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. Mit unserem Kollegen Stefan von Kempis sprechen wir darüber, ob die drei Enzykliken als eine Trilogie der Soziallehre zu betrachten sind. . Mit unserem Kollegen Stefan von Kempis sprechen wir darüber, ob die drei Enzykliken als eine Trilogie der Soziallehre zu betrachten sind.  (@Vatican Media)

„Magnifica humanitas“ als Ende einer Trilogie?

Die drei Sozial-Enzykliken „Rerum novarum“, „Pacem in terris“ und „Magnifica humanitas“ sorgten auch außerhalb von kirchlichen Kreisen für Aufmerksamkeit. Alle drei Päpste, Leo XIII., Johannes XXIII. und Leo XIV., waren beziehungsweise sind, in der Lage, außerhalb der katholischen Brille die gesellschaftlichen Zeichen der Zeit zu erfassen. Mit unserem Kollegen Stefan von Kempis sprechen wir darüber, ob die drei Enzykliken als eine Trilogie der Soziallehre zu betrachten sind.

Sabrina Czarnetzki: Papst Leo XIII. ist in Enzyklika „Magnifica humanitas“ allgegenwärtig. So bezieht sich Papst Leo XIV. darin des Öfteren auf die Enzyklika „Rerum novarum“. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der aktuelle Papst seine Enzyklika auf den Tag genau 135 Jahre nach der Veröffentlichung von „Rerum novarum“ unterzeichnete. Stefan, wird die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. zu Recht als „Rerum novarum 2.0“ bezeichnet?

Stefan Kempis: Ja, das ist genau die Wette, von der man aber noch nicht weiß, ob sie aufgeht. Das wird man in ein paar Jahren noch nicht, in Jahrzehnten sagen können, ob diese Enzyklika wirklich diese bahnbrechende Bedeutung erlangen wird, wie sie der Text von Leo XIII. bekommen hat .Der Gedanke ist spannend, sich auf diesen Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert zu beziehen, schon in der Namenswahl, nicht nur dann in der ersten Enzyklika. Aber ob KI und Menschenbild in seiner Verklammerung wirklich das große Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein wird, das entscheidet über das Schicksal dieser Enzyklika jetzt mit.

 Leo XIII. hatte damals wirklich den Finger am Puls der Zeit, als er sich zur Arbeiterfrage im Industriezeitalter äußerte. Ob jetzt Leo wirklich so ins Schwarze getroffen hat mit seiner Zeitdiagnose, dass man noch in 20 Jahren sagen kann, kann man heute noch so sehen, oder ob die Entwicklung so rasant wieder in andere Richtungen verläuft, wie wir uns das heute vielleicht gar nicht richtig vorstellen können. Das entscheidet vor allen Dingen darüber, wie relevant die Enzyklika auf längere Sicht gesehen werden wird.

Papst Leo XIV. geht in „Magnifica humanitas“ auch auf die letzte Enzyklika Papst Johannes XXIII. „Pacem in terris“ ein. Diese war die erste Enzyklika, die sich nicht nur an Katholiken, sondern an alle Menschen guten Willens wendete. Mitten im Kalten Krieg propagierte Johannes XXIII. in dieser universelle Grundrechte und eine unveränderliche Menschenwürde. Papst Leo XIV. lobt den universellen Horizont Johannes XXIII., der Verweis auf die Menschenrechte als gemeinsame Grundlage und die Überzeugung, dass dauerhafte Frieden, Institutionen und Beziehungen zwischen den Völkern erfordert, die von der Würde eines jeden Menschen inspiriert sind.

Das Kollgengespräch zum Hören (S. Czarnetzki, S.v. Kempis)

Themensetzung bis heute gültig

Sabrina Czarnetzki: Wird die Bedeutung des ethischen Gerüsts - also Menschenwürde, Grundrechte, gerechter Frieden - von Johannes XXIII. in der aktuellen Berichterstattung zur Enzyklika von Papst Leo XIV. zu wenig Beachtung geschenkt? Oder ist diese möglicherweise gar nicht so groß?

Stefan Kempis: Das ist eine gute Frage.  Natürlich ist, was auch schon für die Enzyklika Leos XIII. „Rerum novarum“ gilt, auch „Pacem in terris“ von Johannes XXIII. sprachlich sehr der eigenen Zeit verhaftet. Wenn man den Text heute liest, muss man eigentlich schon um seine Bedeutung wissen, um wirklich hinter diesen für uns dürren Formulierungen noch die Aktualität herauszuspüren. Es war eher diese Themensetzung des Roncalli-Papstes, die bis heute gültig ist, eben der Bezug auf die Menschenrechte. Aber wenn man den entsprechenden Passus zu Menschenrechten in der Enzyklika liest, Jahrzehnte nach der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen, dann ist das doch recht stroren und allgemein und nicht das wirkliche volle Bekenntnis der katholischen Kirche zu Menschenrechten.

Das Konzil war damals übrigens noch im Gang und hat das dann auf seine Weise noch eingeholt. Das war schon seiner Zeit verhaftet, aber diese Schwerpunktsetzung Menschenrechte, Grundrechte des Menschen, Frieden, das zeigt sich einfach als Thema heute umso mehr in seiner Aktualität. Und da kann man sagen, Hallo, da hat Johannes XXIII. damals schon dran erinnert. Aber wenn wir diese Texte jetzt lesen, wie das überhaupt bei älteren Enzykliken so geht, kommen wir schwer in sie hinein und sagen, das ist doch alles seitdem auch griffiger formuliert worden. Was bleibt, sind diese großen Themensetzungen.

Das Thema Menschenrechte hatte noch kein Pontifikat so explizit vor dem von Johannes XXIII. - 58 bis 63 - entdeckt. Man muss dann lange suchen und hat das auch getan und ist dann auch fündig geworden, um mal Papst-Aussagen zu diesem Bereich zu finden. Also eher, dass solche Themen mal stark gemacht werden und herausgeholt werden. Das macht diese Enzykliken im Rückblick groß. Auch „Rerum novarum“ als der eigentliche Text, selbst heute gelesen.

Katholische Soziallehre viel reicher als diese drei Enzykliken

Sabrina Czarnetzki: „Rerum novarum“ gilt als die Mutter aller sozialen Enzykliken. In dieser setzt sich zum ersten Mal ein Papst mit der sozialen Frage auseinander. Die Enzyklika vom Papst Johannes XXIII., „Pacem in terris“, aus dem Jahr 1963, wird dagegen als Meilenstein der Kirchengeschichte rezipiert. Mit seiner Perspektive auf die universellen Menschenrechte öffnet Johannes XXIII. die katholische Kirche für diese. Könnte man sagen, Papst Leo XIV. vereint mit seinen zentralen Anliegen, dem Schutz der Menschenwürde, das Konzept von Leo XIII. mit dem von Johannes XXIII.?

Stefan Kempis: Ja, das könnte man sagen. Er stellt sich ganz eindeutig in diese Tradition dieser großen Themen aus der Sicht der Pontifikate. Aber vielleicht ist es auch zu verkürzt, nur auf diese Trilogie einzugehen, so sehr die Versuchung groß ist, zu sagen, da haben wir aus jedem Jahrhundert 19., 20., 21. einen großen Text des päpstlichen Lehramts, auf den wir uns fokussieren können. Es gab ja noch unglaublich viel mehr Sozialenzykliken der Päpste. Allein Johannes XII. hat mindestens zwei geschrieben. Eins auch zum 80. Geburtstag, punktgenau von „Rerum novarum“.

Und zweitens „Laborem exercens“, in denen er neben seiner üblichen Kommunismus Kritik als polnischer Papst, mitten im Kalten Krieg, jetzt kurz nach dem Mauerfall auch sehr böse mit dem Kapitalismus abgerechnet hat. Also es gibt durchaus noch andere interessante Texte der Soziallehre, auf die sich auch „Magnifica humanitas“ bezieht.

Es sind also nicht nur diese beiden Vorgänger Leo XIII. und Johannes XXIII. Da sind auch die Texte dazwischen. Da würde ich auch vor allen Dingen einen Nicht-Enzyklika, aber großen Text, „Populorum progressio“, der Fortschritt der Völker, von Papst Paul VI. aus den 60er Jahren noch mit hinzunehmen. Also das päpstliche Lehramt hat sich seit dieser Startschuss-Enzyklika „Rerum novarum“ dann eigentlich ständig mit der weiteren Ausgestaltung der Soziallehre beschäftigt. Und da finden wir einen sehr reichen Schatz an Texten, natürlich auch von Franziskus. Das Umweltthema in „Laudato si´“ 2015 stark zu machen, ja überhaupt erst in päpstliche Definitionsbereiche und den kirchlichen Raum, in die kirchliche Dogmatik so stark mit hineinzuziehen, das ist auch etwas Erstmaliges.

Also unsere katholische Soziallehre ist auch viel reicher als diese drei Enzykliken, auf die wir jetzt immer schauen. Und aus meiner Sicht jedenfalls ist es immer nach einigen Jahrzehnten dann die Feststellung, das und das waren die großen Themen der Zeit, dass man sagen kann, oh, und da ist die Enzyklika dazu. Da haben wir dann aber tatsächlich die Trilogie in den Händen.

Themen der Zeit angesprochen

Sabrina Czarnetzki: Auf das zurückkommend, was du gerade gesagt hast, können die drei Enzykliken „Rerum novarum“, „Pacem in terris“ und „Magnifica humanitas“ als Trilogie der Soziallehre der katholischen Kirche betrachtet werden? Und wie wird man über die erste Enzyklika Papst Leos in 50 Jahren sprechen?

Stefan Kempis: Fangen wir mal mit dem zweiten Teil der Frage an. Ich glaube, dass man in 50 Jahren weiter die prophetische Kraft der Enzyklika „Rerum novarum“ sehen wird. Die hat sich einfach im Lauf der Jahrhunderte mittlerweile, also von zwei Jahrhunderten, als starker Anfangstext erwiesen. Den Primat kann „Rerum novarum“ keiner mehr nehmen. Übrigens hat Leo, was kaum jemand weiß, über 100 Enzykliken geschrieben, und die meisten davon sind gleich hintenübergekippt, um es etwas salopp zu sagen, also an die denkt keiner mehr. Da hatte er aber mal einen Treffer. Kann man diese Trilogie wirklich als die Quintessenz der Soziallehre nehmen, in dem Sinn, dass hier die großen Themen unserer Zeit angesprochen werden? Glaube ich ja.

Allerdings, von „Magnifica humanitas“ wird sich das erst noch erweisen müssen, wie standfest die Auslassung des Papstes, die Einlassung des Papstes dann auch angesichts der Entwicklung auf dem Gebiet von KI und so weiter sein werden und Menschenbild. Da kann uns ja noch einiges drohen und blühen, von dem wir jetzt auch umrisshaft noch gar keine Ahnung haben. Und dann kann es auch sein, böse gesagt, dass „Magnifica humanitas“ in fünf Jahren sich ausmacht wie ein uralter Text, der gar nicht mehr ins Heute spricht. Kann passieren.

(vatican news - sc & sk)

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23. Juli 2026, 16:45