...da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. ...da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. 

Unser Sonntag: Die Stille suchen

Patrick Körbs lädt uns ein, Jesus unsere ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Um die Ruhe in den Stürmen unserer Zeit zu finden, könnten wir uns auch auf den Versuch einlassen, die Stille zu suchen: Handy aus - in die Schublade. Lassen wir uns überraschen, welchen Raum der Gottesbegegnung die Stille ermöglicht.

Patrick Körbs - Honduras

Mt 14, 22-33

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
zwei Geschichten betrachten wir an diesem 19. Sonntag im Jahreskreis: Da ist der Prophet Elija. In der ersten Lesung wird uns die Begebenheit beschrieben, wie der Prophet soeben seine Mission beendet sieht, doch dann kommt die Angst und er flieht in die Wüste. Er ist am Ende seiner Kraft, will nicht mehr weiterleben.

Hier zum Nachhören

Und dann – auf dem Gottesberg Horeb – sucht er Gott. Ein gewaltiger Sturm kommt, dann ein Erdbeben, dann Feuer. Aber in all dem ist Gott nicht. Erst nach all dem Brausen kommt eine leise, sanfte Stimme, ein Säuseln – und in dieser Stille begegnet Elija Gott.
Und im Evangelium begegnen wir nun der Fortsetzung, wie es nach der wundersamen Speisung weiterging: Jesus geht auf den See hinaus. Die Jünger sind im Boot, mitten in der Nacht, der Wind treibt sie umher. Da kommt Jesus – er geht auf dem Wasser. Und als er in das Boot steigt, legt sich der Sturm – auch der innere Sturm der Angst, den die Jünger erlitten haben.

In der Stille begegnet Elias Gott

In der Vorbereitung dieser Betrachtung erinnerte ich mich an eine Szene aus dem Film über den Kartäuserorden: „Die große Stille“ von Philipp Gröning. In einer Szene werden genau diese Worte der Lesung eingeblendet: Gott war nicht im Sturm, im Feuer oder im Erdbeben – in der Stille begegnet der Prophet Elias Gott.
Die Karthäuser– sie leben seit fast tausend Jahren in der Stille. Sie haben sich zurückgezogen, um nichts anderes zu tun, als Gott zu suchen. Jeder Mönch lebt in seiner eigenen kleinen Zelle, einer Einsiedelei mit kleinem Garten. Diese Einsiedeleien sind durch einen großen Kreuzgang verbunden. Und wenngleich es auch Elemente des Gemeinschaftslebens gibt, ist doch alles so ausgerichtet, dem Lärm und unnötigen Begegnungen zu entgehen.

„Gott ist nicht im Lärm, nicht in der Hektik – Gott ist in der Stille.“

Ihre Spiritualität ist geprägt von einem tiefen Vertrauen: Gott ist nicht im Lärm, nicht in der Hektik – Gott ist in der Stille. Die Karthäuser – und mit ihnen viele Ordensleute – sie haben sich für ein Leben entschieden, das für uns heute fast unvorstellbar scheint: kein Smartphone, keine Nachrichten, keine sozialen Medien. Nur Stille. Nur das Hören auf Gott.
Aber was heißt das für uns? Für uns, die wir aufwachen mit dem Smartphone in der Hand? Für uns, die wir den ganzen Tag umgeben sind von Nachrichten, von Klingeln, von Vibrieren, von tausend kleinen Unterbrechungen?

Wir leben in einer Welt, die die Stille scheut

Wir leben in einer Welt, die die Stille scheut. Es gibt kaum noch einen Moment, in dem wir wirklich allein sind mit unseren Gedanken. Und wenn wir allein sind, dann greifen wir meist zum Handy – um die Stille zu füllen.
Viele Menschen empfinden Stille heute nicht mehr als wohltuend, sondern als bedrohlich. Sie wird unangenehm, vielleicht sogar unheimlich. Ich habe einmal in einem Gespräch zu diesem Thema folgendes gesagt bekommen: „Es wird immer wieder behauptet, in der Stille könne man Gott finden, denn wenn es still wird um uns herum, könnten wir seine Stimme hören. Ist das wirklich so? Zunächst einmal komme ich vielmehr in der Stille zu mir selbst.“

„Wer in der Stille aushält, begegnet sich selbst“

Vielleicht ist das der erste Schritt: In der Stille zu mir selbst kommen. Wer in der Stille aushält, begegnet sich selbst – den unruhigen Gedanken, den Ängsten, aber auch den tiefen Sehnsüchten. In einer Kurzgeschichte werden einem Mönch folgende Worte nachgesagt: „Wenn man in einen tiefen Brunnen blickt, sieht man zuerst nichts. Dann, wenn das Wasser ruhig wird, sieht man sich selbst. Und wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge.“

Raum für Gott

Die Stille ist nicht einfach nur Leere. Sie ist Raum. Raum, um zu sich selbst zu kommen. Raum, um die vielen Stimmen in uns zu ordnen. Und vielleicht – ganz langsam – einen Raum zu öffnen, in dem wir Gott begegnen können.
Vielleicht sind diese sommerlichen Wochen und diese Urlaubstage genau der richtige Moment für ein Experiment. Die kontemplative Tradition schlägt einen einfachen Weg vor: Einfach sitzen. Jeden Tag ein paar Minuten. 20 Minuten werden oft empfohlen. Einfach sitzen, ohne etwas tun zu müssen. Nicht beten im Sinne von vielen Worten. Sondern still sein. Atmen. Da sein. Man kann einen kurzen Satz aus der Bibel wiederholen, das hilft, den Geist zu sammeln. Oder man sitzt einfach da – in offener Aufmerksamkeit.

„Thomas Keating: Die Stille die „Muttersprache Gottes““

Der US-Amerikanische Trappistenmönch Thomas Keating, ein großer Lehrer des kontemplativen Gebets, hat die Stille die „Muttersprache Gottes“ genannt. Gott spricht diese Sprache. Wir müssen sie nur lernen.

Für viele klingt das erstmal zu einfach – oder zu schwer. Zu schwer, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, einfach nur still zu sein. Der Verstand schweift ab, die Gedanken kreisen. Das ist aber ein ganz normales, sogar gesundes Zeichen. Es geht nicht darum, den Geist leer zu bekommen. Es geht darum, den Geist zu füllen – mit Gott. Es geht darum, immer wieder zurückzukommen, sanft, ohne sich selbst zu verurteilen.

Die christliche Meditation richtet die Aufmerksamkeit auf Gott

Und es gibt einen Unterschied: In den asiatischen Meditationstraditionen geht es oft darum, den Geist zu leeren und sich von der Welt zu lösen. Die christliche Kontemplation will anderes: Sie will die Aufmerksamkeit auf Gott richten. Sie will das Herz öffnen für Gottes Gegenwart, die schon da ist – die wir nur nicht wahrnehmen. Das Ziel ist nicht die Loslösung von der Welt, sondern eine tiefere Bindung an Gott, der in der Welt wirkt.
Das ist der entscheidende Punkt: Wir müssen Gott nicht finden. Gott ist schon da. Er ist immer gegenwärtig, wie Jesus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Wir sind es, die abgelenkt sind. Wir sind es, die Gott nicht wahrnehmen, weil wir so beschäftigt sind.

Gott ist schon da

Die Karthäuser-Mönche sagen: Gott ist in der Stille. Nicht weil er sich versteckt, sondern weil wir ihn im Lärm nicht hören können. Wir müssen innehalten und uns selbst begegnen, um Gott begegnen zu können. Die Stille ist die Voraussetzung.
In der Geschichte von Elija sehen wir: Gott ist nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer. Er ist in der leisen, sanften Stimme. Im Evangelium sehen wir: Solange Petrus auf Jesus schaut, kann er auf dem Wasser gehen. Sobald er den Wind und die Wellen bemerkt, die Angst und den Lärm – fängt er an zu sinken.

„Das ist die Einladung, die uns dieser Sonntag heute schenkt: Richte deinen Blick auf Jesus.“

Das ist die Einladung, die uns dieser Sonntag heute schenkt: Richte deinen Blick auf Jesus. Nicht auf den Lärm um dich herum. Nicht auf die tausend Nachrichten, die deine Aufmerksamkeit fordern. Lass Dich nicht ablenken. Richte deinen Blick auf den, der über dem Wasser geht, der den Sturm stillt, der in der Stille spricht.
In unserer Zeit mit all ihren positiven Errungenschaften, aber auch mit all den Ablenkungen, die uns von überall her erreichen, kommen wir uns vielleicht auch wie auf einem stürmischen Wellengang vor – als ob wir nicht mehr selbst die Richtung in unserem Leben bestimmen könnten. Um die Ruhe in den Stürmen unserer Zeit zu finden, könnten wir uns auch auf diesen Versuch einlassen, die Stille zu suchen. Bewusst für eine Zeit das Handy ausschalten und mal ganz weg legen, in eine Schublade. Lassen wir uns überraschen, was es in uns verändert, wirklich zur Ruhe zu kommen und in dieser Stille einen Raum der Gottesbegegnung offen zu halten. Ihnen allen einen gesegneten Sonntag!

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

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08. August 2026, 10:32