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UN-Generalsekretär Antonio Guterres UN-Generalsekretär Antonio Guterres 

UN-Generalsekretär Guterres: Weltordnung steht vor dem Zerfall

UN-Generalsekretär António Guterres hat im Interview mit der italienischen Tageszeitung La Repubblica eine eindringliche Warnung ausgesprochen: Wenn das „Gesetz der Macht“ das „Recht des Gesetzes“ ablöst, drohe der Welt eine tiefe Destabilisierung. Angesichts geopolitischer Spaltungen und drohender Finanzkrisen innerhalb der Weltorganisation fordert Guterres eine Rückbesinnung auf die Grundwerte der UN-Charta.

Paolo Mastrolilli und Mario Galgano - Vatikanstadt

Bei seinem Besuch in Italien zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele 2026 nutzte der Portugiese Guterres ein Interview mit der römischen Tageszeitung La Repubblica, um das Paradoxon unserer Zeit zu beschreiben: „In einem Moment, in dem wir die internationale Zusammenarbeit am dringendsten benötigen, scheinen wir am wenigsten geneigt zu sein, in sie zu investieren“.

Die Erosion des Multilateralismus

Guterres sieht das Fundament der globalen Kooperation durch Straflosigkeit, Ungleichheit und rücksichtslose geopolitische Manöver erschüttert. Besonders kritisch äußert er sich zur Tendenz mächtiger Staaten, das Völkerrecht zugunsten nationaler Machtinteressen zu ignorieren. „Wenn mächtige Akteure glauben, ohne Konsequenzen handeln zu können, untergräbt dies die Glaubwürdigkeit des gesamten regelbasierten internationalen Systems“, so der Generalsekretär. Dies führe zu einem gefährlichen Signal der Vorhersehbarkeit und erhöhe das Risiko für Konfrontationen und menschliches Leid.

Fokus auf Krisenherde: Gaza und Ukraine

In Bezug auf den Nahostkonflikt betont Guterres die Bedeutung der Resolution 2803 des Sicherheitsrates für den Gazastreifen. Er mahnt einen vollständigen Rückzug der israelischen Streitkräfte und die Schaffung eines glaubwürdigen politischen Horizonts an, der in eine Zwei-Staaten-Lösung münden müsse. Zur Rolle neuer Initiativen wie dem sogenannten „Board of Peace“ stellt er klar: „Die Verantwortung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit liegt bei den Vereinten Nationen. Kein anderes Organ kann diese Rolle ersetzen“.

Auch zum Ukraine-Krieg findet Guterres deutliche Worte. Angesichts des bevorstehenden vierten Jahrestags der russischen Invasion betont er, jede Friedenslösung müsse auf der Souveränität und territorialen Integrität der Ukraine basieren. „Es war Russland, das die Ukraine überfallen hat, nicht umgekehrt“, erinnert er. Angriffe auf zivile Infrastrukturen, die Millionen Menschen in der Kälte ohne Wasser und Licht lassen, seien „unentschuldbar und müssen sofort aufhören“.

UN vor dem finanziellen Kollaps?

Ein besonders alarmierender Teil des Interviews betrifft die finanzielle Situation der UNO. Guterres warnt vor einem „drohenden finanziellen Zusammenbruch“ der multilateralen Organisation par excellence. Er stellt klar, dass es sich nicht um ein gewöhnliches Liquiditätsproblem handelt, sondern um eine strukturelle Krise, da mehrere Mitgliedsstaaten angekündigt haben, ihre Pflichtbeiträge nicht mehr zu leisten. „Die Mitgliedsstaaten müssen sich entweder auf eine Reform der Finanzregeln einigen oder die reale Aussicht auf den finanziellen Zusammenbruch der UN akzeptieren“, warnt er.

Olympia als Symbol der Hoffnung

Trotz der düsteren Weltlage sieht Guterres in den Olympischen Spielen 2026 in Italien ein wichtiges Symbol. Er dankt Italien für die Wiederbelebung des „Olympischen Friedens“. Sport habe die einzigartige Fähigkeit, Gräben zu überbrücken. Zudem böten die Spiele eine Plattform, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen, die den Wintersport direkt bedrohe: Ohne drastisches Handeln könnte die Zahl der geeigneten Austragungsorte bis 2080 von heute 90 auf nur noch 30 sinken.

Guterres schloss mit dem Plädoyer, dass echter Friede nur durch eine multipolare Welt erreicht werden könne, die in Kooperation statt in Konfrontation verwurzelt ist.

(la repubblica)

 

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05. Februar 2026, 10:31