Pizzaballa in Assisi: Christen im Heiligen Land wollen endlich Frieden
Pizzaballa hält sich im italienischen Wallfahrtsort Assisi auf, um dort das Global House of Friendship and Hope einzuweihen – ein neues internationales Projekt des Elijah Interfaith Institute. In unserem Interview zeigte sich der Kardinal besorgt über die Lage im Heiligen Land, die „weder Krieg noch Frieden“ ist.
Große untergründige Spannung
„Alle blicken auf die Wahlen, als könnten sie alle Probleme lösen. Tatsächlich aber sind die Probleme im Nahen Osten so tiefgreifend, dass ihre Lösung viel Zeit brauchen wird. Wir brauchen neue Gesichter, neue Persönlichkeiten. Wer das sein wird, entscheiden die Wähler“, so Pizzaballa.
Im Gespräch mit den Vatikanmedien beschreibt der Kardinal die Lage in Jerusalem als „von großer Spannung geprägt“. Zwar befinde man sich derzeit nicht in der Phase eines umfassenden Krieges mit flächendeckenden Bombardierungen. „Doch Gewalt ist inzwischen das allgemeine Muster, nach dem die Beziehungen in Gaza, im Westjordanland, in Israel und in Palästina gelesen werden.“
Unter den Christen herrsche – wie eigentlich insgesamt in der Bevölkerung – „große Erschöpfung“ angesichts des ständigen Hin und Her bei den Verhandlungen - auch mit Blick auf Ankündigungen, die anschließend von tatsächlichen Ereignissen widerlegt würden, so der Italiener, der seit Jahrzehnten im Heiligen Land wirkt. Diese Situation sei inzwischen „Alltag“ geworden: „Leider führt das zu einem immer größeren Misstrauen in der Bevölkerung. Niemand glaubt mehr an Nachrichten – selbst dann nicht, wenn sie sich als wahr erweisen. Und wenn tatsächlich einmal etwas Gutes geschieht, kann man es kaum noch glauben, weil man es nicht mehr gewohnt ist. Die Situation ist wirklich sehr belastend.“
Wenn einmal Gutes passiert...
Dennoch gebe es angesichts vieler Menschen, die sich auf allen Seiten weiter engagieren, auch Hoffnung, meint Pizzaballa: „Ich begegne ständig jungen, aber auch älteren Menschen, Professoren und anderen Persönlichkeiten, die im Hinblick auf ihre Beziehungen durchaus etwas zu verlieren haben und sich dennoch einsetzen: Sie suchen Begegnung, verteidigen andere und übernehmen Verantwortung. Es gibt in dieser Gesellschaft noch immer Kräfte, die wie Antikörper wirken und verhindern, dass der gesamte Organismus von diesem Virus der Gewalt erfasst wird.“
Am meisten beunruhige ihn, dass die Situation - dieser Zustand zwischen Krieg und Frieden - eingefroren bleiben könnte: „In dieser unklaren Lage, in der ständig von Lösungen gesprochen wird, ohne dass tatsächlich Lösungen geschaffen werden. Das führt dazu, dass die Menschen immer zynischer und misstrauischer werden. Genau das halte ich im Moment für die größte Gefahr.“
Misstrauen und Zynismus
Vor einigen Monaten erst war die kleine Pfarrei der Heiligen Familie in Gaza von einer israelischen Rakete getroffen worden. Viele ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen leben in der Gemeinschaft, insgesamt 541 Bewohner harren derzeit dort noch aus.
„Wir kennen sie alle persönlich. Sie versuchen, Schritt für Schritt ins Leben zurückzufinden. Wir arbeiten daran, die Schule wieder zu eröffnen. Außerdem haben wir ein medizinisches Zentrum eingerichtet, eine Art Ambulanz. Priester sind dort tätig, vor allem aber Ordensschwestern, die sich im Oratorium besonders um die Kinder kümmern – nicht nur um die christlichen. Mitten in dieser so zerstörten Situation versuchen wir, einen möglichst gesunden und friedlichen Raum zu schaffen.“
Auch Papst Leo informiert sich regelmäßig über das Leben in der Pfarrei, unter anderem telefoniert er immer wieder mit dem Pfarrer, Gabriel Romanelli. Diese Nähe des Kirchenoberhauptes bestätigt auch Kardinal Pizzaballa, verbunden mit einer großen Hoffnung: „Der Papst ist uns sehr nahe und bestens darüber informiert, was geschieht. Das ist von großer Bedeutung. Er ist präsent. Was einen Besuch des Papstes im Heiligen Land betrifft, so wird er früher oder später sicherlich stattfinden – allerdings muss dies in einem Umfeld der Ruhe und Stabilität möglich sein.“
Wichtig sei in diesem Zusammenhang der Fokus auf die jungen Menschen als Motoren des Wandels – junge Menschen, denen auch der Besuch des Papstes in Assisi galt: „Die Älteren sind das Gedächtnis, die Jungen aber sind die Hoffnung. Deshalb müssen wir mit Zuversicht nach vorne blicken. Sie werden die Protagonisten der kommenden Generationen sein. Wir müssen in sie investieren und aus unseren Fehlern lernen, damit sie etwas anderes aufbauen und anbieten können als das, was wir ihnen hinterlassen haben.“
Zuversichtlicher Blick in die Zukunft
Assisi ist aber nicht nur Anziehungspunkt für die Jugend, sondern auch ein Symbol für Frieden und interreligiösen Dialog: In wenigen Monaten jährt sich zum 40. Mal das historische Friedenstreffen, zu dem Johannes Paul II. am 27. Oktober 1986 Vertreter aller Religionen nach Assisi eingeladen hatte. Die Jubiläumsfeierlichkeiten dürften aber keine „nostalgische Rückschau“ werden, mahnt der Kardinal:
„Wir dürfen nicht nur zurückblicken, sondern müssen den Blick nach vorne richten. In den vergangenen 40 Jahren wurde sehr viel erreicht. Angesichts der Konflikte, vor allem im Nahen Osten, befinden wir uns heute an einem Wendepunkt. Dieses Jubiläum könnte der Ausgangspunkt für einen neuen Weg sein – einen Weg, der das Gute bewahrt, das bereits erreicht wurde, zugleich aber auch die Schwierigkeiten unserer Zeit ernst nimmt, damit ein glaubwürdiger, aufrichtiger und authentischer Dialog weitergehen kann.“
Mit Material von Daniele Piccini, Korrespondent in Assisi
(vatican news - cs)
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