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„Angola ist vor allem ein sehr junges Land“

Er kommt aus Südspanien, hat über zwanzig Jahre in Deutschland gelebt und arbeitet seit September 2024 in Angola: Pater Juan Riquelme.

In der Hauptstadt Luanda wirkt der Priester, der dem „Neokatechumenalen Weg“ angehört, an einem Priesterseminar seiner Bewegung. Unser Korrespondent Stefan v. Kempis sprach mit ihm über die Papstreise nach Angola.

Interview

P. Juan, welche Erwartungen, welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem Besuch von Leo XIV.?

Was ich mir vom Papstbesuch in Angola erhoffe, ist vor allem, dass er als Nachfolger Petri seine Brüder und Schwestern im Glauben stärkt und vor allem den jungen Menschen hier ein Wort der Hoffnung schenkt. Angola ist ein sehr junges Land, voller Jugendlicher und Kinder; das ist etwas, was mich seit meiner Ankunft hier in Luanda im Vergleich zu Deutschland oder Spanien beeindruckt hat. Darin liegt das große Potenzial dieses Landes, nicht in Erdöl oder in den Diamanten! Die Jugendlichen wachsen ohne Zukunftsperspektiven auf und brauchen meiner Meinung nach ein Wort der Ermutigung und Hoffnung vom Heiligen Vater; er möge sie ermutigen, in Jesus Christus den Sinn des Lebens, Kraft und ihre Zukunft zu finden, ohne ihr Land verlassen zu müssen.

Ich hoffe auch, dass Papst Leo uns im Glauben der katholischen Kirche bestärkt, denn in Angola gibt es leider viel religiösen Synkretismus unter den Katholiken. Es gibt immer noch viele alte, althergebrachte Traditionen, die den Menschen nicht guttun und sich mit dem katholischen Glauben vermischen. Ich hoffe auch, dass sich die Angolaner durch den Besuch des Papstes „geliebt“ fühlen, da viele von ihnen aufgrund des Zerfalls der Familie durch Polygamie die Vaterfigur in der Familie nicht kennen.

  (AFP or licensors)

„Ich hoffe auch, dass sich die Angolaner durch den Besuch des Papstes „geliebt“ fühlen, da viele von ihnen aufgrund des Zerfalls der Familie durch Polygamie die Vaterfigur in der Familie nicht kennen“

Wie würden Sie Angola beschreiben?

Ich bin seit anderthalb Jahren in diesem Land, in der Hauptstadt Luanda; vom Rest des Landes, das etwa dreimal so groß ist wie Deutschland, habe ich bisher ehrlich gesagt noch nicht viel gesehen. Aber ich würde Angola vor allem als ein junges Land beschreiben! Wie gesagt, hier gibt es überall viele junge Menschen und Kinder – in der Kirche, auf der Straße. Es ist außerdem ein Land, in dem die Menschen trotz der Armut, welche sehr auffällig ist, fröhlich sind. Und ein sehr schönes Land: viel Grün, mit einer wunderbaren Natur.

Die Stadt Luanda, die etwa 10 Millionen Einwohner zählt, lässt sich aber mit einem portugiesischen Wort gut beschreiben: „confusão”, konfus, also durcheinander. Es ist eine sehr traurige Stadt; der Verkehr ist verrückt, und es ist auch leider sehr schmutzig. Es gibt hier viele Armenviertel, und wenn es regnet (wie in diesen Tagen), stehen viele Straßen unter Wasser und sind nicht befahrbar.

Am Stadtrand von Luanda
Am Stadtrand von Luanda

„Luanda ist eine sehr traurige Stadt...“

Die Katholiken stellen in Angola vierzig Prozent der Bevölkerung; wie stehen sie in der Gesellschaft da?

Die Stimme der Kirche in Angola hat großes Gewicht. Was sie auf sozialer Ebene leistet, ist meiner Meinung nach unglaublich, vor allem für die Ärmsten, vor allem für die verlassenen Straßenkinder, die hier als „Meninos“ bekannt sind. Es gibt viele kirchliche Waisenhäuser, die Gemeinden bieten Lebensmittel an: Meiner Meinung nach übernimmt die katholische Kirche alles, was die Regierung hier nicht leistet – daher dieser große Einfluss auf viele Menschen. Ich habe auch den Eindruck, dass die Kirche gegenüber der Regierung kritisch ist; sie nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, Ungerechtigkeiten gegenüber den Armen anzuklagen.

Wie ticken die Katholiken in Angola?

Die Katholiken hier sind vor allem sehr fröhlich und ihren Seelsorgern und Bischöfen treu. Sie leben ihren Glauben mit großer Freude. Die Gottesdienste sind durch Gesang und Tanz von Freude erfüllt. Während der Messe, während des Gottesdienstes, schaut niemand auf die Uhr, und nach der Feier der heiligen Messe bleiben die Menschen stundenlang für verschiedene Aktivitäten wie Katechese, Caritas usw.in der Pfarrei. Um einmal ein Beispiel zu nennen: Eine erste Messe in einer Pfarrei war an einem Sonntag um 7:00 morgens, und ich dachte, um diese Uhrzeit würde fast niemand kommen, nur ein paar Messdiener und ich. Das war mir auch ganz recht, weil ich noch nicht gut Portugiesisch sprechen konnte. Doch wie groß war meine Überraschung, als ich in die Kirche kam und sah, dass sie voll war, als wäre es die Christmette am Heiligen Abend in Deutschland oder Spanien!

Auch die Rolle der Frau in der Kirche in Angola ist sehr wichtig. Es gibt eine Gruppe, die sehr aktiv und hilfsbereit ist in allen Bereichen, vor allem aber in karitativem Dienst – ohne aber jedoch Forderungen zu stellen. Und hervorzuheben ist auch die Rolle der Katecheten, der Laien. Ihre Aufgabe ist sehr wichtig, denn obwohl es in Angola sehr viele Priester gibt, unglaublich viele – hier gibt es keinen Berufungsmangel! –, ist die Zahl der Gläubigen und Kirchen so groß, dass die Priester nicht immer in allen Kirchen anwesend sein können. Und diese Laien fungieren als Bindeglied zwischen den Gläubigen und dem Priester, sie übernehmen große Verantwortung. Jedoch alles in einer Atmosphäre großer Gemeinschaft zwischen Priester und Katecheten: Es gibt da keine Konkurrenz in dem Sinne von Macht oder so.

Wallfahrer in Muxima im August 2024
Wallfahrer in Muxima im August 2024   (Anastácio Sasembele)

„Die Laien spielen eine sehr wichtige Rolle“

Was könnten wir in Deutschland oder generell in Europa von der Kirche in Angola lernen?

An erster Stelle steht die Einfachheit: Die Christen, die Menschen generell sind hier mit wenigem zufrieden. Sie sind unkompliziert. Es gibt hier keine endlosen Diskussionen oder Sitzungen, in denen alles in Frage gestellt wird, sondern man lebt und feiert einfach den Glauben an Gott. Das Evangelium ist für die Armen – sicherlich nicht nur für die materiellen Armen, auch für die Armen im Geist. Aber es steht außer Frage, dass die materiell Armen Hunger und Durst nach einer guten Nachricht, nach der Liebe Gottes haben. Ihre Armut macht sie sehr empfänglich für das Evangelium, sie stellen das nicht ständig in Frage oder kritisieren es. Sie glauben einfach daran und lassen sich von diesem Glauben helfen. Ja, wir können auf jeden Fall daraus viel lernen.

Es gibt im Land sehr viele Sekten – stellt das ein Problem dar?

Ich weiß nicht, ob die Sekten ein Problem darstellen oder nicht, aber Tatsache ist, dass es sehr viele davon gibt. Das ist etwas, das mich seit meiner Ankunft in Angola ebenfalls beeindruckt hat. Es gibt viele davon, und sie ziehen viele Menschen an, weil sie eine Wohlstandstheologie oder ein sogenanntes Wohlstands-Evangelium predigen. Und die armen Menschen, die hier die Mehrheit bilden, fühlen sich natürlich von dieser Botschaft angezogen, die hier auf Erden Wohlstand verspricht. Aber das ist eine Theologie, die natürlich weit weg von der katholischen Lehre entfernt ist, und in diesem Sinne stellen Sie ein Problem dar.

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„Viel latente Gewalt in der Gesellschaft“

Vor fast einem Vierteljahrhundert ging ein jahrzehntelanger, blutiger Bürgerkrieg zu Ende – sind davon noch Auswirkungen zu spüren?

24 Jahre nach dem Bürgerkrieg können wir sagen, dass in Angola Frieden herrscht, aber auch, dass in der Gesellschaft viel latente Gewalt vorhanden ist, bedingt durch die vielen Wunden, die die Menschen während der 27 Jahre des Krieges bekommen haben. Und dieser Groll und Hass kommt oft unter bestimmten Umständen in Form von Gewalt auf der Straße zum Vorschein, wenn es zum Beispiel zu Streiks oder Protesten gegen die Regierung kommt, oder beispielsweise in Form von Selbstjustiz, Gerechtigkeit auf eigene Faust bei Diebstahl oder Verbrechen. Leider kommt es häufig zu Gewalttaten auf der Straße.

Etwas, das einem hier im Land sofort in die Augen sticht, ist Luxus auf der einen, bittere Armut auf der anderen Seite…

Der Kontrast zwischen Arm und Reich in Angola ist wirklich sehr auffällig. Hier in Luanda gibt es zum Beispiel viele arme Viertel mit Hütten, Häuser ohne fließendes Wasser oder Trinkwasser, ohne asphaltierte Straßen und mit häufigen Stromausfällen. Man sieht auch viele Menschen, die im Müllcontainer nach Essen suchen. Und dann gibt es auf der anderen Seite Wohnanlagen mit Swimmingpools, Fitnessstudios, eigenem Sicherheitsdienst und hohe Mauern. Das sind zwei völlig verschiedene Welten und etwas, das in Angola sehr auffällig ist.

Das Interview mit P. Riquelme führte Stefan v. Kempis, derzeit Luanda.

(vatican news – sk)
 

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19. April 2026, 08:26