D: Politik will Deradikalisierungsprogramme ausbauen
Michael C. Hermann - Vatikanstadt
Was weiß man über Radikalisierung und die Erfolgsaussichten von Deradikalisierungsprogrammen? Das sind Fragen, die auch die Kirche bewegen. In Deutschland arbeitet die Caritas mit verschiedenen Deradikalisierungsprojekten zusammen und unterstützt diese, beispielsweise im Projekt Wegweiser in Nordrhein-Westfalen. Im Bereich der Prävention engagieren sich verschiedene kirchliche Träger sowie katholische Akademien. In Gefängnissen betreuen katholische Gefängnisseelsorger auch islamistische Straftäter.
Deutsche Bischöfe haben die Bedeutung von Prävention und Deradikalisierung in jüngerer Zeit immer wieder hervorgehoben, so etwa Kardinal Reinhard Marx und Bischof Georg Bätzing. Bischof Stefan Heße betonte zudem, dass gelingende Integration, soziale Teilhabe und Bildungsangebote einen wichtigen Beitrag leisten können, um Radikalisierung vorzubeugen.
Das größte Präventionsprogramm in Deutschlan
Der mutmaßliche Attentäter von Berlin, der 21-jährige Abdul B., hatte vor seiner Tat zwei Gespräche im Rahmen eines Deradikalisierungsprogramms in Berlin. Das Programm ist Teil des Violence Prevention Network, kurz VPN, dem größten Präventionsprogramm in Deutschland. Es besteht seit 2004. Der Leiter des Berliner Programms sagte, dass das Konzept insgesamt sehr erfolgreich sei.
Dass es wirklich funktioniert, bestätigt auch Günter Dörr, der frühere Leiter des saarländischen Instituts für präventives Handeln in Saarbrücken. Zwischen 2003 und 2009 ist VPN evaluiert worden. „In diesem Zeitraum wurden Personen, die an diesem Deradikalisierungsprogramm teilgenommen hatten, zu 13 % rückfällig, während der Bundesdurchschnitt im gleichen Zeitraum 41 Prozent war. Man kann schon sagen, dass es ein hochwirksames Interventionsprogramm ist.“
Evaluation der Programme
Auch der Stuttgarter Pädagoge und Kriminologe Frank Buchheit beschäftigt sich seit Jahren mit der Evaluation derartiger Programme. Er erläutert, wie Deradikalisierung funktioniert und wann sie erfolgreich ist: „Am Anfang steht der Erstkontakt. Man muss erst einmal ein sicheres, vertrauensvolles Verhältnis aufbauen. Dann in der Anamnese schauen, wo die individuellen Problemstellungen sind, um funktionale Äquivalente zu finden. Das bedeutet: Das, was die Leute eigentlich rüberbringen wollen, was ihre Lebensthemen sind, dass sie das in anderen, verträglicheren Formen finden. Wenn dieser Prozess komplett durchlaufen wird, dann sind diese Programme sehr, sehr effektiv und haben eine sehr gute nachhaltige Wirkung."
Der Empfehlung, Deradikalisierungsprogramme auszubauen, schließt sich Günter Dörr an: „Also wenn man sich anschaut, wie erfolgreich diese Deradikalisierungsprogramme sind, dann macht es, glaube ich, Sinn, auch in diese Deradikaliserungsprogramme zu investieren.“
Was genau wie wirkt, wie sich Schutzfaktoren zu Risikofaktoren verhalten, bedürfe noch weiterer Forschung, sagt Dörr, der Professor für Erziehungswissenschaft ist. Klar sei, dass Schutzfaktoren wie Schulerfolg, belastbare Freundschaften, gutes familiäres Klima aufgebaut und Risikofaktoren wie Traumata, Verluste, Isolation abgebaut werden müssen. Prävention und Intervention in Form von Deradikalisierung seien beide erforderlich.
„Und damit weiß man aus anderen Problemverhaltensweisen, dass wenn es gelingt, Risikofaktoren zu reduzieren, die Wahrscheinlichkeit eines Problemverhaltens deutlich geringer wird.“ Radikalisierung, so Kiminologe Frank Buchheit, sei sehr dynamisch: „Da darf die Forschung natürlich auch nicht stehen bleiben. Radikalisierung, Fanatismus verwandeln sich ständig. Da kommen neue Herausforderungen hinzu. Wir haben dieses Jahr eine neue Studie vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg vorgestellt bekommen über Terrorgram, also über neue Formen der Express-Radikalisierung. Deshalb bleibt der Druck, Forschung betreiben zu müssen, weiterhin hoch."
Dass die Radikalisierung eines jungen Menschen heute viel schneller passieren kann als noch vor einigen Jahren, bestätigt auch Erziehungswissenschaftler Dörr. „Die Geschwindigkeit einer möglichen Radikalisierung hat sich durch das Internet und durch soziale Medien ganz dramatisch gesteigert, auch weil die Risikofaktoren für Radikalisierungen dort besonders gegeben sind, beispielsweise durch Echokammern, dass passgenaue Inhalte angeboten werden, dass die jungen Menschen emotional angesprochen werden, dass eine scheinbare Gemeinsamkeit erzeugt wird. Dann kann dazu führen, dass Radikalisierung extrem beschleunigt wird.“
Auf- und Ausbau des islamischen Religionsunterrichts
Den Auf- und Ausbau islamischen Religionsunterrichts als Instrument der Prävention hat der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner, ins Gespräch gebracht. Bildungsangebote seien immer sinnvoll, sagt Dörr. Freilich müsse man aber auch genau hinschauen, was in dem Unterricht passiert. Andere politische Akteure setzen dagegen auf Abschreckung, schärfere Strafen und auch auf Abschiebungen aus Deutschland. Frank Buchheit sagt, man dürfe sich nicht zu viel kurzfristige Wirkung durch mehr Geld für Deradikalisierung erhoffen: „Das wirkt nicht wie ein Medikament, das man einfach einnimmt, und dann ist alles gut. Mittel- bis langfristig – und das sind auch die Erkenntnisse der Wissenschaft – ist es eine extrem zielführende Strategie, genau diese Programme zu unterstützen. Das ist mindestens genauso sinnvoll wie abschreckende Maßnahmen. Ich möchte mich nicht entscheiden müssen zwischen Abschreckung versus Deradikalisierung. Beides passt irgendwie zusammen. Man sollte bei keinem sparen, insbesondere nicht bei der Deradikalisierung, weil das langfristig viel zu teuer ist."
(vatican news)
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