Suche

Wortlaut: Leo XIV. beim Treffen mit der Diözesangemeinschaft Madrids

Hier finden Sie den Text der Rede, die Papst Leo XIV. an diesem Montag bei seiner Begegnung mit der Diözesangemeinschaft von Madrid gehalten hat, in ihrer offiziellen deutschen Übersetzung.



 

Auf der Internetseite des Heiligen Stuhls werden alle Wortmeldungen des Papstes in ihrer offiziellen Fassung veröffentlicht.

 

Ansprache des Heiligen Vaters

BEGEGNUNG MIT DER DIÖZESANGEMEINSCHAFT VON MADRID

 

Santiago-Bernabéu-Stadion, Madrid

Montag, 8. Juni 2026

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Abend!

(Spontane Einfügung, Anm.) Ich nehme an, dass es für einen Fußballspieler etwas ist, das sein Leben ein wenig prägt, wenn er in diesem Stadion ein Tor schießt. Aber Don José (Erzbischof von Madrid, Anm.), heute hat die Kirche von Madrid ein Tor geschossen, das für immer in Erinnerung bleiben wird! 

Danke.

Dieser Abend ist ein großer Lobgesang des Glaubens und es freut mich, meine Stimme mit der euren zu vereinen, um Gott zu preisen und die Beziehungen einer so schönen kirchlichen Familie zu stärken, die die Kunst der Polyphonie lernt, das heißt der Einheit in der Vielfalt. Ich danke Eurem Erzbischof, Don José (Cobo Cano, Anm.), dafür, dass er das Bild des Gesangs herangezogen hat, das zeigt, dass Zahlen, Daten und Fakten nicht ausreichen, um Gemeinschaft zu schaffen: Unser Herz muss singen, das heißt, die Ereignisse und Situationen interpretieren und gemeinsam mit den anderen den Sinn feiern, den sie vermitteln. Für die Kirche geschieht dies in besonderer Weise in der Liturgie, dem großen Gedächtnis der Geschichte, die uns gerettet hat.

Das Singen ist ein Bedürfnis, das das Miteinander prägt und die Kultur anregt, sie dazu anspornt, offen zu bleiben und sich ständig weiterzuentwickeln. Ihr seid die diözesane Kirche inmitten eines Volkes, das Musik, Tanz und das Beisammensein liebt, das aber auch Konflikte, Resignation und manchmal Verzweiflung kennt – Situationen, in denen das Evangelium einen Weg zur Hoffnung eröffnen kann. Ihr bezeugt das Evangelium in der Hauptstadt eines großen europäischen Landes, Sitz von Institutionen und Organisationen, in denen wichtige Entscheidungen für Gegenwart und Zukunft getroffen werden, aber auch Ziel von Millionen von Besuchern und Brüdern und Schwestern auf der Suche nach neuen Chancen. Eure Freude wird ansteckend, wenn sie sich von einem flüchtigen Gefühl zu einer beständigen Lebenshaltung wandelt, zu einem tiefen Gefühl, das Menschen, Gruppen und die Diözesangemeinschaft erneuert. Es ist kein Zufall, dass die Apostel in ihren Schriften die Gemeinden oft zur Freude aufrufen und sie fast wie ein Gebot empfehlen. Es ist das Evangelii gaudium, eine gemeinsame Antwort auf das Wirken Gottes in Jesus Christus: Sein Leben, sein Tod und seine Auferstehung haben die Wahrnehmung der Geschichte derer, die ihm begegnet sind und ihm gefolgt sind – auf unterschiedliche Weise und auf unterschiedlichen Wegen –, für immer verändert. Auch heute drängt uns die Liebe Christi (vgl. 2 Kor 5,14) – das von Paulus verwendete Verb synèchei bedeutet zudem „uns gefangen nehmen“, „uns zusammenhalten“, „uns besitzen“ – und ruft uns so zur verantwortungsvollem Handeln auf.

Ja, liebe Brüder und Schwestern, wie einige von euch heute Abend bezeugt haben, verändert die Taufe das Leben wirklich. Unser Empfinden, unsere Herkunft und unsere Prioritäten finden in Christus zusammen und werden aus seinem Leben genährt, wie die Reben am Weinstock. Konkret bedeutet dies, dass vieles, was bereits in unseren Herzen da war, verwandelt wird, denn es richtet sich auf den Dienst aus, hört auf, eine private Gabe zu sein, und dient dem Gemeinwohl. Man muss keine Angst davor haben, dass dies zu Einförmigkeit führt. In dieser Hinsicht bezeugt das Neue Testament in der Vielfalt seiner Stimmen die Gemeinschaft in der Verschiedenheit, das heißt jene Art der Verständigung, die in Babel verloren ging, wo alle, so die biblische Erzählung, ein totalitäres und rein menschliches Projekt unternahmen und schließlich ihren Nächsten nicht mehr verstanden.

In der Enzyklika Magnifica humanitas habe ich als Alternative zu Vereinheitlichung und Verwirrung die Gestalt des Nehemia vorgeschlagen, der die gesamte Gemeinschaft in den Wiederaufbau der Mauern Jerusalems einbezog. »Wiederaufbauen bedeutet heute, anzuerkennen, dass sich in der Vielfalt der Stimmen und Ansichten, die manchmal an die Sprachverwirrung erinnert, immer noch eine glänzende Möglichkeit bietet: gemeinsam zu bauen, Verschiedenheit in eine Ressource zu verwandeln und das Zuhören und den Dialog zur gemeinsamen Grundlage zu machen, auf der Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit gedeihen können. Und in diesem gemeinsamen Unterfangen finden die Christen zu ihrem eigenen Weg des Aufbauens, der darin besteht, das Handeln auf Gott auszurichten, damit der Pluralismus in seinem Licht nicht in Unordnung versinkt, sondern durch die Praxis der Synodalität zu jenem Raum wird, in dem die Menschheit ihre festen Fundamente und ihr endgültiges Ziel wiederentdeckt« (Magnifica humanitas, 10).

Es besteht also eine besondere Beziehung zwischen Kirche und Stadt, die in dem derzeitigen Epochenwandel noch an Bedeutung gewinnt: Es ist eine Beziehung, die sich natürlich zwischen Menschen aus Fleisch und Blut, in Arbeits- und Nachbarschaftsbeziehungen, aber auch in den verschiedenen Gemeinschaften, Vereinen und Nachbarschaftsinitiativen konkretisiert. Die Besonderheit der christlichen Sendung inmitten der großen städtischen Realitäten, wo »eine neue Kultur pulsiert« und »in ihr konzipiert« wird (Evangelii gaudium, 73), wird immer deutlicher. Die Klarheit in diesem Punkt ist im Laufe des synodalen Weges stark gereift, was es uns ermöglicht hat, uns in den Kontexten, in denen die Diözesangemeinschaft lebt und sich gestaltet, tiefer kennenzulernen und einander zuzuhören. Die Frage, die immer wichtiger wird, lautet: Gelangt das, was wir als Christen sind und tun, dorthin »wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen«, also zum »innersten Kern der Seele der Städte« (ebd., 73)? Es ist wahr, dass eine Antwort darauf schwierig sein kann, aber sie ist möglich, wenn wir gemeinsam nach der Wahrheit suchen.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns nicht zerstreuen oder uns in der Gruppe oder dem Umfeld einschließen, in dem wir uns bereits sicher fühlen, unter Menschen, die immer dieselbe Melodie singen. Um ins Herz der Stadt zu gelangen, müssen wir uns bewusst machen, dass die Wahrheit symphonisch ist und uns immer übersteigt; wir müssen den Wunsch nähren, dem Auferstandenen zu begegnen, der uns immer vorausgeht, uns vorangeht und vielleicht schon dort gegenwärtig ist, wo wir ihn noch nicht gesucht haben. Deshalb ist die Suche nach ihm und die Nachfolge die Bedingung, um dann auf ihn hinweisen zu können: Andernfalls gibt es keine Evangelisierung und das können wir heute besser verstehen als in der Vergangenheit. In den großen Städten scheint es manchmal mehr als anderswo, als hätten wir keine Landkarten mehr, um uns sicher zurechtzufinden. Dann müssen wir die geistliche Kunst der Aufmerksamkeit neu erlernen, ohne die auch die Verkündigung des Evangeliums Gefahr läuft, zu einer unpersönlichen Wiederholung zu werden, an Wirksamkeit zu verlieren, und Frustration und Misstrauen zu hinterlassen.

Liebe Brüder und Schwestern, Madrid ist eine große Stadt, in der verschiedene Traditionen und „Seelen“ nebeneinander leben. Gott kennt jedes einzelne Herz seiner Bewohner. Er kennt sie, wie nur er es weiß und kann, nämlich in der Liebe und somit in der Freiheit. Er ist unendliche Barmherzigkeit und möchte, dass alle gerettet werden. Er wünscht es sich so sehr, dass er Fleisch geworden ist und alle Sünde, alles Böse und alles Negative der Welt auf sich genommen hat. Das ist Jesus Christus! Das ist die Frohe Botschaft, die Gnade, die wir empfangen haben und die wir mit allen teilen sollen! Denn alle, ohne Ausnahme, sind für das Leben und für das Leben in Fülle geschaffen. Die Präsenz der Kirche in einer großen Stadt ist ein Gleichnis für dieses Geheimnis der Erlösung. Mir kommt das Buch Jona in den Sinn, ein Juwel der Bibel, das ich euch ans Herz lege: lest es oder lest es nochmal, allein und in Gemeinschaft. Es ist kein Zufall, dass es gerade in den Städten war, wo die Apostel die entstehende Kirche gründeten, und dort nicht nur auf Ablehnung, sondern auch auf Aufnahme stießen – dort, wo die Menschen ganz natürlich mit Vielfalt und Wandel konfrontiert sind.

Nichts soll euch beunruhigen, nichts soll euch erschrecken! Gemeinsam, als diözesane Kirche, könnt ihr das Evangelium bezeugen, das die besten Kräfte einer Menschheit freisetzt, die mit Bildern und Worten bombardiert wird, aber nach Gerechtigkeit hungert und nach Wahrheit dürstet. Vertraut auf die immer offensichtlicher werdende Tatsache, dass man auch im Erwachsenenalter zum Glauben zurückkehren oder ihn zum ersten Mal entdecken kann. Seid bereit, Neuanfänge nicht als Ausnahme, sondern als Regel der Missionierung anzunehmen. Das Engagement in den Pfarr- und Diözesanräten hat kein geringeres Ziel als dieses: die Einstellung jedes Einzelnen zu verändern durch ein tieferes Hören auf das, was der Heilige Geist der Kirche sagt. Es wäre schade, sie auf bloße bürokratische Formalitäten zu reduzieren. Sie sind Räume des gegenseitigen Zuhörens für die Ausübung der Unterscheidung, ohne die nicht nur jeder seinen eigenen Weg geht, sondern wir auch Gefahr laufen, nicht zu verstehen, wohin der Herr uns führen will, was er von uns erwartet und zu welchen Bekehrungen er uns aufruft. Wenn dies geschieht, wird der Gottesdienst zum Leben und zwischen den Menschen entstehen freundschaftliche Verbindungen und Solidaritätsprojekte.

Ich lade die Priester ein, die Praxis der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung als eine der größten Chancen anzuerkennen, die die Synodalität ihrem Dienst bietet. Liebe Brüder, ohne vom Wesentlichen abzuweichen, wird die Praxis der regelmäßigen Treffen mit euren Gemeindemitgliedern, um das Leben in den Stadtvierteln, die kulturellen Veränderungen, die sozialen Spannungen und die kirchlichen Praktiken im Lichte des Evangeliums zu deuten, euren Dienst bereichern und erquicken. Es wird auch jedem Einzelnen und jeder Gemeinschaft helfen, aus der Isolation herauszukommen und die Freude des Heiligen Geistes zu erfahren. Denn wenn wir das kirchliche Leben auf eine Routine verkürzen, in der jeder in seinen Gewohnheiten und seiner Rolle gefangen bleibt, fehlt uns der Heilige Geist. Er weckt Berufungen und verbindet sie miteinander, was manchmal Unruhe, Diskussionen und die Suche nach neuen Gleichgewichten hervorruft. Fürchtet euch nicht davor, sondern freut euch darüber.

Die Anekdoten, die wir heute Abend gehört haben, erzählen uns – oder besser gesagt: „singen uns vor“ –, wie viel Leben in dieser Kirche steckt. Jemand gab folgendes Zeugnis: „Ich kann ohne zu zögern sagen, dass ich die Kirche, die Familie Gottes, in der wir alle einen Platz haben, von ganzem Herzen liebe.“ Ein anderer sagte: „Ich empfand große Freude und Verantwortung, als ich ein aktiveres Mitglied der Gemeinschaft wurde und meine Gaben mit den übrigen Mitgliedern der Kirche teilte.“ Und wieder andere sagten: „Für uns ist der Dienst in diesen Programmen nicht nur eine Form der Hilfe, sondern auch eine Möglichkeit, all die liebevolle Zuwendung und Unterstützung zurückzugeben, die wir erhalten haben.“ Das ist die Kirche, liebe Brüder und Schwestern! Das ist die Musik des Evangeliums mit ihrem mitreißenden Rhythmus. Wenn sie das Herz erreicht, lässt sie einen sagen, man habe sich mit offenen Armen aufgenommen gefühlt, wie die Familie, die aus Peru nach Madrid kam. Viele, wie sie und ihre Familie, haben anfangs Angst, Kontakt aufzunehmen, denn sie haben von Vorurteilen und Enttäuschungen gehört. Die Güte, und sei es auch nur die einiger weniger, kann die Angst vieler überwinden. Seid für alle wie eine aufgeschlagene Bibel: In euren Gesichtern und in eurem Leben soll man dem Wort Gottes begegnen können. Die Liebe ist in der Tat die Sprache, die dafür sorgt, dass sich alle wie zu Hause fühlen. Vielen Dank.

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen..

08. Juni 2026, 20:58