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Papst in Spanien: Nein zu Polarisierung, Ja zum Frieden

Leo XIV. hat Politik und Gesellschaft in Spanien dazu aufgerufen, der „Kultur der Konfrontation“ eine Absage zu erteilen. Zugleich lobte er den Einsatz Spaniens für Frieden und Völkerrecht.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Samstagmittag im „Palacio Real“, dem Königspalast von Madrid: Kurz nach seiner Ankunft in Spanien, das er bis zum 12. Juni bereisen will, trifft der Papst auf die politische und gesellschaftliche Elite des Landes sowie auf Diplomaten. In seiner ersten großen Rede im Beisein von König Felipe VI. und dem sozialistischen Regierungschef Pedro Sánchez erinnert der Gast aus Rom zunächst an „die uralte Verbindung zwischen dem christlichen Glauben und diesem Land“. Und er lobt seine Gastgeber: „Es ist ein Volk voller Leidenschaft, das das Leben liebt und dies auch zeigt!“

  (@Vatican Media)

Für „Prozesse der Läuterung und Versöhnung“

Doch schon im zweiten Absatz seiner Rede wirbt Leo „um eine tiefere Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kräften“ in Spanien, spricht von nötigen „Prozessen der Läuterung und Versöhnung“, vom Imperativ des Dialogs. Er beklagt die Orientierungslosigkeit vieler Menschen angesichts der Umbrüche unserer Epoche und stellt fest: „Unsere Zeit, die scheinbar von schrecklichen Ungleichgewichten und Konflikten erschüttert wird, schreit in ihrem Innersten nach Frieden...“

„Heute scheint die Versuchung, durch das Schüren von Polarisierungen an Popularität zu gewinnen, eher zu wachsen als abzunehmen; die Menschenwürde wird weiterhin verletzt. Deshalb brauchen wir Kultur, Innerlichkeit, eine freie und qualitativ hochwertige Bildung, wir brauchen Transzendenz. … Die katholische Kirche steht im Dienst dieses Verlangens des menschlichen Herzens. Nicht aufdringlich, sondern indem sie das Evangelium bezeugt...“

  (ANSA)
Erste große Rede von Papst Leo in Spaniens Hauptstadt Madrid: Ein Bericht von Radio Vatikan

„Wir müssen jenen identitären Ansätzen entfliehen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Gespenstern und Feinden bevölkern“

Papst Leo ruft die Spanier dazu auf, „die spaltenden und polarisierenden“ Debatten, die ihr öffentliches Leben kennzeichnen, zu überwinden und sich speziell in den sozialen Medien vor „Vorurteilen“ und „tödlichen Impulsen“ zu hüten. Es gelte etwa beim Blick auf die spanische Geschichte, „von fruchtlosen Vereinfachungen zu einer fruchtbaren Anerkennung ihrer Komplexität zu gelangen“.

„Ich sehe hier eine besondere Berufung für Europa, bei der Spanien eine grundlegende und wichtige Rolle spielt", erklärte der Papst. Mit Blick auf die Versuchung rechtsextremer Politik, die in Gestalt der Partei Vox auch in Spanien seit etlichen Jahren im Aufwind ist, fügte er hinzu: „Die Vielschichtigkeit schätzen und ergründen, lernen, sie nicht zu leugnen und sie als Segen anzunehmen, jenen identitären Ansätzen entfliehen, die alles zu erklären scheinen, aber die Welt mit Gespenstern und Feinden bevölkern: Darin besteht die Aufgabe derer, die eine große Geschichte hinter sich haben.“

  (@Vatican Media)


Sicherheit kommt nicht von Waffen und Mauern

Der Gast aus Rom fordert mehr Investitionen in Schulen, Hochschulen und Forschung, in lokale Gemeinschaften und zur Stärkung der Zivilgesellschaft. „Sicherheit, von der wir uns allzu oft einbilden, sie käme von Waffen und Mauern, entsteht vielmehr dadurch, dass wir lernen, gemeinsam mit anderen voranzugehen, gemeinsam zu wachsen, Seite an Seite. Eure eigene Geschichte bezeugt dies. Die Präsenz des Islam auf der Iberischen Halbinsel beispielsweise war eine langjährige politische, kulturelle und religiöse Gegebenheit. In dieser Zeit gab es nicht nur Konfrontation, sondern man versuchte auch, einen Raum für Begegnung, Gespräch und Dialog zwischen Christen, Muslimen und Juden über Sinn und Wahrheit zu schaffen.“

Leo erinnert in seiner Rede an einige große Gestalten Spaniens: die Heiligen Johannes vom Kreuz, Teresa von Ávila und Ignatius von Loyola, aber auch an die mittelalterlichen Philosophen Averroes (1126–1198), der Muslim, und Maimonides (1138–1204), der Jude war. Am Ende seines Auftritts fasst der Papst seine Erwartungen an Spanien noch einmal bündig zusammen.

  (@Vatican Media)


Papst erwähnt Philosophen aus dem islamischen Spanien des Mittelalters

„Majestäten, Königliche Hoheiten, meine Damen und Herren, ich danke Ihrem Land für seine Treue zum Völkerrecht und zum Multilateralismus, die sich in einem aktiven Engagement für den Frieden und die Solidarität unter den Völkern niederschlägt. Gleichzeitig ermutige ich Sie, auch in Ihrem Land den Dialog und die soziale Freundschaft zu pflegen, die Perspektiven der Armen und der Jugendlichen bei der Gestaltung der Zukunft zu berücksichtigen, die Forderungen nach Autonomie und Einheit in Einklang zu bringen und den Prozess der europäischen Einigung voranzutreiben – nicht im Gegensatz zu anderen Mächten, sondern als ein Geschenk für die ganze Menschheitsfamilie. Gott segne Spanien!“

König spricht Thema Missbrauch an

König Felipe VI. hatte den Papst in einer kurzen Ansprache im Säulensaal seines Palastes willkommen geheißen. Dabei würdigte er die christliche Prägung Spaniens und die „immense soziale Arbeit“, die die Kirche leiste. Dazu stünden die Missbrauchsskandale – „die allerdings nicht representativ für die ganze kirchliche Gemeinschaft sind“ – in starkem Kontrast, so der Monarch. „Ihre Klarheit und Stärke sind wesentlich für einen Prozess der Heilung und der Entschädigung für den entstandenen Schaden; sie sind es für die Opfer, für die Gläubigen, für die Kirche und auch für die Gesellschaft als ganze.“

Es ist die neunte Reise eines Papstes nach Spanien, und die erste seit anderthalb Jahrzehnten. Außer Madrid wird Leo auch Barcelona und die Kanarischen Inseln besuchen.

(vatican news)
 

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06. Juni 2026, 13:22