Papst Leo XIV. fordert in Barcelona Abkehr vom Leistungskult
Mario Galgano - Vatikanstadt
Leo XIV. ging nicht nur auf die persönlichen Anliegen der jungen Menschen ein, sondern kritisierte strukturelle Missstände in der modernen Leistungsgesellschaft und rief zu einem offeneren Umgang mit mentalen und psychischen Krankheiten auf.
Eine junger Katalane schilderte zu Beginn seine Erfahrung einer tiefen inneren Leere, die er trotz des gesellschaftlichen Drangs nach Erfolg und Selbstdarstellung empfunden habe, bevor er zum christlichen Glauben fand und an Ostern dieses Jahr die Taufe empfangen hat. Papst Leo XIV. betonte in seiner Antwort, dass die in modernen Gesellschaften verbreitete Fokussierung auf Gewinn, Leistung und das eigene Image wie ein Betäubungsmittel wirke, welches das menschliche Bewusstsein einschläfere. Er rief dazu auf, eine gesunde innere Unruhe zu pflegen. Wer lerne innezuhalten, entwickle ein kritisches Denken gegenüber einem Gesellschaftssystem, das den Menschen nicht in den Mittelpunkt stelle und dadurch existenzielle Ungerechtigkeit sowie Armut hervorrufe. Der Glaube und die Spiritualität müssten genau in dieser realen Welt gelebt werden, indem Momente der Stille bewahrt und die Wege gemeinsam mit anderen beschritten werden.
Mentale Gesundheit
Ein weiterer Schwerpunkt des Abends lag auf dem Thema der mentalen Gesundheit. Eine junge Frau berichtete von ihrem jahrelangen, stillen Kampf gegen schwere Depressionen und einem Suizidversuch. Papst Leo XIV. erklärte daraufhin, dass die psychische Gesundheit in fortschrittlichen Gesellschaften zunehmend bedroht sei. Dies sei ein deutliches Zeichen dafür, dass eine bestimmte Vorstellung von Wachstum, die Menschen extremen Erwartungen und Spannungen aussetzt, das innere Gleichgewicht gefährde. Er forderte, dass Gesundheitssysteme das unsichtbare Leiden, insbesondere auch unter Jugendlichen, zu einer Priorität machen müssen. Zudem kritisierte er kulturelle Erwartungen, die Perfektion verlangen und Schwäche in das „ohrenbetäubende Schweigen“ der Einsamkeit oder Scham verbannen. Gläubige warnte er davor, menschliches Leid oberflächlich zu spiritualisieren oder vorschnell als Willen Gottes zu deklarieren, da dies die Betroffenen zusätzlich verletze.
Häusliche Gewalt und Vergebung
In der dritten Frage kam die Sprache auf das Thema häusliche Gewalt und die Schwierigkeit der Vergebung, als eine junge Frau von einem versuchten Femizid in ihrer Kindheit und ihrer Familie berichtete. Papst Leo XIV. wies in diesem Zusammenhang die Tendenz zurück, Gott für menschliches Versagen verantwortlich zu machen. Angesichts von Missbrauch und der dramatischen Realität von Gewalt gegen Frauen dürfe sich die Gesellschaft nicht der eigenen Verantwortung entziehen, da Gott den Menschen mit freiem Willen und Gewissen ausgestattet habe. Die Vergebung selbst beschrieb er nicht als plötzlichen Akt, sondern als einen langen, schrittweisen Prozess, der „viel Geduld“ erfordere. Vergebung bedeute dabei nicht zwangsläufig die Rückkehr zu einer ungetrübten Beziehung mit dem Täter, sondern das schrittweise Ablehnen von Hass und Rache, um inneren Frieden zu finden.
(vatican news)
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