Papst Leo an römische Priester: Nähe, Gebet und echte Brüderlichkeit
Silvia Kritzenberger - Vatikanstadt
In einer offenen Fragerunde mit Priestern hat Papst Leo XIV. in der vatikanischen Audienzhalle zu einer glaubwürdigen, geistlich verwurzelten Seelsorge aufgerufen und vor den Gefahren des digitalen Zeitalters gewarnt. Im Zentrum seiner Antworten standen vier große Themen: die Begleitung junger Menschen, die Inkulturation des Evangeliums in einer säkularen Gesellschaft, die priesterliche Brüderlichkeit und der Umgang mit Alter und Krankheit beim Klerus.
Junge Menschen zwischen Sehnsucht und Einsamkeit
Der Dialog hinter verschlossenen Türen wurde von Kardinal Baldo Reina, Generalvikar für das Bistum Rom, eröffnet. Er stellte vier Priester vor, die ausgewählt worden waren, dem Papst Fragen zu stellen.
Auf die Frage zu den Schwierigkeiten in der Jugendpastoral betonte Papst Leo die komplexe familiäre und emotionale Realität der jungen Generation, sowie die Notwendigkeit einer realistischen und einfühlsamen Begleitung. Viele junge Menschen lebten heute mit tiefen Wunden: Zerrüttete Familien, Abwesenheit von Vätern, Scheidung, emotionale Unsicherheit und soziale Isolation. Hinzu komme eine digitale Welt, die Nähe verspreche, aber oft Distanz schaffe.
„Mit dem allgegenwärtigen Smartphone, das heute wohl jeder in der Tasche trägt, leben viele in Einsamkeit – auch wenn sie sagen: „Mein Freund ist doch hier.“ Doch es fehlt der echte menschliche Kontakt. Es entsteht eine Distanz, eine gewisse Kälte im Miteinander, ohne die Tiefe und den Reichtum wirklicher menschlicher Beziehungen zu erfahren,“ so der Papst wörtlich.
Leo XIV. betonte, dass die Jugendpastoral „Zeit“ und „Opferbereitschaft“ erfordere, zumal viele junge Menschen heute in einem „schrecklichen Leben“ mit Drogen, Kriminalität und Gewalt gefangen seien. Nähe und echtes Kennenlernen anderer seien der Weg für eine wirksame Seelsorge, so Papst Leo. Und der erste Schritt dabei sei es, die Gemeinschaft, der man dienen soll, „wirklich kennenzulernen.“
Zugleich ermutigte der Papst zu einer „Kirche im Aufbruch“ – ein Begriff, den bereits sein Vorgänger Papst Franziskus geprägt hat. Und hier könnten Sport, Kunst oder kulturelle Initiativen Wege sein, junge Menschen wieder zu erreichen – als erste Schritte zu echter Gemeinschaft.
Vorsicht vor KI-generierten Predigten...
Auch die Themen Digitalisierung und künstliche Intelligenz sprach der Papst offen an – mit folgendem Seitenhieb: Priester sollten der Versuchung widerstehen, ihre Predigten von KI schreiben zu lassen. Der Glaube lasse sich nicht automatisieren. Eine Predigt sei mehr als Information; sie sei Zeugnis einer persönlichen Begegnung mit Christus: „Eine wirkliche Predigt bedeutet, den Glauben zu teilen – und künstliche Intelligenz wird niemals Glauben teilen können,“ betonte der Papst. Die Grundlage bleibe das Gebet, das hörende Verweilen vor Gott. Ohne diese innere Verwurzelung drohe auch kirchliches Engagement zur Selbstdarstellung zu werden.
„Es geht nicht darum, dass ich mich selbst darstelle – das ist oft eine Täuschung im Internet, auf TikTok, wo man sagt: ‚Ich habe viele Follower, viele Likes, die Leute sehen, was ich sage…‘. Das bist nicht du. Wenn wir nicht die Botschaft Jesu Christi vermitteln, liegen wir falsch. Auch hier gilt es, mit großer Demut zu reflektieren, wer wir sind und was wir tun“, gab der Papst zu bedenken.
„Invidia clericalis“ – eine stille Pandemie
Deutliche Worte fand Papst Leo auch, als es um eine im Klerus um sich greifende „Pandemie“ ging: die „invidia clericalis“, den klerikalen Neid. Wenn Ernennungen oder pastoraler Erfolg zu Rivalität, Klatsch oder Distanz führten, werde Gemeinschaft zerstört. Dem setzte der Papst konkrete Vorschläge entgegen: regelmäßige Treffen kleiner Priestergruppen, gemeinsames Gebet, theologisches Studium, Austausch über pastorale Fragen – und auch gemeinsame Freizeit. Wer warte, bis andere anklopften, bleibe allein. Brüderlichkeit beginne mit Initiative.
Alter, Krankheit und die Würde des Lebens
Mit großer Ernsthaftigkeit wandte sich Leo XIV. auch den älteren und kranken Priestern zu. Wer sein Leben in Dankbarkeit gelebt habe, werde auch die Fähigkeit haben, Alter, Schwäche und Einsamkeit als Teil seiner Berufung annehmen, so der Papst. Entscheidend sei eine Spiritualität, die von Anfang an auf Hingabe und Vertrauen gründe.
In diesem Zusammenhang verwies der Pontifex auf aktuelle Debatten um Sterbehilfe in verschiedenen Ländern. Gerade Priester müssten glaubwürdige Zeugen für den Wert des Lebens sein – auch im Leiden.
„Wir müssen selbst die ersten Zeugen dafür sein, dass das Leben einen enormen Wert hat“, so Papst Leo. Er rief dazu auf, kranke Mitbrüder nicht zu vergessen: Besuche, Nähe und geistliche Begleitung seien unverzichtbar.
Abschließend wandte sich der Papst direkt an die älteren Priester: „Auch wenn ihr krank im Bett liegt, so wisst ihr - die ihr ein Leben im wahren Dienst und Opfer gelebt habt -, doch sehr genau, dass euer Gebet ebenfalls ein großer Dienst, ein großes Geschenk sein kann. Euer Leben hat immer noch große Bedeutung!“
(vaticannews)
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