Papst an Jugend in Assisi: Gegen Strom der Spaltung schwimmen
Silvia Kritzenberger - Vatikanstadt
2026 begeht die weltweite franziskanische Familie ein historisches Jubiläum: den 800. Jahrestag des Heimgangs eines der populärsten und beliebtesten Heiligen der katholischen Kirche, Franz von Assisi. Der Einladung, zu diesem Anlass in den berühmten italienischen Wallfahrtsort zu kommen, sind mehr als 2500 junge Menschen aus Europa – und darüber hinaus – gefolgt. Und auch Papst Leo ließ es sich nicht nehmen, zum Abschluss dieses dreitägigen Treffens nach Assisi zu reisen.
Assisi besitzt seit Jahrhunderten eine besondere Symbolkraft: Hier versammelte der heilige Franziskus vor rund 800 Jahren seine Brüder und legte den Grundstein für eine Spiritualität, die bis heute von Einfachheit, Geschwisterlichkeit und dem Dienst am Nächsten geprägt ist.
Im Mittelpunkt der Begegnung auf dem Platz vor der Basilika „Santa Maria degli Angeli“ stand ein Dialog zwischen dem Papst und drei jungen Gläubigen aus Kroatien und Italien. Die Themen reichten von der Glaubwürdigkeit christlichen Zeugnisses über die Berufung bis hin zur Beziehung junger Menschen zur Kirche.
Gegen den Strom der Spaltung schwimmen
Auf die Frage der Kroatin Karolina, wie junge Menschen heute glaubwürdige Zeugen des Evangeliums bleiben können, verwies Leo XIV. auf die bleibende Aktualität des heiligen Franziskus. Christen seien heute mehr denn je dazu berufen, Friedensstifter zu sein – gerade in einer Zeit, in der Religion häufig zur Abgrenzung oder politischen Instrumentalisierung missbraucht werde.
Die jungen Menschen erinnerte der Papst daran, dass die Franziskaner in den vom Krieg gezeichneten Regionen Südosteuropas über Jahrhunderte den Dialog zwischen Katholiken, Orthodoxen und Muslimen gefördert hätten. Diese Tradition gelte es fortzuführen: „Heute bedeutet die Treue zu dieser Tradition der Nähe, gegen den Strom zu schwimmen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und die Versöhnung zu pflegen,“ so der Papst wörtlich.
Wahre Nachfolge Jesu macht den Menschen nicht hart und gewalttätig
Der Pontifex warnte auch vor der Gefahr, die Radikalität des Evangeliums mit Fundamentalismus zu verwechseln. Wahre Nachfolge Jesu mache den Menschen nicht hart und gewalttätig, sondern sensibel, aufmerksam und offen für alle.
„Zeuge Christi zu sein, bleibt daher faszinierend und anspruchsvoll, denn es erweitert den Verstand und das Herz über fiktive Grenzen hinaus, d. h. jenseits von Ängsten, die durch Fehlinformationen und Mauern der Vorurteile hervorgerufen werden. Sich der Kultur der Macht zu entziehen und die Zivilisation der Liebe aufzubauen, wird nicht sofort verstanden und akzeptiert. Lernt jedoch vom heiligen Franziskus die Radikalität des Evangeliums, die das Gegenteil von Fundamentalismus ist: Es macht nicht blind und gewalttätig, sondern feinfühlig, aufmerksam, stets auf die Nachfolge Jesu ausgerichtet und somit bescheiden und allen gegenüber offen. Das ist nicht einfach, schenkt aber viel Freude.“
Gemeinschaft statt digitale Isolation
Leo XIV., der für den Zeitraum vom 10. Januar 2026 bis zum 10. Januar 2027 ein außerordentliches franziskanisches Jubiläumsjahr ausgerufen hat, erinnerte an die ersten Versammlungen der Franziskaner in Assisi. Hunderte junger Männer hätten damals gemeinsam gebetet, geschwiegen und über Gott gesprochen. Mit Blick auf die digitale Kultur, die den Menschen heute oft isoliere, rief der Papst seine Zuhörer dazu auf, echte Gemeinschaft wiederzuentdecken und diese Lebensweise überall zu bezeugen, „besonders in einer Zeit, in der die Technologie uns daran gewöhnt, nicht mehr zusammen zu sein, unter Menschen aus Fleisch und Blut.“
„Ein Ja für immer ist kein Käfig“
Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Frage nach der Berufung. Giovanni aus Bologna sprach die Unsicherheit vieler junger Menschen an, die sich scheuen, endgültige Entscheidungen zu treffen. Leo XIV. widersprach der Vorstellung, lebenslange Bindungen würden die Freiheit einschränken. Im Gegenteil: „Der Mut, eine endgültige Entscheidung zu treffen, ist vielleicht der revolutionärste Akt überhaupt“, betonte der Papst.
Eine Berufung sei kein Käfig, sondern ein Weg, auf dem Gott den Menschen begleite. Wer sich aus Angst, sich festzulegen ständig alle Möglichkeiten offenhalte, laufe Gefahr, letztlich auf der Stelle zu treten. Wahre Freiheit entstehe dort, wo Vertrauen wachse und Menschen bereit seien, Verantwortung zu übernehmen.
An dieser Stelle plauderte der Papst ein wenig aus dem Nähkästchen:
„Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Herr mich nie allein gelassen hat: Er hat mich stets begleitet und mir auch Menschen geschenkt, mit denen ich gemeinsam den Weg gehen konnte. So habe ich in meiner Berufung zum Priester, zum Mitglied der Gemeinschaft der Augustiner und zum Missionar so etwas wie ein Licht gefunden, das mich bis heute geleitet hat bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich „Ja“ zu einem ganz besonderen Ruf sagen musste: dem Ruf, Papst zu sein.“
Die Kirche trotz ihrer Wunden lieben
Die wohl persönlichste Frage stellte Luigi aus Sizilien. Viele junge Menschen, so seine Beobachtung, glaubten zwar an Gott, hätten aber Schwierigkeiten mit der Kirche und ihren Widersprüchen.
Leo XIV. räumte ein, dass „viele Menschen im Laufe der Geschichte und auch heute die Kirche nicht so erleben konnten, wie Jesus Christus sie sich wünscht.“ Fehlverhalten innerhalb der Kirche habe Leid und Enttäuschung verursacht. Dennoch erinnerte er daran, dass Jesus seine Kirche als Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern gewollt habe – als einen Ort, der Trennung überwindet und Menschen miteinander versöhnt.
„Das Wort Gottes, die Sakramente und die Übung der geschwisterlichen Liebe sind Wege der Verwandlung, um in uns das Bild Christi zu verwirklichen,“ gab der Papst zu bedenken. „Franziskus ist diese Wege gegangen: nicht herrschen, sondern dienen; nicht ergreifen, sondern empfangen; nicht zurückbehalten, sondern zurückgeben: Es ist das Leben Gottes, das die Kirche erneuert und sie zu einem freien Volk macht, zu einem Ort des Aufatmens und des Heils."
Jeder Christ sei deshalb eingeladen, am ständigen Aufbau der Kirche mitzuwirken. Wer erkenne, dass er selbst zu ihr gehöre, könne trotz aller Schwächen mit Liebe von ihr sprechen – wie von einer Mutter.
Abschließend gab der Papst den jungen Menschen, die dem franziskanischen Charisma folgen, noch folgenden Denkanstoß mit auf den Weg:
„Jeder von uns hat eine Aufgabe auf dieser stets offenen Baustelle. Wir haben unterschiedliche Aufgaben und Berufungen, doch wir gehen gemeinsam unseren Weg, inspirieren, helfen und korrigieren uns gegenseitig. Es ist wichtig, dass wir unseren Teil dazu beitragen. Dann werden wir von der Kirche mit der Zuneigung sprechen, die man einer Mutter entgegenbringt, denn wir werden erkennen, dass wir zu ihr gehören. Das wird eine aufrichtige Art sein, jene Menschen und jene Geschichte zu lieben, in der Jesus Christus zu uns kommt und bei uns bleibt. ,Und siehe, ich bin mit euch, alle Tage bis zum Ende der Welt' (Mt 28,20).“
(vaticannews – skr)
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