Evangeliums. „Fürchte dich nicht" beinhaltet zunächst die nüchterne Feststellung, dass Ängste da sind, die unser Leben beeinflussen. Von der Genesis bis zur Apokalypse ist der biblische Mensch kein waghalsiger, furchtloser Held wie in einem Actionfilm, sondern er empfindet Furcht und bringt diese auch zum Ausdruck.

Im Gebet schreit der Mensch zu Gott

Vor allem im Gebet schreit er in seinen Ängsten zu Gott, wie es besonders in den Psalmen zum Ausdruck kommt. Gott nimmt die menschlichen Ängste ernst und ermutigt uns, sie zu überwinden, zu vertrauen, zu handeln, weiterzugehen, nicht nachzulassen. Oft heißt es, dieser Zuspruch komme 365-mal in der Bibel vor – für jeden Tag des Jahres einmal. Ein schöner Gedanke – aber er entspricht nicht der Realität der Schrift. Zählt man alle Bibelstellen, an denen Gott, Christus oder ein göttlicher Bote als Sprecher auftreten, finden sich rund 126 Belege – etwa 170, wenn man den zwischenmenschlichen Gebrauch hinzurechnet. Wichtiger als die Zahl ist freilich die Botschaft: Gott spricht dieses Wort immer in eine konkrete Not hinein – um die Furcht zu überwinden.

Die Sendungsrede: Menschenfurcht

Im heutigen Evangelium sagt Jesus dreimal zu seinen Jüngern: „Fürchtet euch nicht“. Der Kontext des 10. Kapitels bei Matthäus ist die erste Aussendung der Jünger. Jesus hält eine Sendungsrede und spricht dabei eine ganz spezifische Angst an: die Menschenfurcht – die Gefährdung, die sie erfahren, wenn sie sich zu ihm bekennen und in seinem Auftrag zu den Menschen gehen. Er fordert sie zu furchtloser Verkündigung und furchtlosem Bekenntnis auf und dazu, Gottesfurcht und Gottvertrauen über die Angst um das eigene Leben zu stellen. Jesus bereitet die Jünger auf Widerstand und Verfolgung in der Mission vor.

„Die moderne Form dieser Menschenfurcht ist, „gecancelt" zu werden, medial ausgegrenzt oder einfach ignoriert“

Grundsätzlich sehnen wir uns danach, dass unsere Mitmenschen uns annehmen, uns respektieren und schätzen. Es tut weh, zurückgewiesen oder belächelt zu werden und allein dazustehen. Es ist gar nicht so leicht, die Menschenfurcht in der Verkündigung des Evangeliums zu überwinden. Es kann passieren, dass mich jemand schief anschaut oder nicht für voll nimmt, weil ich noch in der Kirche bin und zum Sonntagsgottesdienst gehe. Die moderne Form dieser Menschenfurcht ist, „gecancelt" zu werden, medial ausgegrenzt oder einfach ignoriert. Es ist einfacher, nicht anzuecken, keine Wellen zu erzeugen, sich nicht in Auseinandersetzungen hineinziehen zu lassen.

Die Wahrheit braucht keine Angst

Jesus sagt: „Es gibt nichts Verhülltes, das nicht enthüllt, und nichts Verborgenes, das nicht bekannt wird“. Die Wahrheit braucht keine Angst. Angst vor Menschen ist unnötig, weil Gottes Wahrheit sich am Ende offenbart. Angst hat etwas Dunkles an sich – es ist geradezu ihr Merkmal, sich aus dem Hellen zurückzuziehen. Wer die Angst vertreibt, bei dem wird es hell. Das griechische Wort für Wahrheit ist Aletheia – das Unverborgene: das, was ans Licht kommt. Angst sucht das Verborgene, die Wahrheit das Licht. Darum kann Jesus sagen: „Predigt es von den Dächern“.

„Für das Evangelium brauchen wir uns nicht zu schämen. Es ist eine frohe Botschaft des Lebens“

Für das Evangelium brauchen wir uns nicht zu schämen. Es ist eine frohe Botschaft des Lebens, der Erlösung, der Wahrheit und der Liebe. Es enthält ein realistisches, wohltuendes und hoffnungsvolles Bild vom Menschen und offenbart uns Gott, der Geist, Licht und Liebe ist. Papst Leo nennt in seiner Enzyklika Magnifica humanitas Männer und Frauen, die zeigen, dass sich Geschichte verändern kann, wenn auch nur ein Mensch im Licht des Evangeliums die Würde aller ernst nimmt.

Das Gute geschieht nicht von selbst

Er erinnert etwa an Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung in den USA oder an Nelson Mandela, der nach seiner Befreiung entschied, die Zukunft nicht vom Hass bestimmen zu lassen. Er nennt Heilige wie Laura Montoya und Teresa von Kalkutta, aber auch Zeugen wie Maximilian Kolbe, Oscar Romero und François-Xavier Nguyên Văn Thuân, die selbst unter schwersten Bedingungen die Hoffnung des Evangeliums lebten. Und schließlich spricht er von den „Märtyrern des Alltags“: Menschen, die pflegen, erziehen, begleiten und trösten – Eltern, Pflegekräfte, Ärzte, Freiwillige. Ihr Zeugnis zeigt: Das Gute geschieht nicht von selbst (vgl. MH, Nr. 124–125).

„Dass Gott die Haare zählt, ist ein Sinnbild: Er kennt unser Leben bis ins Kleinste“

Genau in diese Welt des alltäglichen Mutes hinein spricht Jesus sein erstaunlichstes Trostbild: die Spatzen, die laut zwitschern und munter hin- und herfliegen. Der Spatz gilt als geringer, fast wertloser Vogel – zwei Stück für einen Pfennig. Und doch, sagt Jesus, fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen des himmlischen Vaters. Und bei euch sind sogar die Haare gezählt. Ein gesunder Mensch hat etwa 100.000 Haare auf dem Kopf. Aber niemand zählt seine Haare. Dass Gott sie zählt, ist ein Sinnbild: Er kennt unser Leben bis ins Kleinste. Er achtet, was wir übersehen. Gottes Vorsehung reicht bis ins Unscheinbare.

Die Hand Gottes liegt zärtlich auf uns

Jede und jeder darf sich in der Hand Gottes geborgen wissen, im Vertrauen, dass er uns nicht fallen lässt. Und noch mehr: Haare zählt man eigentlich nicht – man streichelt sie. Es ist die Geste der Zärtlichkeit – einer Mutter für ihr Kind oder von Liebenden füreinander. So liegt auch die Hand Gottes zärtlich auf uns. Er lädt die Jünger – und uns – zu einem tiefen Gottvertrauen ein, das die Menschenfurcht zu überwinden vermag. Jesus versichert uns: Er steht zu uns, wenn wir uns zu ihm bekennen. Und Jesus bekennen heißt vor allem, ihn zu kennen – von ihm, seinem Wirken und seiner Freundschaft zu erzählen.

„Ich bin mit dir!“

Die stärkste Begründung, warum wir uns nicht fürchten müssen, liegt in seiner festen Verheißung: „Ich bin mit dir!“ Wenn Gott da ist, können wir wirklich alle Ängste überwinden. Es heißt nicht, dass du nicht krank werden kannst oder nicht sterben musst. Es heißt nicht, dass du keine Sorgen um deine Kinder, keine Probleme in der Arbeit, keinen Streit in der Familie kennen wirst. Es heißt nicht, dass du ein unbesiegbarer Held bist, der unverwundbar von Erfolg zu Erfolg schreitet.
„Ich bin mit dir!“ Das heißt: Du musst all das nicht alleine tragen. Gott gibt dir seine Gnade, sodass dein Leben zu einem brennenden Dornbusch wird, zu einem lebendigen Zeugnis seiner Gegenwart inmitten aller Widersprüche, Mühen und Leiden dieses Lebens. Im Licht Gottes bekommt dein Leben eine einzigartige Strahlkraft.
Am Anfang habe ich gefragt: Haben wir christliche Antikörper gegen das Virus der Angst? Die Antwort des Evangeliums ist klar – sie ist keine Methode, keine Technik, kein Programm. Sie ist eine Person und eine Verheißung: „Ich bin mit dir!“. Unser Teil ist es, seine Gegenwart zu suchen und aus ihr zu leben. So wird unsere Ungewissheit zur Gelassenheit – weil er mit uns ist.

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

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20. Juni 2026, 11:02