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Angelus: Die Katechese im Wortlaut

Lesen Sie hier die Katechese des Papstes in einer Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan. Die offizielle Übersetzung finden Sie in Kürze auf www.vatican.va.

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Es ist schön, den Platz in der Sonne zu sehen! Das ist schön!

Der heutige Evangelientext (vgl. Mk 1,40-45) schildert uns die Begegnung zwischen Jesus und einem Leprakranken. Aussätzige galten als unrein und mussten nach den Vorschriften des Gesetzes außerhalb der Stadt bleiben. Sie waren von jeder menschlichen, sozialen und religiösen Beziehung ausgeschlossen. Sie konnten zum Beispiel nicht die Synagoge oder den Tempel betreten. Jesus aber lässt sich von diesem Mann ansprechen; er ist bewegt, ja er streckt sogar seine Hand aus und berührt ihn. Das ist damals unvorstellbar.

Auf diese Weise erfüllt er die Frohe Botschaft, die er verkündet: Gott ist unserem Leben nahegekommen; er hat Mitleid mit dem Schicksal der verwundeten Menschheit und er kommt, um jede Barriere niederzureißen, die uns daran hindert, unsere Beziehung zu ihm, zu den anderen und zu uns selbst zu leben. Er wurde uns nahe… Nähe – erinnert euch gut an dieses Wort. Nähe; Mitleid… Und Zärtlichkeit. Drei Worte, die den Stil Gottes anzeigen. Nähe, Mitleid, Zärtlichkeit.

In dieser Episode sehen wir zwei „Übertretungen“, die miteinander einhergehen: die Übertretung des Aussätzigen, der sich Jesus nähert (das durfte er nicht); und Jesus, der ihn von Mitleid bewegt berührt, um ihn zu heilen. Auch das durfte er nicht… Alle beide sind Übertreter (des Gesetzes).

Die erste Übertretung ist die des Aussätzigen: trotz der Gesetzesvorschriften verlässt er die Isolation und geht zu Jesus. Seine Krankheit gilt als Strafe Gottes, in Jesus aber kann er ein anderes Antlitz Gottes sehen: nicht den Gott, der züchtigt, sondern den Vater des Mitgefühls und der Liebe, der uns von der Sünde befreit und uns niemals seiner Barmherzigkeit beraubt. Und so kann dieser Mann seine Isolation verlassen. In Jesus findet er nämlich Gott, der seinen Schmerz teilt. Die Haltung Jesu zieht ihn an; drängt ihn, aus sich herauszugehen und ihm seine schmerzliche Geschichte anzuvertrauen.

Erlaubt mir hier einen Gedanken – an viele gute Priester und Beichtväter. Sie haben diese Haltung, Menschen anzuziehen. Und viele Menschen, die sich durch ihre Sünden niedergedrückt werden, ziehen sie an… Gut, diese Beichtväter, die nicht die Peitsche in der Hand halten, sondern aufnehmen und sagen: Gott ist gut, Gott wird nie müde, zu vergeben… Für alle diese guten Beichtväter bitte ich euch hier auf dem Platz um einen Applaus!

Gott kennt keinen „Sicherheitsabstand“

Die zweite Übertretung ist die Jesu: obwohl es das Gesetz verbot, Aussätzige zu berühren, ist er gerührt, streckt seine Hand aus und berührt den Aussätzigen, um ihn zu heilen. Jemand könnte sagen: Das ist eine Sünde! Er tut etwas, das das Gesetz verbietet! Er ist ein Übertreter! Und es stimmt – er ist ein Übertreter (des Gesetzes). Er beschränkt sich nicht auf Worte, er berührt ihn. Mit Liebe berühren bedeutet, eine Beziehung herzustellen, in Gemeinschaft zu treten, sich auf das Leben des anderen einzulassen, was soweit geht, dass man sogar seine Wunden mit ihm teilt. Mit dieser Geste zeigt Jesus, dass Gott nicht gleichgültig ist, keinen „Sicherheitsabstand“ einhält. Im Gegenteil: er nähert sich voller Mitgefühl und berührt unser Leben, um es mit Zärtlichkeit zu heilen. Das ist der Stil Gottes: Nähe, Mitgefühl, Zärtlichkeit. Gottes Übertreten – in diesem Sinn ist er ein großer Übertreter (des Gesetzes)…

Brüder und Schwestern, auch heute leiden viele unserer Brüder und Schwestern auf der Welt wegen dieser Krankheit oder aufgrund anderer Krankheiten und Umstände, mit denen leider soziale Vorurteile („Das ist ein Sünder!“…) verbunden sind… Wir sollten andere nicht verurteilen… Es kann jedem von uns passieren, Wunden, Versagen, Leiden und Egoismus zu erleben, die uns Gott und anderen gegenüber verschlossen machen. Die Sünde verschließt uns in uns selbst… Jesus aber verkündet uns, dass Gott keine Idee, keine abstrakte Lehre ist, sondern derjenige, der sich von unserem verwundeten Menschsein „anstecken lässt“ und keine Angst hat, mit unseren Wunden in Berührung zu kommen. Aber Pater, was sagen Sie da? Gott lässt sich anstecken? – Das sage nicht ich, das sagt der hl. Paulus: „Er ist für uns zur Sünde geworden…“

Die Maske, mit der wir unseren Schmerz betäuben...

Um nicht gegen die Regeln des guten Rufs und der gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu verstoßen, bringen wir unseren Schmerz oft zum Schweigen, ja setzen uns eine Maske auf, um ihn zu verbergen. Damit wir unseren Egoismus pflegen und unsere inneren Ängste im Zaum halten können, wollen wir mit dem Leid der anderen nicht allzu viel zu tun haben.

Bitten wir den Herrn stattdessen um die Gnade, diese beiden „Übertretungen“ des Evangeliums von heute zu leben. Die des Aussätzigen, damit wir den Mut haben, uns von unserer Isolation zu befreien und – statt uns selbst zu bemitleiden oder unser Versagen zu beklagen – vor Jesus zu treten, so wie wir sind. Herr, ich bin so… Wir werden diese Umarmung fühlen, diese schöne Umarmung Jesu! Und dann die Übertretung Jesu: eine Liebe, die uns über alle Konventionen hinausgehen, uns Vorurteile und die Angst vor der Einmischung in das Leben der anderen überwinden lässt. Lernen wir, Übertreter wie diese beiden zu sein – wie der Aussätzige und wie Jesus!

Möge uns die Jungfrau Maria, die wir jetzt im Gebet des „Engel des Herrn“ anrufen, auf diesem Weg begleiten.

(vatican news – übersetzung: silvia kritzenberger)

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14. Februar 2021, 12:14