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Am Sonntag waren laut Polizeiangaben bis zu 75.000 Menschen in der Hauptstadt Chisinau auf die Straße gegangen, um für einen Beitritt des Landes zur Europäischen Union zu demonstrieren. Am Sonntag waren laut Polizeiangaben bis zu 75.000 Menschen in der Hauptstadt Chisinau auf die Straße gegangen, um für einen Beitritt des Landes zur Europäischen Union zu demonstrieren.  (AFP or licensors)

Republik Moldau: Die dunklen Seiten der Arbeitsmigration

Das katholische Osteuropahilfswerk Renovabis will im 30. Jahr seines Bestehens während seiner bundesweiten Pfingstaktion die Arbeitsmigration aus Osteuropa in den Fokus rücken und auf die Situation der Menschen vor Ort hinweisen. Markus Nowak war in Moldawien, einem der Hauptherkunftsländer von Arbeitsmigrantinnen und -migranten in Europa, und hat sich dort Renovabis-Projekte vor Ort angeschaut.

Unter dem Leitwort „Sie fehlen. Immer. Irgendwo.“ steht die diesjährige Pfingstaktion von Renovabis. Dabei geht es um Arbeitskräfte aus dem Ausland, die in Deutschland tätig sind. Häufig stammen sie aus Mittel- und Osteuropa. Für ihre Unterstützung ruft das Hilfswerk Renovabis mit den deutschen Bischöfen zu Spenden auf.

Hier hören Sie den Renovabis-Bericht von Markus Nowak

„Es geht um Menschen, die ihre Heimat verlassen, um ihren Lebensunterhalt in der Fremde zu verdienen. Die Entscheidung zur Migration erfolgt selten leichtfertig, meist beruht sie auf der Not“, heißt es im Brief zum Spendenaufruf, unterzeichnet von Bischof Georg Bätzing, Bischof von Limburg. Die Folgen seien gravierend, denn in ihren Herkunftsländern hinterließen die Frauen und Männer eine große Lücke, fehlten sie doch in ihren Familien, Gemeinden, als Arbeitskräfte und Bürger. „Hier in Deutschland erfahren die Migrantinnen und Migranten oft wenig Wertschätzung. Viele leiden unter prekären Beschäftigungsverhältnissen, manche sogar unter kriminellen Machenschaften bis hin zum Menschenhandel“, schreibt Bätzing weiter.

Durchschnittseinkommen beträgt rund 200 Euro im Monat

Die Republik Moldau ist eines der ärmsten Länder in Europa. Das Durchschnittseinkommen liegt bei nur rund 200 Euro pro Monat und die Arbeitsmigration aus dem Land hat bedenkliche Ausmaße angenommen – nach einigermaßen verlässlichen Zahlen arbeitet bis zu einem Drittel der Bevölkerung im Ausland. Besonders tragisch ist die Situation für die jüngste Generation in dem bitterarmen Land: Wenn die Eltern ins Ausland gehen, lassen sie ihre Kinder oft zurück. Manche werden dann bei Großeltern oder anderen Verwandten untergebracht, viele bleiben aber ganz ohne Betreuung auf sich gestellt. Neben diesen sogenannten Euro-Waisen gibt es vielfältige soziale Probleme in den Familien, die dazu führen, dass besonders Kinder vernachlässigt werden und dringend Unterstützung brauchen.

Am Sonntag waren laut Polizeiangaben bis zu 75.000 Menschen in der Hauptstadt Chisinau auf die Straße gegangen, um für einen Beitritt des Landes zur Europäischen Union zu demonstrieren. Nachdem es zuvor mehrere pro-russische Kundgebungen gegeben hatte, rief die moldawische Präsidentin Maia Sandu für Sonntag zur Gegendemonstration auf. Das 2,6 Millionen Einwohner zählende Land wurde im Juni 2022 wie das Nachbarland Ukraine zum EU-Beitrittskandidaten. Laut Präsidentin Sandu will das Land bis 2030 der EU beitreten.

Bericht vor Ort

Die Schotterstraße führt von der Hauptstraße aus Chișinău kommend an Weizen- und Maisfeldern vorbei. Rechts weidet eine Schafherde. Irgendwann sind die ersten Häuser sichtbar. Petropavlovca ist wie viele Dörfer in der Republik Moldau zersiedelt, von Büros oder Industrie keine Spur. Mitten auf dem Schotterweg schiebt Svetlana Nika ihren Kinderwagen. Die 25-Jährige ist auf dem Weg zum „Traumhaus“, um ihre beiden Töchter abzuholen.

Das „Traumhaus“ ist eine Kinderbetreuungseinrichtung der Caritas. Seit die Kleinen in den Kindergarten gehen und hinterher im „Traumhaus“ betreut werden, hat die zweifache Mutter endlich Zeit. Nicht für sich, aber für die Hausarbeit: neben Kochen und Wäschewaschen auch Holzhacken und Heizen. Denn während ihr Mann Ivan in Deutschland Geld verdient, muss sie auch die körperlichen Arbeiten rund um Haus und Garten übernehmen. „Es ist schwer, wir vermissen Ivan sehr“, sagt Svetlana. Ivan ist sieben Jahre älter als sie, seit drei Jahren arbeitet er für deutsche Firmen auf dem Bau: Sechs Monate am Stück lebt er in Deutschland, dann kommt er für mehrere Wochen nach Hause zu seiner jungen Familie.

„Er konnte keinen Job in der Nähe finden“, erzählt Svetlana. „Wir müssen für Essen, Wohnen und den Kindergarten zahlen. Geld, das wir nicht zusammenbekommen. Also ist er ins Ausland gegangen“, sagt sie. Im „Traumhaus“ angekommen nimmt sie im Hausaufgabenraum einen Globus in die Hand und deutet auf Deutschland. „Da ist Papa gerade“, sagt sie zu ihren Töchtern - und berichtet, dass die beiden oft weinen, weil ihr Vater nicht zuhause ist.

(renovabis - mg)

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23. Mai 2023, 14:02