Nach dem Vertrag ist vor dem Wettrüsten: Die Welt ohne atomare Fesseln
Das Ende des Vertrags kommt nicht überraschend, doch die Substanz des Bruchs ist gravierend. Benoît Pélopidas, Gründer des Forschungsprogramms für Nuklearstudien an der Sciences Po und Gast bei Radio Vatikan, betont, dass die Kontrollmechanismen schon lange zuvor erodierten. „Die Inspektionen waren bereits während der Pandemie ausgesetzt worden, und Russland hatte seine Teilnahme im Februar 2023 offiziell gestoppt“, so der Experte. Da auch die USA seit 2023 keine aktuellen Zahlen mehr veröffentlichten, war die bindende Kraft des Vertrages schon vor seinem offiziellen Ablauf nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ein Arsenal weit über den Bedarf der Abschreckung hinaus
Die Zahlen sind nach wie vor schwindelerregend. Während oft von einer Begrenzung auf rund 1.550 einsatzbereite Sprengköpfe die Rede war, lagern in den Depots der USA insgesamt etwa 3.700 Waffen – bei Russland sieht es ähnlich aus. Pélopidas stellt klar: „Wir befinden uns, insbesondere in den USA und Russland, weit über den Kapazitäten, die selbst von den Generalstäben dieser Länder als notwendig für eine nukleare Abschreckung angesehen werden.“
Das Auslaufen von „New Start“ bedeutet nun, dass jene Kräfte auf beiden Seiten, die eine Aufstockung der Arsenale fordern, ein Hindernis weniger haben. Pélopidas spricht jedoch nicht von einem Neustart des Wettrüstens, sondern von einer „Beschleunigung eines bereits laufenden Prozesses“. Dieser habe in den USA bereits 2010 unter Präsident Obama mit einem massiven Modernisierungsprogramm der nuklearen Triade (Luft, Boden, See) begonnen und wurde unter der Trump-Administration fortgesetzt. Heute investieren alle neun Atommächte weltweit massiv in die technische Erneuerung ihrer Zerstörungskraft.
Die Illusion des „nuklearen Friedens“
Papst Leo XIV. griff das Thema jüngst nach einer Generalaudienz auf und erinnerte an die Worte seiner Vorgänger: Die Vorstellung, Atomwaffen könnten dauerhaften Frieden garantieren, sei eine gefährliche Utopie. Pélopidas stützt diese Sichtweise aus wissenschaftlicher Perspektive. Der Glaube an eine „gewaltfreie Abschreckung“ blende die humanitären und ökologischen Folgen aus, die bereits durch atmosphärische Atomtests der Vergangenheit die Biosphäre geschädigt haben.
Zudem zeige die aktuelle Weltlage, dass der nukleare Schutzschirm konventionelle Aggressionen oft erst ermöglicht, statt sie zu verhindern. „Die russische Aggression in der Ukraine ist das jüngste Beispiel“, erklärt Pélopidas. „Der Kreml kalkulierte damit, dass der Westen aus Angst vor einer nuklearen Eskalation vor einem übermäßigen Engagement zurückschreckt.“
Das Ende von „New Start“ lässt die Welt somit in ein Unbekanntes taumeln, in dem die einzige Konstante die technologische Perfektionierung der Vernichtung zu sein scheint.
(vatican news - mg)
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