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Kardinal Pacelli (1876 - 1958) Kardinal Pacelli (1876 - 1958) 

Zum 150. Geburtstag Pacellis: Studientag beleuchtet Fall Mundelein

Zu den bedeutendsten Episoden aus der Zeit, in der Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., noch als Kardinalstaatssekretär an der Seite von Pius XI. wirkte, gehört zweifellos jene, die die Verteidigung des Kardinals und Erzbischofs von Chicago, George William Mundelein, betrifft. Dieser hatte harte Worte gegen Adolf Hitler geäußert. Der Chefredakteur der vatikanischen Medien, Andrea Tornielli, hat sich mit dem Fall Mundelein befasst.

Andrea Tornielli – Vatikanstadt*

Mundeleins Angriff auf Hitler

Der Kardinal und Erzbischof von Chicago, George William Mundelein, hatte am 18. Mai 1937 in einer nicht öffentlichen Ansprache an seine Priester sehr harte Worte gegen Adolf Hitler geäußert:

„Vielleicht fragt ihr euch, wie es möglich ist, dass sich eine Nation von sechsundsechzig Millionen Menschen, und dazu noch von intelligenten Menschen, einem Ausländer unterwerfen will, einem österreichischen Tapezierer, und obendrein eine armselige Figur, wie man mir sagt, und einigen wenigen Gefährten wie Goebbels und Göring, die jede Bewegung des deutschen Volkes bestimmen.“

„...einem österreichischen Tapezierer, und obendrein eine armselige Figur, wie man mir sagt...“

Der Kardinal ging so weit, polemisch, die These aufzustellen, dass die Gehirne von sechsundsechzig Millionen Deutschen entfernt worden seien, ohne dass die Betroffenen es bemerkt hätten. Es war eine äußerst schwerwiegende Äußerung, vorgetragen ohne jede diplomatische Rücksichtnahme von einem Geistlichen, der tausende Kilometer entfernt von Europa lebte. Seine Worte wurden auf den Titelseiten aller amerikanischen Zeitungen verbreitet.

Der deutsche Protest und Pacellis Antwort

Am 24. Mai bat der deutsche Botschafter im Vatikan, Diego von Bergen, um eine Audienz beim Kardinalstaatssekretär und erhielt sie. Von Bergen überreichte Kardinal Pacelli ein Blatt mit dem Briefkopf der deutschen Botschaft, ohne Datum und ohne Unterschrift, auf dem eine scharfe Protestnote der Berliner Regierung aufgrund der Worte des Erzbischofs von Chicago festgehalten war. Pacelli antwortete mündlich, ließ aber noch am selben Tag von Bergen eine Niederschrift seiner Worte zukommen:

„Auf die mir soeben gemachte Mitteilung über eine Rede Seiner Eminenz, des Herrn Kardinals Mundelein, erlaube ich mir mit einer Feststellung und mit einer Gegenfrage zu antworten.

1)    Ich pflege mich nicht über Reden zu äußern, von denen – wie im vorliegenden Fall – noch kein einwandfrei gesicherter Text vorliegt.

„Die deutsche Regierung hat nichts unternommen, im Gegenteil, sie trägt selbst die Verantwortung“

2)    Selbst wenn ein solcher Text bereits vorläge, wäre ich nicht in der Lage, zu der mir gemachten Mitteilung Stellung zu nehmen, bevor ich eine klare, endgültige und zufriedenstellende Antwort auf die folgende Frage erhalten habe: Was hat die deutsche Regierung unternommen und was beabsichtigt sie künftig zu unternehmen gegen die niederträchtigen Beleidigungen und Verleumdungen, gegen die schmählichen Diffamierungen, die sich täglich in deutschen Zeitungen und Zeitschriften wie auch in Reden selbst bedeutender Persönlichkeiten gegen die Kirche, die kirchlichen Einrichtungen, den Papst, die Kardinäle, die Bischöfe, die Priester und so weiter wiederholen? Um Eurer Exzellenz die Aufgabe zu erleichtern, werde ich selbst auf den ersten Teil der Frage antworten: Die deutsche Regierung – trotz aller Proteste – hat dagegen nichts unternommen. Im Gegenteil: Sie trägt selbst die Verantwortung dafür, denn staatliche und parteiliche Stellen, insbesondere das Propagandaministerium, organisieren und lenken in weiten Teilen ein solches Verhalten in Veröffentlichungen und Reden oder fördern und unterstützen sie zumindest mit allen Mitteln. Auf den zweiten Teil der Gegenfrage, der die Zukunft betrifft, kann nur die deutsche Regierung selbst antworten. Der Heilige Stuhl erwartet, wie gesagt, eine klare, endgültige und zufriedenstellende Antwort.“

Vatikan weist Vorwürfe zurück

Der Protest wurde damit mit Nachdruck an den Absender zurückgeschickt: Der Heilige Stuhl verlangte vom „Reich“ Rechenschaft über die zahlreichen Proteste wegen Verletzungen des Konkordats, die unbeantwortet geblieben waren. Am 29. Mai übergab der Geschäftsträger der deutschen Botschaft, Fritz von Menshausen, Pacelli eine neue, drohende Note, deren Ziel es war, eine öffentliche Distanzierung des Vatikans von Mundelein zu erreichen. „Die deutsche Regierung – heißt es in dem Dokument – ist gezwungen festzustellen, dass der Heilige Stuhl diese unqualifizierbaren öffentlichen Angriffe eines seiner höchsten Würdenträger gegen die Person des Staatsoberhauptes bestehen lässt, ohne sie zu korrigieren, und sie damit faktisch vor den Augen der Welt deckt.“

Beratungen in Castel Gandolfo

Diese letzte formelle Protestnote konnte nicht unbeantwortet bleiben. Papst Pius XI. berief daher eine Sitzung der Kardinäle der Kongregation für die außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten ein, die am 20. Juni 1937 um 11 Uhr in Castel Gandolfo stattfand und vom Papst persönlich geleitet wurde. Der einleitende Bericht wurde Kardinal Pacelli übertragen.

Hier die Niederschrift seiner Worte: „Der Heilige Stuhl kann die Rede von Kardinal Mundelein selbst weder korrigieren noch missbilligen. Es wäre ein Akt der Schwäche, der die Führer des Nationalsozialismus und Hitler selbst nur noch überheblicher machen würde, der in seiner Selbsttäuschung glaubt, dass sich die ganze Welt sofort vor ihm beugen müsse. Gewiss ist der Teil der Rede des Kardinals Mundelein, der die Worte gegen das Staatsoberhaupt betrifft, wenig glücklich gewesen. Er könnte von sich aus eine öffentliche Erklärung abgeben. Da jedoch die deutsche Regierung die Note der Botschaft an den Heiligen Stuhl vom 29. Mai veröffentlicht hat, würde die Öffentlichkeit in diesem Fall leicht annehmen, dass jene Erklärung des Kardinals Mundelein auf Anordnung und Anregung des Heiligen Stuhls erfolgt sei, der damit den Eindruck erwecken würde, dem Druck der Regierung nachgegeben zu haben.“

Ein beredter Text

Der Abschnitt ist sehr aufschlussreich und zeigt erneut, wie Eugenio Pacelli über Hitler dachte. Ebenso wird die Fähigkeit deutlich, mit der der Kardinal das Problem dem Papst und den anderen Mitarbeitern des Staatssekretariats darlegte, sodass der Erzbischof von Chicago kein einziges Wort seiner Aussagen widerrufen musste. Pius XI. schloss sich an und machte sich die von Pacelli geäußerte Meinung zu eigen, indem er ihn als „unseren Kardinalstaatssekretär, für den kein Lob ausreicht“, bezeichnete.

„Die deutsche Reaktion führte somit zu nichts“

In der Antwort, die Pacelli vier Tage nach der Sitzung an die deutsche Botschaft übermittelte, wurde festgehalten, dass Mundelein weder den Heiligen Stuhl repräsentierte noch in dessen Namen sprach und dass seine Rede nicht öffentlich gewesen sei. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass der Erzbischof von Chicago ein freier Bürger sei, der von dem ihm durch die Verfassung seines Landes garantierten Recht Gebrauch gemacht habe, seine Meinung über Personen und Ereignisse in Deutschland zu äußern, die gegenüber dem Papst und der Kirche beleidigend gewesen seien. Der Vatikan weigerte sich nicht, den Fall Mundelein zu erörtern, bekräftigte jedoch, dass dafür Bedingungen der Gleichheit notwendig seien, und dass daher die Regierung des Reiches angemessene Erklärungen und Antworten auf die zahlreichen vergeblichen Proteste des Heiligen Stuhls liefern müsse. Die deutsche Reaktion führte somit zu nichts. Im Gegenteil: Am 17. Juli 1937 lobte Pius XI. bei der Begegnung mit einer Pilgergruppe aus Chicago die amerikanische Stadt und „ihren hervorragenden Kardinalerzbischof, der so eifrig und engagiert die Rechte Gottes und der Kirche zum Heil der Seelen verteidigt“.

*Andrea Tornielli untersuchte die Kritik des Chicagoer Erzbischofs an Hitler und Pacellis Reaktion auf die Proteste aus Deutschland und widmete sich diesem Thema am 4. Mai im römischen Konvent Santa Maria sopra Minerva bei einem Studientag anlässlich der Feiern zum 150. Geburtstag Eugenio Pacellis. Mehrere Referenten beleuchteten beim Studientag das Leben und Wirken des späteren Papstes Pisu XII.. Tornielli befasste sich mit Eugenio Pacellis Verteidigung des Kardinals und Erzbischofs von Chicago, George William Mundelein. 

(vatican news – bp)

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05. Mai 2026, 11:32