Barcelona: Papst Leo und Gaudís Blick nach oben
María Cecilia Mutual und Gudrun Sailer – Barcelona/Vatikanstadt*
Der Besuch in der Sagrada Família gehört zu den wichtigsten Stationen der Papstreise nach Spanien, mehr noch: Sie ist deren Anlass. Antoni Gaudí, für den ein Seligsprechungsverfahren im Gang ist, hat mit dieser Kirche nicht nur ein einzigartiges, sondern sein Lebenswerk hinterlassen. Mit 31 Jahren stieg Gaudí ein in das Projekt, das ein anderer begonnen hatte, sagt Rektor Turull.
„Er hatte da erst seit vier Jahren sein Diplom. Gaudí vollendete diese Krypta im neugotischen Stil des ursprünglichen Architekten. Als er dann die Basilika plante, erhob sich seine Vorstellungskraft durch Gottes Gnade, und er träumte diese Kirche, die er zeichnete und in Modellen gestaltete. Heute sehen wir sie weit fortgeschritten und mit ihrem höchsten Turm vollendet, dem Turm Jesu Christi, den Papst Leo segnen wird.“
Auch Benedikt XIV. war 2010 in der Sagrada Família
Der Rektor sieht in der Sagrada Família weit mehr als ein architektonisches Denkmal. Für ihn erklärt die Kirche, weshalb Gaudís Werk bis heute Millionen Menschen anzieht. Und er verweist auf den historischen Besuch des Vorvorgängers von Papst Leo in dieser Kirche:
„Als Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010 die Sagrada Família weihte, tat er das, weil er verstand, dass die Sagrada Família ein Meisterwerk dessen ist, was wir traditionell den Weg der Schönheit nennen, den Weg zu Gott. Genau das erleben wir hier jeden Tag. Wenn die Menschen die Kirche zum ersten Mal von außen sehen und zum ersten Mal eintreten, öffnen sie vor Bewunderung den Mund. Und dann merken wir, dass sie nach dem Mund auch das Herz öffnen für Gott, den Urheber all dieser Schönheit.“
Turull erzählt von einem jungen Priester, der mehrfach mit atheistischen und agnostischen Freunden in die Kirche gekommen sei und jung starb. Die Besucher hätten zunächst ihre Vorurteile verloren. Danach habe das sakrale Bauwerk selbst gesprochen.
„Das Einzige, was man tun musste, war, die Sagrada Família sprechen zu lassen, denn sie ist eine ganze Katechese aus Stein. Wie Papst Benedikt sagte, ist sie eine Bibel aus Stein.“
Hundert Jahre nach Gaudís Tod hält Turull die Botschaft des Architekten weiterhin für aktuell. Sie beginne bei der Schönheit, führe aber über die Ästhetik hinaus.
„Ich glaube, die große Botschaft ist jene, die Dostojewski sehr gut beschrieben hat, als er sagte, dass die Schönheit die Welt retten wird. Diese Schönheit ist Gottes Werk, so wie wir es oft in der Schöpfung erfahren. Deshalb kehrt Gaudí immer wieder zum Ursprung zurück, zur Schöpfung als Werk Gottes. Es lohnt sich, die Schönheit zu nutzen, denn sie macht uns menschlicher. Sie bringt uns näher zu Gott, dem Urheber dieser Schönheit und dem Urheber von uns, die wir fähig sind, sie zu erkennen und ebenfalls Schönheit zu schaffen.“
Motto der Papstreise passt perfekt
Das Motto der Papstreise lautet „Erhebt eure Augen“. Für Turull passt es zu Gaudís Verständnis seines Werkes.
„Gaudí wusste sehr genau, dass dieser Tempel nicht sein Werk war, sondern Gottes Werk, und dass er für Gott bestimmt war. Sein Ziel war, dass die Menschen mehr Lust bekommen, den Glauben kreativ, freudig, friedvoll und Frieden stiftend zu leben. Das ist die große Botschaft: diese Offenheit für die Schönheit und diese Fähigkeit, Glauben mit Leben, Arbeit und Kunst zu verbinden. Alles das darf nicht getrennt werden, sondern nährt sich gegenseitig.“
Wenn Papst Leo in die Kirche kommt, wird der sichtbarste Teil seines Besuchs die Einweihung des sogenannten Jesus-Turms sein. Er ist einer von 18 Türmen, mit gut 175 Metern der höchste. Sein Kreuz soll nach Gaudís Vorstellung den Blick der Menschen lenken.
„Gaudí wollte, dass wir ganz natürlich den Blick nach oben zum Kreuz Jesu Christi erheben, damit diese äußere Handlung einer inneren Handlung entspricht: unser Leben zu Jesus Christus zu erheben und fähig zu werden, diese ganze Welt zu Gott zu erheben. Jesus sagt selbst, dass er das Licht der Welt ist. Deshalb sah Gaudí vor, dass aus den vier Armen dieses Jesus-Turms ein Licht ausgeht, das allen, die ihn betrachten, diese Wirklichkeit zeigt: Jesus ist das Licht der Welt.“
Seligsprechungsverfahren für Gaudí
Gaudís Lebenswerk ist unvollendet, mehr noch: Der Sagrada Família scheint gleichsam das Unvollendbare eingeschrieben zu sein. Es fehlen Teile der Fassade, die monumentale Freitreppe und die Gestaltung des Vorplatzes. Parallel zur Fertigstellung läuft in Rom das Seligsprechungsverfahren für den weltberühmten katalanischen Architekten weiter. Papst Franziskus erklärte ihn am 14. April 2025 zum „ehrwürdigen Diener Gottes“. Damit die Seligsprechung vorankommt, braucht es noch die kirchliche Anerkennung eines Wunders, das auf seine Fürsprache zurückgeführt wird.
* Das Interview führte unsere Korrspondentin vor Ort in Barcelona, María Cecilia Mutual, bearbeitet auf Deutsch hat es Gudrun Sailer
(vatican news – gs)
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