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Die Enzyklika  Magnifica humanitas von Papst Leo XIV. Die Enzyklika Magnifica humanitas von Papst Leo XIV.
Leitartikel

Menschlich bleiben im Zeitalter der Algorithmen

In der Enzyklika „Magnifica humanitas“ fordert Papst Leo dazu auf, die Technik weiterzuentwickeln, ohne das Herz zu vernachlässigen. Ein Leitartikel des Chefredakteurs der vatikanischen Medien.

Andrea Tornielli - Vatikanstadt

Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz – in dem die Menschenwürde durch die enormen, jeglicher Kontrolle entzogenen Konzentrationen technologischer Macht und durch neue Formen der Entmenschlichung in den Hintergrund zu treten droht – erinnert uns Papst Leo an die „dringende Pflicht“, zutiefst menschlich zu bleiben. In einer von Polarisierung und Gewalt geprägten Zeit, in der sich eine „Kultur der Macht“ ausbreitet und der Krieg als Instrument der internationalen Politik wieder salonfähig wird, fordert uns der Nachfolger Petri auf, die Technik weiterzuentwickeln, „ohne das Herz dabei verkümmern zu lassen“.

„,dringende Pflicht`, zutiefst menschlich zu bleiben“

Er lädt uns ein, die Begrenztheit und Schwäche des Menschen zu akzeptieren, ohne sie – wie es die technokratische Ideologie tut – als Fehler zu betrachten, der korrigiert werden müsste. Er ermahnt uns, die Welt nicht aus der Perspektive der Mächtigen zu betrachten, sondern sie von unten her zu sehen, mit den Augen der Leidenden, beginnend bei den Letzten. Mit den Augen eines Gottes, der unsere Schwachheit auf sich genommen und sie in einen Ort der Erlösung verwandelt hat, denn „auch wenn die Maschinen in ihrer Effizienz überragend sind, bleibt das Zentrum der Geschichte ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden“.

Papst Leo XIV.  umarmt einen Jugendlichen bei einer Audienz
Papst Leo XIV. umarmt einen Jugendlichen bei einer Audienz   (ANSA)

„Auch wenn die Maschinen in ihrer Effizienz überragend sind, bleibt das Zentrum der Geschichte ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden“

„Magnifica humanitas“, die erste Enzyklika von Leo XIV., ist primär kein analytischer Text über Künstliche Intelligenz, denn sie geht nicht auf die Details der sich ständig weiterentwickelnden Prozesse ein. Es handelt sich vielmehr um eine „Summa“, die die Grundsätze der Soziallehre auf unsere Zeit – das Zeitalter der KI – anwendet und dabei die Schwerpunkte des Lehramts bekräftigt und aktualisiert. Es ist ein Text, der auch dem Missverständnis ein Ende setzt, das bei jenen herrscht, die auf die absolute Freiheit der Märkte und der neuen Technologien vertrauen und dazu neigen, das päpstliche Lehramt als diskutable Lehre abzutun, wenn es um Themen geht wie die Forderung nach einer gemeinsamen Steuerung der KI durch den Menschen, die ganzheitliche Ökologie, die Wirtschaftsstrukturen, die zu „Strukturen der Sünde“ werden, und das Nein zum Krieg.

„Forderung nach einer gemeinsamen Steuerung der KI durch den Menschen, die ganzheitliche Ökologie, die Wirtschaftsstrukturen, die zu „Strukturen der Sünde“ werden, und das Nein zum Krieg“

Jeder ist gefragt

Der Papst, der den Namen des Verfassers der Enzyklika „Rerum novarum“ angenommen hat, fordert in Zeiten der digitalen Revolution einen jeden von uns auf, eine aktive Rolle zu übernehmen, denn der Aufbau der „Zivilisation der Liebe“ vollzieht sich dank „der Summe kleiner und beharrlicher Taten der Treue“, die in der Lage sind, als Bollwerk gegen die Entmenschlichung zu dienen. Eine Aufgabe also, die uns alle betrifft – und zwar ganz unmittelbar.

Leo erinnert uns daran, dass „Ungerechtigkeit nicht nur aus falschen Entscheidungen einzelner Menschen entsteht, sondern auch aus Strukturen, Mechanismen sowie wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten, die […] Ungleichheit hervorbringen“, und dass „eine Entwicklung nicht menschlich [ist], die den Konsum einiger erhöht, indem sie Kosten und Schäden auf andere abwälzt, oder die ganze Regionen auf untergeordnete Rollen festlegt“, wie es heute leider auch im Bereich der neuen Technologien und der von ihnen benötigten Ressourcen geschieht. In der Enzyklika heißt es, dass die soziale Funktion des Privateigentums „sichere Lehre“ der Kirche ist, und heute müssen wir zu den Gütern, die universal für alle bestimmt sind, „auch die neuen Formen des Eigentums zählen: Patente, Algorithmen, digitale Plattformen, technologische Infrastrukturen, Daten“, um zu verhindern, dass neue Formen der Ausgrenzung und Freiheitsberaubung entstehen oder sich verfestigen. Denn Technik ist kein bloßes Werkzeug, und wenn sie selbst zum Maßstab wird, „bestimmt sie letztendlich, was zählt und was aussortiert werden kann“, wodurch „Menschen zu Rädchen in einem System erniedrigt [werden], das immer effizienter werden muss“.

„Technik ist kein bloßes Werkzeug, und wenn sie selbst zum Maßstab wird, „bestimmt sie letztendlich, was zählt und was aussortiert werden kann“, wodurch „Menschen zu Rädchen in einem System erniedrigt [werden], das immer effizienter werden muss“

Wer hat die Kontrolle?

Heute liegt die Kontrolle über Plattformen, Infrastrukturen, Daten und Rechenkapazitäten „nicht in der Hand der Staaten, sondern von großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren“, die die Zugangsbedingungen, die Regeln der Sichtbarkeit und die Möglichkeiten der Teilhabe festlegen. Wenn sich eine solche Macht in wenigen Händen konzentriert, „besteht die Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht“, was das Risiko einer verzerrten Entwicklung mit sich bringt, „die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt“.

„Gefahr, dass sie undurchsichtig wird und sich der öffentlichen Kontrolle entzieht, was das Risiko einer verzerrten Entwicklung mit sich bringt, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt“

KI und Kriege

Der Papst bekräftigt, dass die Theorie des „gerechten Krieges“ überholt ist, und fordert, dass der Einsatz Künstlicher Intelligenz im Krieg strengsten ethischen Grenzen unterliegt, denn „es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte“. Darüber hinaus ist Künstliche Intelligenz zu einem entscheidenden Faktor geworden, um die öffentliche Meinung durch die Manipulation von Bildern und Inhalten zu steuern, wodurch es immer schwieriger wird, Wahr und Falsch zu unterscheiden. Zahlreich sind zudem die Unwägbarkeiten, die den Arbeitsmarkt betreffen. Die Enzyklika erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass es nicht mehr möglich ist, sich allein auf die „unsichtbare Hand“ des Marktes zu verlassen: Es ist Aufgabe der Politik, die wirtschaftlich-technologischen Dynamiken auf das Gemeinwohl auszurichten, indem sie menschenwürdige Arbeit, soziale Inklusion und eine gerechte Nutzenverteilung der Innovation fördert.

Ein Foto, das während eines vom russischen Außenministerium organisierten Besuchs aufgenommen wurde, zeigt russische Ermittler bei der Untersuchung von Drohnenwracks am Ort eines von ukrainischen Drohnen beschädigten Studentenwohnheims in Starobilsk in der Region Luhansk am 24. Mai 2026 (Agenturbild)
Ein Foto, das während eines vom russischen Außenministerium organisierten Besuchs aufgenommen wurde, zeigt russische Ermittler bei der Untersuchung von Drohnenwracks am Ort eines von ukrainischen Drohnen beschädigten Studentenwohnheims in Starobilsk in der Region Luhansk am 24. Mai 2026 (Agenturbild)   (ANSA)

„Es existiert kein Algorithmus, der Krieg moralisch vertretbar machen könnte“

Menschlich bleiben

Menschlich bleiben, Prozesse steuern und – auch in diesem Bereich – Monopole vermeiden, die letztendlich die Macht einiger weniger stärken auf Kosten des Lebens vieler: Der vom Papst aufgezeigte Weg errichtet keine Barrikaden und lehnt den Einsatz von KI nicht von vornherein ab. Vielmehr verweist er auf die vielen positiven Aspekte und die zahlreichen nützlichen Anwendungen, erklärt aber gleichzeitig, dass es nicht ausreicht, sich die ethische Frage nach dem guten oder schlechten Zweck zu stellen, für den KI eingesetzt wird. Denn es ist unerlässlich, früher einzugreifen und sich auch zu fragen, wie ein System konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist, die es leiten.

„Der vom Papst aufgezeigte Weg errichtet keine Barrikaden und lehnt den Einsatz von KI nicht von vornherein ab“

Dafür sind angemessene rechtliche Rahmenbedingungen, eine unabhängige Aufsicht, die Aufklärung der Nutzer und vor allem, noch einmal, „eine Politik, die sich ihrer Aufgabe nicht entzieht“ erforderlich. Andernfalls wird der Wandel nur von technokratischen Logiken bestimmt und als „notwendig und unvermeidlich“ dargestellt, was letztendlich dazu führt, dass Regeln durchgesetzt werden, die von denjenigen „diktiert“ werden, die über Daten, Infrastruktur und Rechenkapazitäten verfügen.

[ Die KI „entwaffnen“ ] 

Es ist daher notwendig, die KI zu „entwaffnen“, das heißt „diese Gleichsetzung von technischer Macht und dem Recht zu herrschen aufzubrechen“. Nicht, um auf die Technologie zu verzichten, sondern um zu verhindern, dass sie den Menschen beherrscht: Sie muss hinterfragbar, anfechtbar und damit lebensfreundlich werden. Gerade um unsere Menschlichkeit nicht aufzugeben, die so verletzlich und so „großartig“ ist.

(vatican news - jw)

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25. Mai 2026, 11:48