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Kardinal Jean-Claude Hollerich Kardinal Jean-Claude Hollerich 

Kardinal Hollerich über Frauenweihe: Ein langfristiges Thema

Die Weihe von Frauen zu Diakoninnen in der katholischen Kirche ist ein langfristiges Thema, das nur im Konsens der gesamten Kirche entschieden werden kann, um Spaltungen zu vermeiden. Das sagte uns der luxemburgische Kardinal Jean-Claude Hollerich in einem Interview an diesem Freitag. Gleichzeitig betonte er die Notwendigkeit, Frauen an Leitungsprozessen der Kirche teilhaben zu lassen.

Gudrun Sailer - Vatikanstadt

Kardinal Hollerich hält das Thema der Verantwortung von Frauen für das derzeit wichtigste Thema der Weltkirche, wie er in unserem Gespräch sagte. Kürzlich nahm er an der Universität Bonn an einerm Symposion über „Synodalität und Praedicate Evangelium, zwei Grundelemente der Kirchenreform von Papst Franziskus“ teil. Dabei war auch von der Frauenweihe die Rede. Anschließend wurde der Kardinal mit der Aussage wiedergegeben: „Ich kann mir auf Dauer nicht vorstellen, wie eine Kirche bestehen kann, wenn die Hälfte des Volkes Gottes leidet, weil sie keinen Zugang zum geweihten Dienst hat.“

Hier zum Hören:

Herr Kardinal, was genau haben Sie damit gemeint?

Kardinal Jean-Claude Hollerich: Zuerst muss man das in den Kontext setzen. In der Diskussion wurde über das Diakonat der Frau gesprochen und viele Frauen haben auch auf der Synode den Wunsch nach der Zulassung zum Diakonat geäußert. Und der Akzent liegt auch auf „lange Sicht". Ich glaube, dass jetzt ja die Glaubenskongregation gesprochen hat und das natürlich respektiert wird, und ich glaube auch, dass sie recht haben. Denn eine Weihe der Frauen auch zur Diakonin würde heute die Kirche spalten. Man sieht das in der anglikanischen Kirche, wo eine Frau als Erzbischof von Canterbury eingesetzt wurde. Eine Frau, vor der ich sehr viel Respekt habe. Aber das hat die Kirche gespalten. Eine ganze Reihe Kirchen sind aus der Kommunion der anglikanischen Kirchen ausgeschieden, bilden ihre eigene Gruppe. Und das würde auch in der katholischen Kirche passieren. Zugang zum Weiheamt kann nur durch einen Konsensus der ganzen Kirche geschehen.

„Ich kann diese Enttäuschung verstehen“

Sie sagten, bei der Synode war das Thema Frauendiakonat sehr präsent, obwohl es eigentlich ausgeklammert war, Franziskus hat es der „Studiengruppe 5“ zur Vertiefung anvertraut, deren Bericht vor einem Monat erschienen ist. Viele Katholikinnen unter anderem in Westeuropa und Amerika, Nord und Süd, haben sich enttäuscht darüber gezeigt, dass sich die Kirche beim Frauendiakonat nicht bewegt. Was sagen Sie ihnen?

Kardinal Hollerich: Ich kann diese Enttäuschung verstehen. Und ich sage ihnen, dass ich ihr Leid verstehe und dass ich alles tun werde, damit Frauen in der Kirche mehr Akzeptanz haben an leitenden Stellen. Ich glaube, dass es jetzt darauf ankommt, alles zu tun, was man für Frauen tun kann - außerhalb der geweihten Dienste. Indem man auch Priestertum und Diakonat reformiert in dem Sinne, dass es ein Dienst ist, nicht Ausübung von Macht. Autorität – es gibt das Wort Potestas im Lateinischen – ist, glaube ich, nicht genau dasselbe wie Macht in unseren Sprachen. Und Machtausübung ist immer schlecht in der Kirche, das sollte nie geschehen. Aber dass Frauen Stellen besetzen können, wo sie partizipativ an den Entscheidungen der Kirche mitwirken, auch an den großen Entscheidungen, das scheint mir nur normal zu sein.

„...dass die Frauen spüren: Wir sind nicht nur da, um die Bänke zu füllen“

Papst Franziskus und Papst Leo sind ja auch da mit gutem Beispiel vorangegangen, indem sie Frauen an die Kurie in verantwortungsvolle Ämter berufen haben, die Gouverneurin vom Vatikanstaat, die Präfektin des Dikasteriums für geweihtes Leben und andere mehr.

Kardinal Hollerich: Das sind wunderbare Zeichen. Und das gibt Mut, dass man auch auf der Ebene der Diözesen handeln muss. In meiner eigenen Diözese habe ich drei Frauen als bischöfliche Delegierte. Und denen sind auch wichtige Bereiche anvertraut, das geweihte Leben, der ganze soziale Bereich, aber auch der ganze Bildungsbereich, die Weiterbildung. Und da ist die Weiterbildung des Klerus mit einbegriffen. Ich habe auch zwei Frauen in das Team ernannt, das die Seminaristen auf ihrem Weg begleitet. Man kann noch mehr, man muss auch noch mehr machen mit der Zeit. Aber ich glaube, dass das eine Richtung ist, in die man konsequent weitergehen muss, dass die Frauen spüren: Wir sind nicht nur da, um die Bänke zu füllen, sondern wir werden als Menschen, als Christen ernst genommen. Und wir stehen nicht einer Kirche gegenüber, die nur aus älteren Männern besteht.

Theologie gefragt

In den vergangenen Jahren wurde die Frauenweihe, konkret die Frage des Frauendiakonats, zu einer Art Maß gemacht: Wie ernst meint es die katholische Kirche wirklich mit mehr Teilhabe von Frauen? Und das wurde festgemacht an der Weihe, alles andere rückte an den Rand. Man kann diese Entwicklung nicht glücklich finden, aber wie lässt sie sich wieder rückbauen?

Kardinal Hollerich: Ich glaube, es braucht zuerst ein theologisches Nachdenken. Was genau bedeutet das Amt des Diakons, verglichen mit Priestertum und Bischofsamt. Es gibt da ganz verschiedene Ansätze. Die Liturgie spricht eher von Kontinuität: Diakonat, Priestertum, Bischofsweihe. Aber es gibt auch Äußerungen von Papst Benedikt, die das Diakonat etwas davon abheben. Also ich glaube, wir brauchen eine theologische Reflexion, was das Diakonat überhaupt ist. Aber ich könnte mir auch ein Subdiakonat (für die Frauen, Anm.) vorstellen. Was dann keine Weihe ist, aber auch eine Partizipation in der Liturgie darstellt und eine Hilfe beim diakonalen Wirken der Kirche ist.

Sie sagten, es brauche bei der Frauenweihe ein weltkirchliches Voranschreiten. Das scheint aus heutiger Warte eher unwahrscheinlich. Von welchem Zeitraum sprechen wir denn da?

Kardinal Hollerich: Das möchte ich dem Heiligen Geist überlassen. Ich habe in der Synode gespürt, wie der Heilige Geist gewirkt hat. Und ich habe Vertrauen, wenn Gott das möchte, dann wird auch der Heilige Geist die Herzen in anderen Kulturen berühren. Da, glaube ich, brauchen wir eine gute Portion Gottvertrauen.

Nochmal zusammenfassend, Herr Kardinal, wo kann oder muss es in der Weltkirche verschiedene Geschwindigkeiten geben, in denen einzelne Ortskirchen in der Frauenfrage neue Wege öffnen? Ich beziehe mich auch auf Kontexte der kulturellen Hindernisse, die auch Papst Leo angesprochen hat: dass die Frage von Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche oft auch an kulturellen Hindernissen scheitert. 

Kardinal Hollerich: Da gibt es sicher große kulturelle Differenzen. Das haben wir sogar bemerkt bei der Vorbereitung der Weltsynode, bei der Frauen aus Europa und aus Afrika ganz verschiedene Auffassungen hatten. Kultur ist wichtig, weil Kultur ja das normale Leben, Denken, Fühlen der Menschen bestimmt. Und da, glaube ich, ist es legitim, dass Frauen mehr Dienste leisten können als in anderen Kulturen. Wenn die Kultur, wie die in Europa, die ja für eine vollständige Gleichberechtigung von Mann und Frau ist, und ich kann dem nur voll zustimmen, dann müssen wir auch Formen finden, wie Frauen sich mehr im Gottesdienst engagieren können, in der Kirche engagieren können, ohne dass sie damit das geweihte Amt bekleiden. Jetzt habe ich selber das geweihte Amt gesagt, aber ich habe lieber den geweihten Dienst: Amt, das klingt so nach Stand. In Wirklichkeit geht es im Evangelium immer um ein Ministerium, einen Dienst.

(vatican news - gs)

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10. April 2026, 10:30