Österreich: Pilgerstäbe für Pionierpfarrei
Herta Gurtner – Rom
Von 2023 bis etwa 2028 sollen aus mehr als 487 bisherigen Pfarren rund 40 neue Großpfarren entstehen. Jede von ihnen wird 8 bis 19 kleinere Pfarrgemeinden umfassen, die bislang eigenständige Pfarren waren.
Die Pfarre St. Junia in Urfahr, eine der Pionierpfarren der Diözese, kann mittlerweile auf einen gelungenen Prozess zurückblicken: Aus acht Pfarren wurden acht Pfarrgemeinden und eine gemeinsame Pfarre. Das Pfarrgründungsfest fand am 4. Juni 2023 unter einer Autobahnbrücke, als Sinnbild für Verbindung, statt. Für die Leitung und die Gläubigen brachte dieser Prozess viele Neuerungen mit sich: Wo wird das Pfarrbüro angesiedelt sein? Welche Heilige kann ein neues Gemeinschaftsgefühl stiften? Auch ein neues Pfarrlogo und ein angepasstes Pastoralkonzept mussten entwickelt werden.
Holz aus Rom, Jerusalem und der Türkei
Matthias List, Pastoralvorstand der neuen Pfarre, betont die Ausrichtung: „Wir als Kirche in der Region Linz-Urfahr glauben, dass wir nur für die Menschen und nur mit ihnen Kirche sein können; wir wollen im Sinne des Konzils die Welt, die Gesellschaft und die Kultur wertschätzen und darin die Zeichen Gottes erkennen.“
Gemeinschaftsstiftend für die Pfarrgemeinden wird ein Kunstprojekt von Iris Andraschek sein. Die Künstlerin begibt sich auf die Spuren der heiligen Junia: von Rom über Jerusalem bis in die Türkei. An diesen Orten sammelt sie regionale Hölzer, die anschließend zu einem Pilgerstab zusammengefügt werden. Für jede der acht Pfarrgemeinden entsteht ein eigener Stab. Auch Holz aus der Pfarre St. Junia wird eingearbeitet.
Vor Kurzem war Iris Andraschek in Rom, um dort Hölzer zu sammeln. Mit großer Unterstützung des Österreichischen Kulturforums und von Hermine Aigner, der Vizedirektorin des Kulturforums, konnte sie Holz von Pinien, Oliven- und Granatapfelbäumen in der Nähe der Katakomben von San Sebastiano sammeln. Hier verschränkt sich dir Urkirche mit der Gegenwart. Es ist gut vorstellbar, dass Junia über die Via Appia nach Rom gekommen ist und an den Vorläufern jener Pinien vorbeiging, deren Holz nun in die ihr gewidmeten Pilgerstäbe eingearbeitet wird, eine schöne Vorstellung, wie die Künstlerin sagt. Weitere Hölzer fand sie im Garten des Kulturforums sowie in einem Privatgarten im Norden Roms.
Ein Heiligenporträt aus dem Computer
Die Pilgerstäbe werden in mobilen Sockeln präsentiert und können bei Pilgerwanderungen der Gemeinden auch praktisch verwendet werden. Auf den Sockeln ist das Bildnis einer Frau abgebildet. Da kein historisches Bild von Junia überliefert ist, lud Iris Andraschek Frauen und Mädchen der neuen Pfarre zu einem Fotoworkshop ein. Aus mehreren tausend Aufnahmen wurde mithilfe eines speziellen Computerprogramms ein einziges Gesamtporträt erstellt, die Summe vieler Gesichter wird zu Junia.
Das Frauenporträt würdigt Junia und steht zugleich als Symbol für weibliche Selbstermächtigung im kirchlichen Kontext. Es ermöglicht, dass sich viele Menschen in ihr wiederfinden, als zeitgemäße, gemeinschaftlich getragene Repräsentation.
Doch wie kam es zur Entscheidung für die außergewöhnliche Heilige St. Junia als Integrationsfigur der neuen Pfarre?
„Angesehen unter den Aposteln“
Da der neue Pfarrvorstand ausschließlich männlich besetzt ist, entschied man sich bewusst für die Kraft und Inspiration einer Frau um das Wirken und das Engagment der Frauen in den Pfarrgemeinden hervorzuheben. In einem Wahlprozess sprach sich die Gemeinde für St. Junia aus, eine in Mitteleuropa lange nahezu unbekannte Heilige, Zeitgenossin des Apostels Paulus und Teil der frühen Kirche.
Paulus erwähnt sie im Neuen Testament im Römerbrief (Röm 16,7) als „angesehen unter den Aposteln“ und schreibt, dass sie bereits vor ihm zu Christus gefunden habe. Heute wird sie daher vielfach als Apostelin verstanden. Im 4. und 5. Jahrhundert setzte sich, vor allem im Mittelalter, durch männlich geprägte Geschichtsschreibung und aus theologischen Gründen die Umdeutung ihres Namens zu einer männlichen Form durch, obwohl ältere Textbelege dafür fehlen. Seit dem 20. Jahrhundert, spätestens seit den 1980er-Jahren, besteht in der Forschung weitgehend Konsens, dass es sich um eine Frau namens Junia handelt.
Junia spielt heute insbesondere in der feministischen Theologie eine wichtige Rolle, da ihre mögliche Stellung als Apostelin Fragen nach Leitungsfunktionen von Frauen in der frühen Kirche und in der Gegenwart berührt.
Eine Anekdote von Matthias List: „Als es darum ging, eine Heilige zu bestimmen, sagte ich dem designierten Pfarrer der neuen Pfarre, Žarko Prskalo, dass ich mir die heilige Junia wünschen würde. Er öffnete die Augen weit und erzählte, dass er am Vortag genau dieselbe Idee gehabt hatte. Wir haben das als Zeichen des Heiligen Geistes gewertet. Die anschließende Abstimmung, bei der drei Heilige zur Wahl standen, bestätigte diese Entscheidung.“
Die Erfahrungen der Pfarre Urfahr–St. Junia zeigen, dass gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse, die möglichst viele mittragen können, Zeit, Ressourcen und Geduld erfordern. Ebenso wichtig sind zahlreiche Gespräche und vor allem die Bereitschaft zuzuhören. So kann ein gutes Gelingen wachsen und eine positive Weichenstellung für die Zukunft erfolgen.
(vatican news)
Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.