Gedenkmesse für Benedikt XVI.: Anlass zu tiefer Dankbarkeit
DEN GEBURTSTAG VON JOSEPH RATZINGER
– BENEDIKT XVI.
IM LICHT DES KARSAMSTAGS FEIERN
Kurt Kardinal Koch
Die Feier des Geburtstages ist stets ein willkommener Anlass, in den Anforderungen des Lebens innezuhalten und Dank zu sagen: Dank für alles, was wir in unserem Leben geschenkt erhalten haben, und auch Dank für alles, was wir unsererseits anderen Menschen schenken konnten. Der Geburtstag ist vor allem die besondere Gelegenheit, unser Leben als Geschenk zu verstehen und zu feiern und deshalb dankbar für das Leben zu sein. Der Geburtstag erinnert uns an die elementare Tatsache, dass kein Mensch sich selbst das Leben geben kann; wir können es nur empfangen: von Gott durch die Liebe der Eltern. Unser Leben ist deshalb dazu bestimmt, ein verdanktes und deshalb dankbares Leben zu sein.
Dies gilt zumal, wenn wir den Geburtstag eines Menschen feiern, der das irdische Leben bereits verlassen hat und zum himmlischen Vater heimgekehrt ist, und wenn wir uns mit dem heutigen Tag auf den Weg zur Feier des hundertsten Geburtstages von Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. im kommenden Jahr machen. Im Rückblick auf sein Leben ist sein Geburtstag erst recht Anlass zu tiefer Dankbarkeit. Seine Biographie und sein theologisches Werk sind ein eindeutiges Zeugnis dafür, dass der Mensch in erster Linie nicht, wie die moderne Anthropologie ihn einseitig definiert ha, das handelnde Wesen, gleichsam „homo faber“ ist, sondern ein dankbares Lebewesen, gleichsam „homo festivus“. Joseph Ratzinger hat uns vorgelebt, dass wir alle berufen sind, als dankbare Menschen zu leben, genauer als eucharistische Menschen, die sich in der großen Danksagung der Kirche, der heiligen Eucharistie, so tief in den auferstandenen Christus hinein verwurzeln, dass ihr ganzes Leben zu einem eucharistischen Hochgebet werden kann.
Der Geburtstag von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. steht wohl auch deshalb im Zeichen großer Dankbarkeit, weil er sich durch zwei Besonderheiten auszeichnet. Die erste Besonderheit besteht darin, dass er an demselben Tag, an dem er geboren wurde, auch getauft wurde. Er konnte deshalb am gleichen Tag einen doppelten Geburtstag feiern, wie er selbst anlässlich der Feier seines achtzigsten Geburtstags mit den dankbaren Worten zum Ausdruck gebracht hat: „Ich habe es immer als ein großes Geschenk der göttlichen Barmherzigkeit betrachtet, dass mir Geburt und Wiedergeburt am selben Tag, im Zeichen des anfangenden Osterfestes geschenkt worden sind. So wurde ich zugleich in meine eigene Familie und in die große Familie Gottes hineingeboren“ (Benedikt XVI., Predigt zum 80. Geburtstag am Weißen Sonntag, 15. April 2007).
Die Schönheit von Geburt und Wiedergeburt der Taufe
Damit ist uns das Geheimnis des christlichen Lebens vor Augen gestellt, dass für uns Christen die natürliche Geburt und die Wiedergeburt der Taufe eine unlösbare Einheit bilden, womit uns eine zweifache Familie gegeben ist. Durch die Geburt gehören wir Christen wie alle Menschen einer natürlichen Familie an, in die hinein wir als Menschen geboren werden; und durch die Taufe gehören wir der großen Familie Gottes an, in die hinein wir als Söhne und Töchter Gottes wiedergeboren sind und die die Kirche ist. Beide sind dabei gegenseitig aufeinander bezogen und aufeinander angewiesen: Die christliche Einzelfamilie bildet die kleinste Grundzelle der Kirche und wird deshalb mit Recht als „Hauskirche“ gewürdigt, in der die Eltern gleichsam die ersten „Priester“ im Leben ihrer Kinder sind. Und auf der anderen Seite braucht die einzelne christliche Familie die Großfamilie der Kirche als ein schützendes Obdach, damit sie ihre Sendung wahrnehmen kann. Diese Schönheit von Geburt und Wiedergeburt der Taufe hat uns Joseph Ratzinger mit seinem Leben bezeugt.
Die zweite Besonderheit des Geburtstages von Joseph Ratzinger besteht darin, dass der 16. April im Jahre 1927 Karsamstag gewesen ist. Dieser Tag hat in seinem Leben und theologischen Denken eine ganz besondere Bedeutung gehabt, und zwar im Blick auf die zwei Seiten, die mit diesem Tag verbunden sind:
In der Sicht des christlichen Glaubens ist der Karsamstag zuerst der Tag der Verborgenheit und des Schweigens Gottes in der Geschichte der Menschen. Diese bittere Erfahrung der Gottverlassenheit hat gerade jene Generation erleiden müssen, die in derselben Zeit wie Joseph Ratzinger großgeworden ist, wie er selbst diagnostiziert hat: „Nach den beiden Weltkriegen, nach den Konzentrationslagern und dem Gulag, nach Hiroshima und Nagasaki, ist unsere Epoche immer mehr zu einem Karsamstag geworden. Die Dunkelheit dieses Tages fordert die heraus, die nach dem Leben fragen, und besonders fordert sie uns Gläubige heraus. Auch wir müssen uns dieser Dunkelheit stellen“ (Benedikt XVI., Meditation bei der Verehrung des Grabtuches in Turin am 2. Mai 2010).
Diese dunkle Seite des Karsamstags hat Joseph Ratzinger intensiv erfahren und sie hat ihn zum kritischen Diagnostiker von verhängnisvollen Entwicklungen in der Zeitsituation in Gesellschaft und Kirche gemacht. Kritiker, die ihn kaum oder gar nicht gelesen haben, haben ihm deshalb vorgeworfen, er sei ein Kulturpessimist und sehe die Welt nur in schwarzer Farbe. Ich bin demgegenüber überzeugt, dass Joseph Ratzinger die Weltsituation deshalb mit sehr kritischen Augen betrachtet hat, weil er sie mit dem Licht des christlichen Glaubens angeschaut hat. Wem dieses Licht fehlt, der hält sich im Dunkeln auf, auch wenn er meint, es sei doch hell. Wer hingegen mit den klaren Augen des Glaubens in die Welt hinein schaut, nimmt erst recht ihre Dunkelheiten wahr – gemäss dem Sprichwort: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Dunkelheit.“ Auch das Licht des Glaubens zeigt seine Kraft vor allem dann, wenn nicht alles klar ist; es leuchtet kraftvoll im Dunkeln. Solche Zeitdiagnostiker mit dem Licht des Glaubens brauchen wir auch in der heutigen Zeit mit ihren schrecklichen Entwicklungen, die uns wiederum die dunkle Seite des Karsamstags spüren lassen.
Im Reich des Todes ist die Stimme Gottes erklungen...
Joseph Ratzinger hat aber nicht nur diese dunkelste Seite des Karsamstags erfahren. Im Licht des christlichen Glaubens hat er auch und vor allem die ganz helle Seite dieses Tages wahrgenommen. Wir bringen sie im Apostolischen Glaubensbekenntnis mit den Worten zum Leuchten, dass Jesus gestorben ist und begraben wurde und in das Reich des Todes herabgestiegen ist. Um die ganze Dynamik, die in diesem Glaubensgeheimnis enthalten ist, zu verstehen, müssen wir uns der Frage stellen, was sich in diesem Totenreich ereignet hat. Bereits unsere menschliche Erfahrung zeigt uns, dass das Reich des Todes der Ort der völligen Verlassenheit und der totalen Einsamkeit ist, weil in ihm jede menschliche Liebe kalt geworden ist. In dieses Reich hinein aber ist Jesus in seinem Tod gegangen, um auch dorthin die Gegenwart Gottes und seine wärmende Liebe zu bringen. Dieses Geschehen hat auch das Reich des Todes in einen Ort neuen Lebens verwandelt: „Im Reich des Todes ist die Stimme Gottes erklungen. Das Undenkbare ist geschehen: Die Liebe ist vorgedrungen in das Reich des Todes“ (Benedikt XVI., Meditation bei der Verehrung des Grabtuches in Turin am 2. Mai 2010).
Mit diesen frohen Worten hat Papst Benedikt XVI. das hellste Licht des Karsamstags zum Ausdruck gebracht. Mit diesem Geheimnis hat Joseph Ratzinger gelebt und dieses Glaubensgeheimnis hat er ein Leben lang verkündet. Er ist deshalb kein Pessimist, sondern ein zutiefst hoffnungsvoller und deshalb realistischer Christ gewesen. Dass er am Karsamstag 1927 der erste Täufling, der mit dem neuen Osterwasser getauft worden ist, sein durfte, dies hat ihn wie ein Notenschlüssel für die Melodie seines Lebens begleitet und seinen Glauben genährt, wie er selbst bezeugt: „Dass mein Leben so von Anfang an auf diese Weise ins Ostergeheimnis eingetaucht war, hat mich immer mit Dankbarkeit erfüllt, denn das konnte nur ein Zeichen des Segens sein“ (J. Kardinal Ratzinger, Aus meinem Leben. Erinnerungen (Stuttgart 1998) 8).
In diesem Glaubenszeugnis begegnen wir dem tiefsten Grund für die Dankbarkeit und die daraus folgende Hoffnung, die das Leben und den Glauben von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. ausgezeichnet haben. Und damit können wir auch verstehen, dass es ihn gedrängt hat, die Hoffnungsbotschaft zu verkünden, auch und gerade dort, wo sie nicht gefragt, sondern angefeindet ist. Wie Petrus und die Apostel in der heutigen Lesung hat auch Joseph Ratzinger stets geantwortet: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5, 29). Er ist zutiefst überzeugt gewesen, dass Christus der wahre Zeuge der Wahrheit Gottes ist, wie uns dies Johannes im heutigen Evangelium bezeugt, und dass auch wir zum Zeugnis des Glaubens berufen sind, und zwar gelegen oder ungelegen, und nicht nur gelegentlich.
Dankbar für Leben und Glauben dieses großen Glaubenszeugen
Der heutige Geburtstag von Papst Benedikt XVI. ist ein willkommener Anlass, dem lebendigen Gott zu danken für Leben und Glauben dieses großen Glaubenszeugen und hervorragenden Glaubenslehrers auf der Cathedra Petri. Unser Dank ist aber nur dann glaubwürdig, wenn wir uns vom Glaubenszeugnis von Papst Benedikt dazu ermutigen lassen, dass auch wir zum Zeugnis gesandt sind und den Menschen im heutigen Karsamstag die frohe und von Hoffnung gesättigte Botschaft im heutigen Evangelium bringen: „Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben“ (Joh 3,36). Amen.
Vatican Media hat den Gedenkgottesdienst im Livestream (ohne deutschen Kommentar) übertragen. Unter diesem Link können Sie das Video jederzeit abrufen.
(vaticannews - skr)
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