Kardinal Radcliffe: „Leid der Ukraine ist Leid der Welt“

Nach einer intensiven zweiwöchigen Reise durch die Ukraine ist Kardinal Timothy Radcliffe OP in den Vatikan zurückgekehrt. In seinem Rückblick schildert der ehemalige Generalobere der Dominikaner seine Begegnungen in zerstörten Städten wie Cherson und Charkiw. Sein Fazit: Die Ukraine steht nicht nur für sich selbst an der Front, sondern für die Freiheit der gesamten Welt.

Jarosław Krawiec e Alina A. Petrauskaitė - Vatikanstadt

Vom 27. Februar bis Mitte März besuchte Kardinal Radcliffe zahlreiche Stationen im ganzen Land, um der lokalen Kirche und den Gemeinschaften seines Ordens den Rücken zu stärken. „Ich habe einen enormen Mut bemerkt“, berichtet der Purpurträger gegenüber den Vatikan-Medien. Es sei die Entschlossenheit der Menschen, „im Land zu bleiben und ihr Bestes zu geben, um eine Zukunft aufzubauen“, die ihn tief beeindruckt habe.

Alltag zwischen Hoffnung und Todesangst

Besonders prägend war der Besuch in der Frontstadt Cherson. Radcliffe berichtet von der ständigen Präsenz von Drohnen und der spürbaren Verwundbarkeit der Bevölkerung. Doch inmitten dieser Bedrohung sah er ein starkes Zeichen christlicher Hoffnung: „Eines der schönsten Bilder war das Brot, das vor Ort von Freiwilligen für die Menschen gebacken wurde. Im ‚Vaterunser‘ beten wir täglich: ‚Unser tägliches Brot gib uns heute‘ – und dort haben wir gesehen, wie dieses Brot bereitet wurde.“

Gleichzeitig verschwieg der Kardinal nicht die enorme psychische Last: „Man konnte den Stress spüren, mit dem sie leben müssen, und die Müdigkeit, Tag für Tag die Drohung der Gewalt zu ertragen.“

Die Rolle der Orden: Zeugen der Geschwisterlichkeit

Radcliffe traf während seiner Reise Mitglieder verschiedener Gemeinschaften, darunter Orionistinnen, Karmelitinnen und Dominikaner. Angesichts des Krieges bestehe die Gefahr, sich in sich selbst zu verschließen. Doch die Berufung der Ordensleute sei es, „Zeugen der universellen Geschwisterlichkeit“ zu sein.

„Papst Franziskus hat uns zu einer Geschwisterlichkeit aufgerufen, die die ganze Welt umfasst“, so Radcliffe. In den Projekten der Schwestern für alleinerziehende Mütter in Charkiw habe er diese Freude und Geschwisterlichkeit konkret erlebt – ein Lichtblick für Kinder, die bereits so viel Schreckliches gesehen haben.

Ein entscheidender Moment für die Weltgemeinschaft

Auf die Frage, wie die Welt der Ukraine helfen könne, antwortete der Kardinal mit einem globalen Appell: „Wir müssen uns daran erinnern, dass das Leid der Ukraine nicht nur das Leid eines einzelnen Landes ist: Es ist das Leid der ganzen Welt.“ Es gehe um die fundamentale Frage, ob eine Welt der Freiheit und Demokratie bestehen bleibe.

„Die leidenden Ukrainer sind unsere Brüder und Schwestern – das, was der Prophet Jesaja als ‚Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blut‘ bezeichnete.“

Hoffnung gegen die Illusion der Gewalt

Trotz der neuen Konfliktherde weltweit, etwa im Nahen Osten, hält Radcliffe an der Hoffnung fest. Er kritisierte die wiederkehrende „Illusion, dass Probleme durch das Töten von Menschen gelöst werden könnten.“ Wahre Hoffnung finde sich im Sakrament der Eucharistie, auch wenn sie menschlich gesehen fern scheint. „Frieden finden wir nur, wenn wir den Fremden als unseren Bruder und unsere Schwester anerkennen.“

(vatican news)

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14. März 2026, 13:52