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Der hl. Augustinus (354-430) Der hl. Augustinus (354-430) 

Zur Papstreise: Was ist das Besondere am heiligen Augustinus?

Einer der Protagonisten bei der Reise von Papst Leo XIV. nach Algerien ist schon seit über 1.500 Jahren tot: der heilige Augustinus von Hippo. Was macht diesen Kirchenlehrer heute noch so aktuell?

Das fragte Stefan v. Kempis den Augustinus-Experten Christof Müller.

Interview

Herr Müller, was ist denn heute noch das Besondere, das Faszinierende, das Interessante am heiligen Augustinus?

„Augustinus ist nach wie vor eine wichtige Figur in der Geistes- und in der Kirchengeschichte: Er hat eine ganz große Rezeptionswirkung gehabt, eine große Rezeptionsgeschichte. Über alle Jahrhunderte hinweg hat man Augustinus gelesen und diskutiert, manchmal eher zustimmend, manchmal (vor allem in der Gegenwart) eher kritisch – und das gilt für ganz viele Disziplinen, also nicht nur für die Theologie, sondern auch für Anthropologie, Psychologie, Philosophie, auch für die Semiotik (Zeichenlehre). Ganz viele Bereiche zeigen also schon rein vom Phänomenbefund her, dass Augustinus nach wie vor eine wichtige Figur ist.

 

Und was für uns, für Zeitgenossen besonders wichtig ist, die nicht unbedingt in der Wissenschaft zu Hause sind: Dass Augustinus einer der ganz klassischen, großen Sinnsucher ist. Wir wissen ja selbst, dass dieses Suchen in der Gegenwart, bei unseren Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, eine große Frage ist: Wie lebe ich? Wie will ich leben? Was erfüllt mein Leben? Was gibt meinem Leben Inhalt und Sinn, und wie kann ich im besten Falle auch so etwas wie Glück erfahren? Da war Augustinus schon ein großer Pionier. Er gilt als einer der großen Meilensteine auch in der Entwicklung von Autobiographien, das heißt: Nachdenken über sich selbst, über den Sinn des eigenen Lebens, über die Richtung des eigenen Lebens. Insbesondere in seinen ‚Confessiones‘, also in seinen ‚Bekenntnissen‘, hat Augustinus seine Reflexion über sein Leben unter dem Horizont der Sinnsuche besonders niedergelegt und beschrieben.“

Christof Müller 2013 mit dem damaligen Papst Benedikt XVI., einem Förderer des Augustinus-Forschungszentrums
Christof Müller 2013 mit dem damaligen Papst Benedikt XVI., einem Förderer des Augustinus-Forschungszentrums

„Über alle Jahrhunderte hinweg hat man Augustinus gelesen und diskutiert“


Was hat es mit diesen ‚Confessiones‘ auf sich?

„Das dürfte wohl sein bekanntestes Werk sein, das in Hunderte von Sprachen übersetzt worden ist. Darin erzählt Augustinus in 13 Büchern insgesamt über seine eigene Herkunftsgeschichte, über seinen eigenen Weg, der ihn über verschiedene Weltanschauungen letztlich zu Gott und zum Glauben führte. Und in den letzten Büchern reflektiert er dann noch mal auf die Schöpfungsgeschichte der Bibel und versucht, sein eigenes kleines Leben einzubinden in die große Schöpfungs- und Heilsgeschichte Gottes. In diesem Sinne war Augustinus Pionier der Sinnsuche – und hat dabei aber versucht, diese Sinnfrage nicht oberflächlich zu behandeln. Es ist ein Proprium von ihm, dass er versucht, diese Sinnfrage auch mit der Wahrheitsfrage zu verbinden. (Bei vielen Zeitgenossen ist es ja so, dass die Wahrheitsfrage nicht so eine große Rolle spielt, gerade in Zeiten von Fake News. Das ist, glaube ich, eine Gefahr des Zeitgeistes: sich der Wahrheitsfrage nicht zu stellen, sondern zu sagen ‚Naja, Hauptsache, ich bin glücklich‘.) Augustinus hat das verbunden, hat also die Frage nach Sinn und nach Glück ganz eng verbunden mit der Frage nach Wahrheit; er ist zeitlebens nicht nur ein Sinn-, sondern auch ein Wahrheitssucher geblieben.

Nun könnte man meinen: Ja, Augustinus hat doch die Wahrheit dann letztendlich gefunden, er hat doch zu seinem Gottesglauben gefunden, und von daher können wir Christen doch froh und zufrieden sein und sagen ‚Da ist einer, der weiß, wo es langgeht‘. Aber das ist bei Augustinus etwas komplexer und, wie ich denke, auch etwas wertvoller – und gerade auch für unsere Zeitgenossen eben weit anregender und anschlussfähiger, weil Augustinus immer auf der Suche bleibt. Auch als glaubender Mensch, auch als theologisch reflektierender Mensch, ist er einer, der nie meint, er sei endgültig am Ziel angekommen, oder er wisse jetzt, was Gott ist und was Gott für ihn bedeutet. Sondern er ist immer einer gewesen, der gesagt hat: ‚Die Tiefe der Wahrheit, die Tiefe Gottes können wir als Menschen nie ausloten, sondern wir müssen immer weiter auf dem Weg bleiben. Und wenn wir‘ – das ist Augustinus‘ Hoffnung – ‚irgendwann einmal im Reich Gottes Ihn von Angesicht zu Angesicht schauen, dann sind wir wohl erst wirklich am Ende, am Ziel unseres Weges angekommen‘. Das ist ganz entscheidend für Augustinus: Sinn und Wahrheit in einer Einheit zu suchen. Und immer dahin auf dem Weg zu bleiben.“

Die Augustinus-Basilika in Hippo, dem heutigen Annaba
Die Augustinus-Basilika in Hippo, dem heutigen Annaba

„Das ist ganz entscheidend für Augustinus: Sinn und Wahrheit in einer Einheit zu suchen. Und immer dahin auf dem Weg zu bleiben“


Der neue Papst Leo ist ja Augustiner und hat in sein Wappen die Darstellung eines brennenden Herzens aufgenommen, als Hinweis auf Augustinus. Warum dieses brennende Herz?

„Das Herz war durch die Jahrhunderte hinweg ein Inbegriff von einem Symbol für die augustinische Spiritualität, weil im vor Liebe brennenden Herzen Augustinus‘ Denken und auch seine Theologie kulminieren. Und gerade in dieser Zentralstellung der Liebe und der Universalität von Liebe, die Augustinus reflektiert, besteht eine sehr große Anschlussfähigkeit zum Zeitgeist: Wir müssen nur mal in die Liste der aktuellsten Hits gucken oder einen Blick in die Literatur werfen, um zu verstehen, dass Liebe ein ganz großes Thema ist, ein Schlagwort, mit dem sich alle Zeitgenossen mehr oder weniger identifizieren können. Augustinus kann da, glaube ich, ein wichtiger Impulsgeber sein, indem er nämlich den Liebesbegriff davor schützt, dass er verflacht. Das heißt, dass man für Liebe das hält, was einen gerade emotional aufwühlt, dass man Liebe auf ein romantisches Gefühl reduziert oder ständig meint, die Liebe pochen zu hören, ohne darauf zu achten, was einer ernstzunehmenden Liebe womöglich im Weg steht.

Da ist Augustinus eine Art Felsblock, an dem man sich dann auch in der Gegenwart abarbeiten kann, indem er aufweist, wie tief doch der Liebesbegriff letztlich verankert ist. Liebe ist für ihn das letzte Prinzip und das letzte Ziel des Menschseins; aber auch das tiefste Prinzip des sozialen Zusammenlebens im kleineren Gemeinschaften, in der Familie, in der Kirche natürlich auch. Und schließlich hat Liebe für Augustinus eben auch eine politische Bedeutung. Der Begriff geht nicht auf in irgendwelchen romantischen Reflexionen, sondern konvergiert bei ihm in politischer Hinsicht schon mit so etwas wie Menschenwürde. Natürlich verankert er diese letztendlich in Gott, sieht aber von daher diese Weite und auch besonders diese Tiefe des augustinischen Liebesbegriffs. Die ist, glaube ich, für die gegenwärtigen Zeitgenossen extrem wertvoll und verdient es, stärker rezipiert und reflektiert zu werden!“

„Der Begriff Liebe geht nicht auf in irgendwelchen romantischen Reflexionen, sondern konvergiert bei ihm in politischer Hinsicht schon mit so etwas wie Menschenwürde“


Sein wohl bekanntestes Zitat heißt: ‚Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir‘ – das klingt ja sehr modern und anschlussfähig, diese innere Ruhelosigkeit. Wenn man aber in den ‚Confessiones‘ blättert, dann sind die oft schwer lesbar: sehr viele Fragen, sehr viel lateinische Rhetorik… Wie kann man denn als Otto Normalkatholik heute einen Zugang zu Augustinus finden?

„Das ist eine sehr interessante Frage, die auch dem Zentrum für Augustinus-Forschung in Würzburg schon oft gestellt wurde. Dieses Zentrum hat es sich ja zum Programm gemacht, Augustinus einerseits in seinen eigenen Wurzeln und Tiefen zu verstehen und ihn andererseits eben so darzustellen, dass er attraktiv und zugänglich ist für Zeitgenossen. Nicht jeder kann Latein und muss es auch nicht, nicht jeder ist auch in der Gedankenwelt von Augustinus beheimatet, in der Spätantike; und nicht jeder ist mit philosophischer oder theologischer Terminologie vertraut.

Die ‚Bekenntnisse‘ sind, glaube ich, ein ganz guter Einstieg; es gibt von ihnen auch vielfältige deutsche Übersetzungen, da kann sich jeder aussuchen, welcher Stil ihm am besten gefällt… Aber natürlich muss man bei den ‚Confessiones‘ damit rechnen, dass sie einem in manchen Formulierungen ‚zu fromm‘, zu blumig und zu rhetorisch-verschwurbelt, auch zu zitatenreich erscheinen. Augustinus führt da dauert natürlich die Bibel und irgendwelche Philosophen im Munde… Aber es zieht sich doch immer die Lebensgeschichte von Augustinus da hindurch, und man kann dadurch sehr viel über sein Denken, über sein Leben, über sein Fühlen erfahren. Von daher halte ich insbesondere die Bücher 1 bis 10 von diesen insgesamt 13 Büchern nach wie vor für einen sehr guten Einstieg.

Im Innern der Augustinus-Basilika
Im Innern der Augustinus-Basilika

„Die ‚Bekenntnisse‘ sind, glaube ich, ein ganz guter Einstieg in das Denken des Augustinus“


Wie Sie richtig sagen, stellt Augustinus darin auch viele Fragen, und die Wissenschaft hat mittlerweile ganz minutiös herausgearbeitet, inwieweit Augustinus ‚Confessiones‘ einen sehr stark dialogischen Charakter haben: Sie sind angelegt als ein Gespräch mit Gott, und von daher ist auch immer von Ich und Du die Rede. Er spricht also Gott persönlich an (natürlich immer in aller Demut und in dem Bewusstsein, was für ein Wunder es ist, dass sich dieser große Gott mit so einem kleinen Leben beschäftigt), und er hat auch das Selbstbewusstsein, zu sagen: ‚Jawohl, Gott liebt mich, und von daher will er auch oder akzeptiert es auch, dass ich über mich selbst nachdenke, dass ich mich an ihn wende, dass ich mit ihm gewissermaßen in den Dialog eintrete und dabei eben auch Gott viele Fragen stelle‘. Wie gesagt: Augustinus ist in seinem Leben durchgängig ein Wahrheitssucher und stellt auch Gott immer wieder Fragen und sagt: ‚Gott, in dieser Hinsicht verstehe ich nicht, wie du gehandelt hast‘, oder: ‚Das erwarte ich vom Reich Gottes, dass ich da endlich einsehe, wie die letzten Geheimnisse oder Widrigkeiten des Lebens möglicherweise zu verstehen oder aufzulösen sind‘. Also, um Augustinus kennenzulernen, sind die ‚Confessiones‘ ist ein sehr guter Einstieg – auch um ihn in seiner Sperrigkeit, in seiner Asynchronität kennenzulernen.“

Gibt es noch andere Schriften, über die man gut in Augustinus‘ Gedankenwelt einsteigen kann?

„Ja, zum Beispiel die frühen Dialoge. Die sind zum Beispiel noch sehr stark philosophisch oder existenziell orientiert, etwa ‚De beata vita‘ (Über das glückliche Leben). Da reflektiert er die Glücks- oder Sinnfrage und zeigt auf, in welche philosophischen und theologischen Horizonte damit einzuführen ist. Das ist relativ leichter zugänglich. Dasselbe gilt für eine andere, relativ frühe Schrift namens ‚Über den freien Willen‘, in der Augustinus sich mit der Möglichkeit des Menschen auseinandersetzt, wirklich frei zu entscheiden, und da sehr stark abwägt und sagt: ‚Auch wir sind natürlich als Menschen sehr stark in unserer Endlichkeit und Zwängen befangen und sollten trotzdem nicht aufgeben, uns nach der Wahrheit auszustrecken.

Was in den letzten Jahrzehnten sehr stark erforscht wird und wo ich selbst auch eingebunden war, das ist so die Beschäftigung mit den großen Briefwerken des Augustinus und mit seinen Predigten. Gerade diese kleinen Gattungen sind in den letzten Jahren stärker in den Fokus der Beobachtung gerückt, gerade weil Augustinus auch ein Experte für konkretes Denken, für konkretes Argumentieren ist. Von daher sind seine Briefe und seine Predigten besonders reizvoll, um auch ein Stück weit seine Persönlichkeit und sein Denken kennenzulernen. Auch da gibt es mittlerweile ganz gute deutsche Übersetzungen.

Schließlich gibt es natürlich auch tolle Sekundärliteratur zu Augustinus. Wir Augustinus-Experten haben festgestellt, dass nach wie vor im Jahr an die 300 Publikationen über Augustinus auf den digitalen Markt geworfen werden, und darunter finden sich auch ganz tolle Einführungen in Augustinus, und zwar für jeden Geschmack. Ob für philosophisch Interessierte, wo Augustinus‘ Auseinandersetzung mit der spätantiken Philosophie schön aufgezeigt wird, oder Einführungen mit theologischem Akzent, wo zum Beispiel die Gnadenlehre und die Kirchenlehre Augustinus, die ja für ihn eine ganz zentrale Rolle spielten, buchstabiert oder ein bisschen adressatenfreundlich aufbereitet werden. Oder auch Augustinus für Philologen, denn er ist in der Latinistik in den letzten Jahren neu entdeckt worden. Früher hieß es immer: Über Cicero führt in der Latinität nichts mehr hinaus, aber mittlerweile wissen auch die letzten Philologen, dass Augustinus eine hochinteressante, spätantike Latinizität vertreten und gesprochen hat, die es wert ist, genauer angeschaut zu werden.“

„Auch das gehört zur modernen Rezeptionsgeschichte, dass Augustinus bisweilen sehr kritisch rezipiert/kommentiert wurde“


Sie haben eben auch von negativer Augustinus-Rezeption gesprochen; tatsächlich rollen Theologen manchmal mit den Augen, wenn es um Augustinus geht, und sagen: ‚Der hat uns die Lehre von der Erbsünde und vom gerechten Krieg eingebrockt‘...

„Ja – gut, dass Sie darauf hinweisen, das ist in der Tat so! Auch das gehört zur modernen Rezeptionsgeschichte, dass Augustinus bisweilen sehr kritisch rezipiert/kommentiert wurde und dass viele seiner wegweisenden Entscheidungen oder Reflexionen eben mit einem großen Fragezeichen versehen werden. Das eine große Fragezeichen ist verbunden mit seiner Lehre von Erbsünde, die für ihn sehr stark mit einer, sagen wir mal, skeptischen Haltung gegenüber menschlicher Sexualität verbunden ist. Da ist es klar, dass Augustinus seit der Aufklärung für die modernen Zeiten in dieser Hinsicht sehr sperrig war und ist und dass auch und gerade Theologinnen und Theologen so ihre liebe Mühe und Not haben, das zu vermitteln oder eben auch kritisch, nüchtern oder sachlich zu rezipieren, ohne irgendwelchen Vorurteilen zu verfallen.

Hier der zweite Teil unseres ausführlichen Interviews

Sie sagen mit Recht, dass viele Personen gerade aus dem Bereich der modernen Theologie dann mit den Augen rollen – zum Glück zunehmend weniger als vor 30 oder 40 Jahren, wo Augustinus fast schon tabuisiert war, weil er eben als sexualfeindlich und frauenfeindlich galt, und als Befürworter eines gerechten Krieges. In der Folge dieser Invektiven gab es aber doch auch viele Detailforschungen, die dann gezeigt haben, dass das Bild bei Augustinus etwas differenzierter zu sehen ist, nicht nur in Schwarz oder Weiß. Man konnte nachweisen, dass Augustinus im Verhältnis zu vielen seiner Zeitgenossen in der Spätantike oder in der antiken Philosophie keineswegs ein völliger Feind von Sexualität war, sondern dass er (wohl auch aus eigener biografischer Erfahrung!) Sorge hatte, dass Sexualität, dass ein sexuelles Fühlen und Empfinden einem ‚den Verstand raubt‘. Dass es einem seine Rationalität, vielleicht auch seine Menschlichkeit raubt. Von daher hat er den besten Platz der Sexualität in einer festen Beziehung oder einer Ehe verortet.“

Die sterblichen Überreste des hl. Augustinus werden heute im norditalienischen Pavia aufbewahrt
Die sterblichen Überreste des hl. Augustinus werden heute im norditalienischen Pavia aufbewahrt

„Ich glaube, dass es mittlerweile einen Konsens in der Wissenschaft gibt, dass Augustinus alles andere war als ein Kriegstreiber“

Was ihm ebenfalls vorgehalten wird, ist sein Verhältnis zum Terminus ‚Krieg‘, zur Wirklichkeit des Kriegs.

Der Vorwurf lautet, dass er versucht habe, einen ‚gerechten Krieg‘ zu deklarieren, und dass dadurch Tür und Tor geöffnet seien, um alle möglichen kriegerischen Handlungen oder Aggressionen theologisch-philosophisch zu ummanteln. Doch auch da ist das Bild weit differenzierter, als Schwarzweißmalen meinen könnte. Augustinus ist nämlich in erster Linie nicht der große Lehrer des Krieges, sondern des Friedens! Dieser ‚pax‘ (lat., Frieden) spielt die Schlüsselrolle in seinem ganzen Denken, das sich auf das private Leben und das Seelenleben bezieht. Ein ‚Innerlich zum Frieden Kommen‘ mit sich selbst, das sich in kleinen Gemeinschaften und in der Kirche niederschlagen muss. Friede als großer Wert und entscheidender Schlüssel, als Ziel aller politischen Bemühungen.

In seinem Spätwerk ‚De civitate Dei‘ (es wird meistens mit ‚Der Gottesstaat‘ übersetzt, aber genauer wäre ‚Die Bürgerschaft Gottes‘) gibt es ein Buch 19 (von insgesamt 22 Büchern), wo er sich wirklich seiten- und paragraphenweise der Friedensthematik widmet. Er zeigt dort, wie wichtig Frieden ist und unter welchen Voraussetzungen allenfalls erlaubt wäre, dass Menschen kriegerisch aktiv werden. Von daher glaube ich, dass es mittlerweile auch einen Konsens in der Wissenschaft gibt, dass Augustinus alles andere war als ein Kriegstreiber, der die Lehre vom ‚gerechten Krieg‘ auf den Sockel gehoben hat, sondern dass er vielmehr sehr, sehr zurückhaltend war und eher als ‚Doctor pacis‘, also Spezialist für Frieden anzusehen ist.“

Augustinus hört dem hl. Ambrosius zu - Fresko aus Gubbio
Augustinus hört dem hl. Ambrosius zu - Fresko aus Gubbio

„Ich muss schon auch sagen, dass Augustinus in dieser Verbindung von Sündhaftigkeit des Menschen einerseits und Sexualität andererseits in der Tradition recht viel Unheil angerichtet hat“

Stark diskutiert wird, zumindest unter Theologen, auch noch die Gnaden- und Prädestinations-Lehre des Augustinus…

„Gerade der spätere Augustinus hat einen sehr starken Zug, dem Menschen die Fähigkeit zur Verbindung zu Gott kaum zuzutrauen und darauf hinzuweisen, dass alles Bemühen des Menschen um Heil und um eine Gottesbeziehung überhaupt nichts mit ihm selbst zu tun hat und mit seiner sündhaften Anlage, sondern dass das allein von Gott geschenkte geschenkte Gnade ist. Diese Sicht hängt stark zusammen mit der Erbsünde-Lehre, die Sie ja auch schon erwähnt haben. Da ist es in der Tat so, dass Augustinus‘ Menschenbild gerade in späteren Jahren bei ihm sehr pessimistische Züge annimmt. Dass er den Menschen als gepeitscht und gequält von Trieben, Bedürfnissen, Unzulänglichkeiten und Egoismus sieht, und dass er das zurückführt auf eine Art Erbsünde, die in Adam und Eva erstmals zutage getreten sei und die gewissermaßen seit dieser Erbsünde durch die Generationen hindurch fortgezeugt werde – fast schon im wortwörtlichen Sinne ‚gezeugt‘. Dieser Gedanke ist bei Augustinus schon sehr stark mit Sexualität, mit der genetischen Weitergabe von Erbgut und mit dem Akt von Sexualität verbunden.

Ja, da muss ich schon auch sagen, dass Augustinus in dieser Verbindung von Sündhaftigkeit des Menschen einerseits und Sexualität andererseits in der Tradition recht viel Unheil angerichtet hat – ob er wollte oder nicht - und dass die Kirchen (nicht nur die katholische, sondern auch später die reformatorische Kirche) doch sehr stark unter Rückgriff auf Augustinus‘ Erbsündenlehre ein negatives Menschenbild entwickelt und die menschlichen Triebe und Bedürfnisse sehr problematisiert haben. Dadurch wurde ein christliches Menschenbild oft mit einem negativen, einem skeptischen Menschenbild verbunden oder assoziiert. Davon hat sich dann die moderne katholische Theologie sehr deutlich abgegrenzt, besonders nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wo man versucht hat, eine positive Anthropologie zu entwickeln. Mittlerweile ist man in dieser Hinsicht etwas gelassener; doch es bleibt auch in einer um Neutralität bemühten Kirchenväter-Theologie (Patristik) nach wie vor eine gewisse gesunde Skepsis gegenüber Augustinus und seiner Erbsündenlehre bestehen…

Augustinus als Lehrer
Augustinus als Lehrer

Er hat diese Lehre zu seiner Zeit ja mit einiger ‚Gewalt‘ durchgesetzt, wenn man das so sagen darf.

„Es gab damals durchaus Kämpfe in Theologie und Kirche, wie das Reden vom ‚sündigen Menschen‘ im Alten und Neuen Testament zu übersetzen ist; eine sogenannte Schule der ‚Pelagianer‘ lehrte damals, der Mensch sei von Natur aus gut, und die Erbsünde habe ihn möglicherweise geschwächt, doch er sei durchaus in der Lage, gut zu leben, sich an Christus und an Gott zu orientieren und dadurch zu seinem Heil zu kommen. Diese Pelagianer waren eine extrem starke Gruppierung in der Kirche, und Augustinus war ein großer Widersacher und hat ganz massiv dagegen gekämpft, den Menschen irgendwelche Potenziale oder Kräfte zuzutrauen, mit Gott in ein heiles Verhältnis zu kommen. Er hat darauf insistiert: ‚Der Mensch ist von Natur aus sündig‘, und darum plädierte er auch sehr stark für die Kindertaufe: weil auch schon das kleine Kind von der Erbsünde ‚verseucht‘ sei und der Taufe bedürfe, der Loslösung, der Freisprechung von dieser Sünde im Blick auf Christus, um zu einem heilen Verhältnis zu Gott zu gelangen.

Wie gesagt: Da ist in beiden Teilen (sowohl in der evangelischen als auch der katholischen Kirche) gegenwärtig eine gesunde Skepsis gegenüber Augustinus‘ Ansatz vorhanden, und man versucht, ihn nicht zu ‚verteufeln‘, aber doch eine gewisse Engführung in seinem Denken, was dieses Thema betrifft, aufzuzeigen.“

Der Fundamentaltheologe Christof Müller ist Augustinus-Experte. Er leitete jahrzehntelang – bis 2024 das Zentrum für Augustinus-Forschung (Uni Würzburg). Unter seiner Federführung entstand ein umfangreiches Augustinus-Lexikon.

(vatican news)

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13. April 2026, 20:23