Papst an der Uni: Welchen Sinn hat Wissen - ohne Gewissen?
Anne Preckel – Vatikanstadt
Dabei wurde der Papst durchaus konkret: Er kritisierte Aufrüstung und KI-Missbrauch ebenso wie Entmenschlichung und Entfremdung in der Konsum- und Leistungsgesellschaft. Wie sein Vorgänger Papst Franziskus ermutigte Leo junge Menschen, einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Gemeinsam sollten sie für Frieden und Menschlichkeit, Gerechtigkeit und den Schutz der Schöpfung eintreten, so der Appell des Papstes an die Studierenden und Lehrenden der größten Universität Italiens.
Sein Besuch solle „ein Zeichen für einen neuen Bildungsbund zwischen der Kirche in Rom“ und der Sapienza-Universität sein, erklärte Leo. Ausführlich beschrieb der Papst den Kontext, in dem Bildung heute stattfindet, und die Rolle, die Wissen heute im Verbund mit Ethik spielen kann.
Unerbittliche Leistungsgesellschaft
Feinfühlig ging der Papst auf die Lage junger Lernender ein: Viele junge Menschen seien heute „von widersprüchlichen Gefühlen bewegt“, schwankten zwischen Lebenslust und Zukunftsangst, so der Papst - dass es vielen sogar schlecht gehe, dürfe man nicht verschweigen. Das hat laut Leo mit einem unmenschlichen, reduktionistischen System zu tun, mit einer „Erpressung“ durch Erwartungen und Leistungsdruck, wie er formulierte.
„Es ist die allgegenwärtige Lüge eines verzerrten Systems, das Menschen auf Zahlen reduziert, den Wettbewerb verschärft und uns in Spiralen der Angst versinken lässt. Gerade dieses seelische Unbehagen vieler junger Menschen erinnert uns daran, dass wir nicht die Summe dessen sind, was wir besitzen, und auch keine zufällig zusammengesetzte Materie eines stummen Kosmos. Wir sind ein Verlangen, kein Algorithmus!“
Der Augustiner-Papst verwies auf die Unruhe des heiligen Augustinus, der in seinem Leben zwar Fehler beging, aber für Schönheit und Weisheit brannte. Wesentliche Aufgabe im Leben eines jeden sei es, „wir selbst zu sein“, so der Papst. Er ermutigte die jungen Menschen aus aller Welt, ihre Studienzeit für Begegnungen zu nutzen: „Wir sind unsere Beziehungen, unsere Sprache, unsere Kultur“, schärfte er ein.
Hunderte von Fragen
Papst Leo bedankte sich für die Hunderten von Fragen, die er von den Studierenden erhalten hatte – er könne nicht alle beantworten, werde diese Themen aber im Gedächtnis behalten, versicherte er. Die Jugend halte Erwachsenen mit ihren Fragen den Spiegel vor, verdeutlichte der Papst. Eine Kernfrage: „Welche Welt hinterlassen wir?“
„Eine Welt, die leider durch Kriege und Kriegsrhetorik entstellt ist“, antwortete Leo XIV. mit Blick auf die aktuelle Weltlage. „Es handelt sich um eine Verfälschung der Vernunft, die von der geopolitischen Ebene aus in jede soziale Beziehung eindringt. Die Vereinfachung, die Feinde schafft, muss daher korrigiert werden, insbesondere an den Universitäten, durch die Achtung vor der Komplexität und die kluge Aneignung der Erinnerung.“
Insbesondere aus dem „Drama des 20. Jahrhunderts“ müssten Lehren gezogen werden, erinnerte der Papst, der Ruf „Nie wieder Krieg!“ müsse überall verinnerlicht werden. Leo XVI. betonte den Einklang der Päpste und der italienischen Verfassung, die Krieg ablehne. Es gelte mit dem Gerechtigkeitssinn der Jugend ein „geistiges Bündnis“ einzugehen, um Ideologien und Nationalismen zu verhindern.
Kritik an Aufrüstung und KI-Missbrauch
Deutlich kritisierte der Papst Aufrüstung und steigende Militärausgaben, besonders auch in Europa, sowie eine missbräuchliche Verwendung Künstlicher Intelligenz für militärische Zwecke. Mit einer Spitze gegen den aktuellen Trend der Weltpolitik, Waffen als Investition in Sicherheit zu verkaufen, sagte der Papst:
„Man darf eine Aufrüstung nicht als ,Verteidigung‘ bezeichnen, die Spannungen und Unsicherheit schürt, Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert, das Vertrauen in die Diplomatie untergräbt und Eliten bereichert, denen das Gemeinwohl gleichgültig ist.“
Was derzeit in der Ukraine, Palästina, im Libanon und Iran geschehe, zeige eine „unmenschliche Entwicklung“ im Zusammenhang mit Technologien auf, ja eine „Spirale der Vernichtung“, formulierte Papst Leo. Studium, Forschung und Investitionen müssten dagegen zur Förderung des Lebens eingesetzt werden, sie sollten „ein radikales Ja“ sein zum ungeborenen Leben, zur Jugend und zum Leben der Völker, so der Papst bei seiner mit Standing Ovations bedachten Rede. Im Zusammenhang mit KI sprach er sich erneut für eine Überwachung der Entwicklung und Anwendung solcher Technologien im militärischen und zivilen Bereich aus, um der Entmündigung des Menschen und der Verschlimmerung von Konflikten entgegenzuwirken.
Ökologie als gemeinsames Handlungsfeld
Neben Frieden nannte der Papst in seiner Universitätsrede Ökologie als gemeinsames Handlungsfeld. Angesichts der besorgniserregenden Klimaerwärmung und der Stagnation bei dem Thema ermutigte er die jungen Leute, „von der Hermeneutik zum Handeln“ überzugehen – sie sollten nicht resignieren, sondern „Unruhe in Prophezeiung verwandeln“ und ihre „ganze Klugheit“ und ihren „ganzen Mut“ zusammennehmen. Glaube, Wissen und die Unzufriedenheit junger Generationen mit den Missständen und Ungerechtigkeiten in der Welt können laut Leo hier einen Ausweg aus dem kapitalistischen Paradigma weisen.
„Vor allem wer glaubt, weiß, dass die Geschichte nicht ausweglos in die Hände des Todes fällt, sondern immer, was auch immer geschieht, von einem Gott bewahrt wird, der Leben aus dem Nichts erschafft, der gibt, ohne zu nehmen, der teilt, ohne zu verbrauchen. Gerade heute macht der Zusammenbruch eines Paradigmas der Besitzgier und des Konsums den Weg frei für das Neue, das bereits keimt: Studiert, pflegt und bewahrt die Gerechtigkeit! Seid gemeinsam mit mir und vielen Brüdern und Schwestern Handwerker des wahren Friedens: eines unbewaffneten und entwaffnenden, demütigen und beharrlichen Friedens, indem ihr an der Eintracht unter den Völkern und am Schutz der Erde arbeitet.“
Papst Leo zitierte hier aus Franziskus‘ Sozialenzyklika Laudato si. Auch der argentinische Papst setzte im Bereich der Bildung und des Umweltschutzes große Hoffnungen in die jungen Generationen und regte zu Allianzen zwischen den Religionen und Bildungseinrichtungen an.
Appell an Lehrende: Kritisches Denken fördern
Auch die Lehrenden könnten das kritische Denken der jungen Generation fördern, fuhr der Papst fort. Dabei gelte es, „Kontakt zu den Köpfen und Herzen der jungen Menschen zu pflegen“ und an die Studierenden zu glauben. „Fragt euch daher oft: Habe ich Vertrauen in sie?“, gab der Papst den Professorinnen und Professoren mit auf den Weg. Lehren sei „eine Form der Nächstenliebe“, ein „Bezeugen des Lebens mit Werten“, so der Papst. Dabei gehe es immer auch um Wahrheit, um Gerechtigkeit – und um Selbsterkenntnis.
„Welchen Sinn hätte es denn, einen Forscher oder Fachmann auszubilden, der jedoch sein Gewissen, seinen Gerechtigkeitssinn und seinen Respekt für das, was man weder beherrschen kann noch darf, nicht pflegt? Wissen dient nämlich nicht nur dazu, berufliche Ziele zu erreichen, sondern auch dazu, zu erkennen, wer man ist.“
Papst würdigt Bildungskorridor mit dem Gazastreifen
Papst Leo würdigte in seiner Ansprache außerdem den inklusiven Ansatz der „Sapienza“, die sich für das Recht auf Bildung auch für Bedürftige, Behinderte und Strafgefangene eingesetzt. Zudem lobte er ein humanitäres Projekt, das die Diözese Rom mit der Universität plant. Dabei geht es um die Eröffnung eines humanitären Universitätskorridors mit dem Gazastreifen.
Leo XIV. war am Morgen von Universitätsrektorin Antonella Polimeni am Campus begrüßt worden. Bei einer Fahrt im offenen Golfcar wurde er von vielen Studierenden mit Beifall und Viva il Papa-Rufen empfangen. Auch trug sich der Papst ins Goldene Buch, und eine Gedenktafel zum Papstbesuch wurde enthüllt. Vor seiner Ansprache in der Aula Magna besuchte er die Hochschulkapelle und tauschte sich mit der Universitätsleitung aus. Zudem erhielt er eine Reihe Fragen von Studierenden vorgelegt.
Die Universität „La Sapienza“ ist mit mehr als 100.000 Studierenden die größte Hochschule Italiens und eine der größten Europas. An der Lehreinrichtung war 2008 ein Besuch des deutschen Papstes Benedikt XVI. geplant gewesen, der damals wegen Protesten aber abgesagt wurde. Sein Nachfolger Franziskus hatte in Rom mehrere Universitäten besucht, aber nicht die „Sapienza".
(vatican news – pr)
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