Venezuela: Dramatische Szenen
Sebastián Sansón Ferrari – Vatikanstadt *
Das berichtet uns der Pfarrer in einem Interview an diesem Donnerstag. Die Szenen in seiner Pfarrei seien weiter dramatisch, sagt Antonio Rella. „Die Zerstörung ist gewaltig. Es gibt Orte, die Kriegsschauplätzen gleichen, und andere, die apokalyptische Bilder heraufbeschwören, mit ganzen Gebäuden, die in Schutt und Asche liegen.“
Fünfzehn Tage nach dem doppelten Erdbeben klammern sich viele Familien weiterhin an die Hoffnung, ihre vermissten Angehörigen doch noch lebend wiederzufinden.
„In sehr vielen Familien besteht nach wie vor große Hoffnung. Aber andere müssen mit dem Schmerz zurande kommen, dass ihre Angehörigen nur noch tot geborgen werden. Die Unsicherheit, die viele Menschen zutiefst aufwühlt, ist aber nicht nur emotionaler Natur. Sie erstreckt sich auch auf so grundlegende Aspekte wie den Zugang zu Wasser, Nahrungsmitteln und wirtschaftlicher Stabilität. Obwohl einige Geschäfte wieder geöffnet haben, ist das Geschäftsleben nach wie vor eingeschränkt, und sehr viele Menschen haben ihre Einkommensquellen verloren. Kurz gesagt: Wir befinden uns in einer komplexen Situation.“
Die Pfarrkirche hat – jedenfalls im Vergleich zu anderen Gemeinden der Diözese – nur geringfügige Schäden erlitten. Zwar fielen einige religiöse Bilder herunter und der Altar wurde beschädigt, doch die Struktur der Kirche blieb erhalten. In anderen benachbarten Pfarreien sieht die Lage ganz anders aus. Die Kathedrale erlitt schwere Schäden, und mehrere Kirchen müssen aufgrund der Folgen des Erdbebens abgerissen werden. Gerade weil die Pfarrkirche dem Erdbeben standgehalten hat, wird sie in diesen Tagen zu einem strategischen Ort für die Nothilfe.
Außergewöhnliche Solidarität
„Die Pfarrei ist jetzt ein Treffpunkt für die Priester und auch ein Verteilzentrum für Hilfsgüter für die benachbarten Gemeinden. Wir erleben eine außergewöhnliche Solidarität, aus ganz Venezuela und aus zahlreichen Ländern der Welt. Ich bedanke mich sehr für die zahlreichen humanitären Hilfsinitiativen, aber ich kann mich gleichzeitig auch nicht erinnern, jemals eine Tragödie dieses Ausmaßes erlebt zu haben.“
Der Geistliche gibt zu, dass die Hilfsmaßnahmen in den ersten Tagen aufgrund des Ausmaßes der Notlage und der gleichzeitigen Ankunft zahlreicher Organisationen und Institutionen von einer gewissen Unkoordiniertheit geprägt gewesen sind. Immerhin habe sich unter diesen Umständen die Caritas Venezuela gut geschlagen, weil ihre Struktur auf Pfarrei- und Diözesanebene eine schnelle Mobilisierung von Ressourcen und Freiwilligen möglich gemacht habe. „Die erste Organisation, die sofort aktiv wurde, war die Caritas!“
Über die Verteilung von Lebensmitteln oder Medikamenten hinaus stellt die seelsorgerische Begleitung eine der größten Herausforderungen für die Seelsorgenden in der Diözese dar. „Es ist nicht schwer, sich in die Lage des anderen zu versetzen. Es ist praktisch unmöglich, kein Mitgefühl zu empfinden. Unter den vielen Erlebnissen in diesen Tagen erinnere ich mich vor allem an den Fall einer Großmutter, die verzweifelt nach ihrer Enkelin suchte; die war unter den Trümmern verschüttet. Und ich erinnere mich auch an die kürzlich abgehaltenen Trauerfeiern für mehrere Opfer des Erdbebens – eines dieser Opfer war ein gerade mal einjähriges Kind. Die richtigen Worte zu finden, um diese Realität aus dem Glauben heraus zu beleuchten, ist keine leichte Aufgabe…“
Zu den Prioritäten der Ortskirche gehört jetzt der Wiederaufbau der Kirchen. Da geht es nicht nur um Gebäude: Sie sind auch wichtige Orte der Begegnung, des Trostes und des Gebets, die in der jetzigen Notlage gebraucht werden. „Ich sage meinen Gemeindemitgliedern immer, dass dies ihr Zuhause ist. Hier können sie jederzeit hingehen, um Gott zu preisen, ihm zu danken oder sich sogar mit ihm zu streiten. Außer dem Wiederaufbau der Gotteshäuser scheint es mir außerdem wichtig, die geistliche und psychologische Begleitung sowohl der Gläubigen als auch der Seelsorgenden zu stärken, die ja ebenfalls unter den Folgen der Tragödie gelitten haben. Diese Begleitung wird sowohl von geweihten Geistlichen als auch von Laien, die in der Gemeinde tätig sind, geleistet.“
Auf materieller Ebene sind Lebensmittel und der Zugang zu Trinkwasser nach wie vor die wichtigsten Bedürfnisse. Und längerfristig geht es um eine Perspektive für die Einwohner; viele von ihnen waren wirtschaftlich von Tätigkeiten abhängig, die mit dem internationalen Flughafen, dem Hafen von La Guaira oder kleinen Geschäften verbunden waren, welche heute geschlossen oder zerstört sind.
„Es gibt Menschen, die zwar ihr Haus nicht verloren haben, aber ihr Einkommen, und nun keine Möglichkeit mehr haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich bitte deswegen darum, dass die Solidarität, die im Moment spürbar ist, nicht nachlässt, wenn die mediale Aufmerksamkeit für die Notlage hier schwindet. Wir brauchen einfach Hilfe, um wieder auf die Beine zu kommen und mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Ich sage allen, auch den vielen im Ausland lebenden Venezolanern: Hört nicht auf, für Venezuela zu beten! Vielleicht können nicht alle materiell helfen, aber ein tägliches Gebet für uns ist viel wert, denn es gelangt bis zum Thron Gottes und trägt dort seine Früchte.“
Der Glaube mache die Dinge nicht einfach, findet Pater Rella: „Er macht sie lediglich möglich. Denn er gibt uns Kraft in der Seele, um weiterzumachen.“
* Das spanische Original dieses Textes wurde von Stefan von Kempis ins Deutsche übersetzt und angepasst.
(vatican news)
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