Unser Sonntag: Fremdlinge
Dr. Patrick Körbs, Honduras
Mt 14, 22-33
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, Schwestern und Brüder im Herrn,
Fremde Menschen begegnen uns täglich. Im Supermarkt, im Zug, vielleicht an der Haustür. Und fast automatisch stellen wir uns Fragen: Woher kommt dieser Mensch? Was will er? Kann ich ihm vertrauen? Diese Fragen entspringen einer tiefsitzenden menschlichen Unsicherheit. Das Fremde ist das Unbekannte, und das Unbekannte löst oft Angst aus.
Die erste Lesung aus dem Buch Jesaja entsteht in einer Zeit des Neuanfangs. Die Israeliten kehren aus dem babylonischen Exil zurück nach Jerusalem und müssen ihr Gemeinwesen neu ordnen. Die Frage, wer dazugehört, wird diskutiert. Und genau hier setzt der Prophet an.
Gott spricht: Wahrt das Recht und übt Gerechtigkeit, denn bald kommt mein Heil und meine Gerechtigkeit wird sich bald offenbaren! (Jes 56,1). Der Prophet macht zwei Dinge deutlich: Erstens, das Heil Gottes steht bevor. Zweitens, dieses Heil ist an Bedingungen geknüpft – an Recht und Gerechtigkeit. Aber nicht an Herkunft oder Abstammung.
Ein Haus des Gebetes für alle Völker
Und dann folgt etwas Erstaunliches: Und die Fremden, die sich dem Herrn anschließen, um ihm zu dienen und den Namen des Herrn zu lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen und die an meinem Bund festhalten, sie werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Haus des Gebets (…), denn mein Haus wird ein Haus des Gebetes für alle Völker genannt werden (Jes 56,6–7).
Entscheidend ist der Glaube
Der Prophet Jesaja unterstreicht hier, dass die Zugehörigkeit zu Gott nicht mehr an ethnischer Herkunft gemessen wird. Entscheidend ist nicht die Abstammung, sondern der Glaube, der sich im Halten der Gebote zeigt. Die Fremden, werden vollgültige Mitglieder der Gemeinde. Sie dürfen zum heiligen Berg kommen. Gott selbst spricht ihnen diesen Platz zu. Und der Höhepunkt: „Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt werden" (Jes 56,7) – ein revolutionärer Satz im Alten Testament.
Die Frage nach der Vertrauenswürdigkeit des Fremden wird hier umgekehrt: Gott macht den Fremden vertrauenswürdig, indem er ihn annimmt. Die innere Haltung, nicht mehr allein die Zugehörigkeit durch Abstammung, ist entscheidend geworden.
Das Evangelium von der kanaanäischen Frau ist auf den ersten Blick sperrig. Jesus kommt in das Gebiet von Tyrus und Sidon – eigentlich heidnisches Gebiet, das im Alten Testament für Laster und Sünde steht. Eine kanaanäische Frau – also eine Fremde, eine Heidin – schreit Jesus an: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“ (Mt 15,22).
Jesus schweigt zunächst. Dann sagt er etwas Befremdliches: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt" (Mt 15,24). Und als die Frau ihn anfleht, sagt er: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern zu nehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen" (Mt 15,26). Ein harter Satz. Die Israeliten bezeichneten die Heiden oft als „Hunde" – und Jesus scheint diese Sprache aufzugreifen.
Aber diese Frau lässt sich nicht abweisen. Sie antwortet mit unglaublichem Scharfsinn und Demut: „Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen." (Mt 15,27). Sie akzeptiert ihre „untergeordnete" Position, aber sie dreht den Spieß um: Auch wenn die Kinder zuerst kommen, es gibt genug Brot für alle. Und dann geschieht das Entscheidende: Jesus sagt zu ihr: "Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst." (Mt 15,28). Ihre Tochter wird geheilt.
Ihr Glaube überwindet alle Hindernisse
Diese Frau ist in mehrfacher Hinsicht fremd: fremd von der Volkszugehörigkeit, fremd von der Religion, fremd von der Kultur. Die Jünger wollen sie am liebsten wegschicken. Aber ihr Glaube überwindet alle Hindernisse. Sie zeigt, worauf es wirklich ankommt: nicht auf Herkunft, sondern auf ein unbändiges Vertrauen in Jesus. Interessant ist, dass Jesus sich hier von der Frau sozusagen „überzeugen" lässt. Seine Sendung zu Israel ist ernst zu nehmen, aber sie schließt nicht aus, dass auch andere – ja, gerade Fremde – an diesem Heil teilhaben können.
Im Alten Testament waren es Abstammung und Volkszugehörigkeit. Bei Jesaja ist es der Glaube, der sich in der Nachfolge in besonderer Weise zeigt. Im Matthäusevangelium ist es der „große Glaube" der kanaanäischen Frau, der über Herkunft und Grenzen hinwegwirkt. In beiden Fällen wird das Tor für Fremde geöffnet.
Die Fremden bei Jesaja werden zu „Knechten Gottes", sie dürfen opfern wie die Israeliten. Die kanaanäische Frau wird von Jesus für ihren großen Glauben gelobt – während seine eigenen Jünger oft kleinmütig sind. Der Fremde, der als Bedrohung wahrgenommen wird, wird zur Inspiration.
Bei Jesaja spricht Gott selbst: „Ich bringe sie zu meinem heiligen Berg." Bei Matthäus handelt Jesus in Vollmacht Gottes und ändert seine Haltung aufgrund des Glaubens der Frau. Gott will, dass sein Haus ein Haus des Gebets für alle Völker wird.
Gott vertraut dem Fremden, wenn dieser glaubt
Die Frage „Ist dieser Fremde vertrauenswürdig?" wird in den biblischen Texten umgekehrt: Gott vertraut dem Fremden, wenn dieser glaubt. Und wir sind aufgerufen, diesem Urteil Gottes zu vertrauen. Wir müssen nicht erst prüfen, ob der Fremde „dazugehört". Gott hat ihn bereits dazugezählt.
Die kanaanäische Frau bringt Jesus dazu, seine erste Reaktion zu revidieren. Sie zeigt ihm eine neue Dimension des Glaubens. So kann auch die Begegnung mit Fremden für uns eine Bereicherung sein – sie konfrontiert uns mit unserem eigenen Glauben, sie fordert uns heraus, sie zeigt uns Gott auf neue Weise.
Christen als Fremdlinge
In der Bibel gibt es eine tiefe Einsicht: Die Christen selbst sind Fremde in dieser Welt. Der erste Petrusbrief spricht von den Christen als Fremdlinge und Gäste (1 Petr 2,11). Wenn wir Christen uns selbst als fremd verstehen, können wir nicht einfach ein Gegenüber zu sogenannten Fremden sein. Fremdheit ist immer schon Teil unserer eigenen Identität. Diese Einsicht entmachtet die Angst vor dem Fremden.
Der Tempel in Jerusalem war ursprünglich ein Ort exklusiver Zugehörigkeit. Jesaja sieht ihn als Ort der Offenheit für alle Völker. Diese Vision erfüllt sich in Jesus Christus, der die Grenzen sprengt und alle Menschen zu sich ruft. Als Kirche sind wir aufgerufen, diese Offenheit zu leben.
Glaube überwindet Fremdheit
Die Begegnung mit Fremden konfrontiert uns mit Unsicherheit. Das ist menschlich. Aber der christliche Glaube lehrt uns, diese Unsicherheit nicht mit Abgrenzung zu beantworten, sondern mit Offenheit. Beide Texte zeigen: Der Glaube überwindet die Fremdheit.
Wir Christen sind eingeladen, diesen Glauben zu leben. Nicht als Menschen, die alles wissen und beurteilen, sondern als Menschen, die selbst auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind – und die deshalb offen sind für alle, die Gott liebt. Denn Gottes Haus ist ein Haus des Gebets für alle Völker – und das schließt uns und unsere Fremden unserer Zeit mit ein. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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