Suche

Schule im Vatikan für angehende Archivare und Archivarinnen Schule im Vatikan für angehende Archivare und Archivarinnen 

Archivkunde studieren im Vatikan: Ein Job für das Gedächtnis der Kirche

Die Päpstliche Schule für Paläographie, Diplomatik und Archivwissenschaft im Vatikan bildet seit bald 150 Jahren Fachleute aus, die die Geschichte der Kirche erschließen und bewahren. Für den dort lehrenden Archivwissenschaftler Enrico Flaiani dient diese Arbeit der Wahrheit und den Gläubigen. Sie reicht weit über das Lesen alter Urkunden hinaus.

Gudrun Sailer und Paolo Ondarza – Vatikanstadt

Die Schule vermittelt nach den Worten Flaianis den ersten Zugang zur historischen Erinnerung der Weltkirche. Archive und päpstliche Dokumente bewahren Zeugnisse aus Jahrhunderten kirchlichen Lebens. Sie erzählen von christlichen Gemeinden, Heiligen, Missionen und Werken der Nächstenliebe.

Daraus erwächst für die Forschung eine besondere Verantwortung, wie Flaiani betont: „Die Erinnerung der Kirche zu bewahren und weiterzugeben, ist ein Dienst an der Wahrheit und an den Gläubigen. Es geht nicht einfach darum, alte Schriftstücke zu lesen oder aufzubewahren, sondern die Zeugnisse zu studieren und kennenzulernen, durch die Männer und Frauen die Botschaft Christi im Lauf der Jahrhunderte gelebt haben.“

Blick in den Hörsaal
Blick in den Hörsaal
Hier im Audio

Sorgfältiger Umgang mit den Quellen

Historische Forschung braucht deshalb einen sorgfältigen Umgang mit den Quellen. Flaiani warnte vor falschen, tendenziösen oder oberflächlichen Deutungen der Kirchengeschichte. Nur eine gründliche wissenschaftliche Arbeit schaffe die notwendige intellektuelle Redlichkeit. „Archivwissenschaftliche Kompetenz ist daher eine konkrete Form des intellektuellen Apostolats“, so Flaiani.

Es war Papst Leo XIII., der die Schule 1884 gründete. Italien war zu der Zeit feindliches Umland, der Vatikan demzufolge verschlossen, kein Papst zwischen 1870 und 1929 verließ den Hügel am Petersgrab zu Lebzeiten. In dieser Lage entschied sich Leo XIII. zu einem unerhörten Schritt: Er öffnete die päpstlichen Archive und die päpstliche Bibliothek 1881 für die internationale Forschung. Eine Sensation, die Historiker und Nationen in ganz Europa in Goldgräberstimmung versetzte.

Im Nu entstanden Historische Institute, noch 1881 etwa das Österreichische, Kaiser Franz Joseph gründete es mit Geld aus seiner Privatschatulle. Frankreich war bereits am Platz, Deutschland zog 1888 nach. Die Gründung der vatikanischen Archivschule fiel somit in eine Zeit intensiver historischer Forschung in Europa, die ihren neuen Mittelpunkt in Rom, genauer: im Vatikan gefunden hatte.

 Ein Originaldokument aus den Vatikan-Beständen
Ein Originaldokument aus den Vatikan-Beständen

Weiterentwicklung des Angebots

Leo rief die Ausbildungsstätte mit dem Motu proprio „Fin dal principio“ vom 1. Mai 1884 ins Leben. Ziel war es von Anfang an, Fachleute auszubilden, die die Dokumente des Heiligen Stuhls lesen, einordnen und wissenschaftlich erschließen können.

Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte die vatikanische Archivschule ihr Angebot weiter. Zunächst stand ein zweijähriger Kurs für mittelalterliche Paläographie auf dem Lehrplan. Papst Pius XI. (1922–1939), der eine Vergangenheit als Bibliotheksleiter und Gelehrter hatte, ergänzte das Angebot um Archivwissenschaft. Unter Papst Paul VI. (1963–1978) kam die griechische Paläographie hinzu.

Heute besuchen Absolventinnen und Absolventen verschiedener Fachrichtungen die Schule, das bedeutet: Nicht jeder kann aufgenomen werden, es braucht eine wissenschaftliche Vorbildung. Wie Flaiani erklärt: „Unverzichtbare Voraussetzung für die Zulassung ist ein Masterabschluss. Hinzu kommt ein Empfehlungsschreiben eines Hochschullehrers oder eines kirchlichen Referenten.“ Bewerber stammen unter anderem aus den Bereichen Geschichte, Philosophie, Rechtswissenschaft, Denkmalpflege, Archäologie oder Kommunikationswissenschaft, und natürlich auch Theologie.

Uralte Pergamente und Papiere

Ein besonderes Merkmal der Ausbildung ist allerdings seit 1884 unverändert geblieben: „Es geht traditionell zu. Die Dozenten verwenden zu Lehrzwecken Originaldokumente und Bücher aus den Beständen des Archivs und der Vatikanischen Bibliothek“, erläutert der Dozent. Pergamente und Papiere aus Jahrhunderten der Kirchengschichte: So lernen die Schülerinnen und Schüler, historische Quellen zu lesen, zu beschreiben, zu ordnen und dauerhaft zu erhalten.

Zum Studienangebot gehören heute ein zweijähriger Studiengang mit den Schwerpunkten Paläographie, Diplomatik und Archivwissenschaft sowie moderne und zeitgenössische Archivwissenschaft. Hinzu kommen ein Jahreskurs in griechischer Paläographie und ein Fortbildungskurs für Mitarbeitende der Römischen Kurie. Im Studiengang für moderne Archivwissenschaft absolvieren die Teilnehmenden außerdem ein Praktikum von 200 Stunden im Archiv oder in kooperierenden Einrichtungen.

Auch außerhalb des Vatikanstaates genießen die Abschlüsse staatliche Anerkennung. Diese Regelung geht bereits auf das Konkordat von 1929 zurück, das damals die Feindschaft zwischen Vatikan und Italien beendete und den Papststaat in seiner heutigen Form entstehen ließ, als Sitz des Heiligen Stuhles und damit der Mitte der Weltkirche.

Für Flaiani entscheidet sich gerade im Archiv, welchen Beitrag historische Forschung für die Kirche leisten kann. „Nur eine sorgfältige Forschung führt zu der notwendigen intellektuellen Redlichkeit, um der Kirche durch das Studium und die Bewahrung ihres kulturellen und dokumentarischen Erbes gut zu dienen.“

(vatican news – gs)

 

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen..

10. Juli 2026, 12:36