Papst in Neapel: Gegen das Paradox der Gleichgültigkeit
Mario Galgano - Vatikanstadt
Vor einer begeisterten Kulisse und im Beisein zahlreicher Vertreter aus Politik und Gesellschaft würdigte er Neapel als eine Perle des Mittelmeers, die jedoch von tiefen Wunden, Armut und Ängsten gezeichnet sei. Er stellte der Stadt die existenzielle Frage, was angesichts von Müdigkeit und Desinteresse wirklich zähle, um den Weg des gemeinsamen Engagements wiederaufzunehmen. Der Papst begann seine Ansprache mit den Worten: „Es lebe Neapel! Diese Umarmung, die dieser Platz ausstrahlt: Es ist ein bisschen wie die Kolonnade des Petersdoms in Rom… Ihr wisst, wie man Menschen mit dieser Herzlichkeit empfängt!“
Mehr als nur eine Postkarte – Neapels wahres Gesicht
Zunächst sprach der Gastgeber: Bei der Begegnung mit der Bevölkerung auf der Piazza del Plebiscito zeichnete der Erzbischof von Neapel, Kardinal Mimmo Battaglia, ein tiefgründiges Bild seiner Heimatstadt. Fernab von touristischen Klischees beschrieb er Neapel als einen Ort der Resilienz und der gelebten Geschwisterlichkeit, der dem Papst kein geschöntes Bild, sondern sein wahres, gezeichnetes Gesicht entgegenstrecke.
Laut den zuständigen Behörden belief sich die Zahl der Gläubigen, die zur Begegnung des Papstes mit der Bevölkerung auf der Piazza del Plebiscito und in den angrenzenden Gebieten erschienen sind, auf etwa 50.000. Bei seiner Ankunft auf dem Platz, dem Herzen Neapels, begab sich Leo XIV. zunächst in die Basilika San Francesco di Paola und nahm anschließend für das Treffen auf der Freitreppe Platz. Nach den Begrüßungsworten des Kardinals von Neapel, Mimmo Battaglia, und dem Grußwort des Bürgermeisters von Neapel, Gaetano Manfredi, hielt der Papst seine Ansprache.
Ein dramatisches Paradoxon
In seiner Analyse der gegenwärtigen Lage sprach der Gast aus Rom in seiner Ansprache ein dramatisches Paradoxon an: Während die Stadt einen bemerkenswerten Zuwachs an Touristen erlebe, fehle es an einer wirtschaftlichen Dynamik, die alle sozialen Schichten erreiche. Die Geografie der Ungleichheit zeige sich nicht mehr nur in den Außenbezirken, sondern mitten im historischen Zentrum, wo existentielle Peripherien direkt neben prächtigen Fassaden existierten. Er nannte die ungelösten Probleme beim Namen, darunter die Einkommensunterschiede, den Mangel an Arbeitsplätzen und die lähmende Präsenz des organisierten Verbrechens. In diesem Zusammenhang betonte er, dass die Präsenz und das Handeln des Staates unerlässlich seien, um den Bürgern Sicherheit zu geben und der Malavita den Raum zu entziehen.
„Helden des Sozialen“
Ein besonderer Schwerpunkt der päpstlichen Ausführungen lag auf der Vernetzung der „Helden des Sozialen“. Leo XIV. lobte jene Männer und Frauen, die oft im Verborgenen für Gerechtigkeit und Wahrheit arbeiteten, und mahnte, dass diese Menschen nicht isoliert bleiben dürften. Die Kirche in Neapel fungiere hierbei als wichtiges Bindeglied, insbesondere durch das bereits initiierte Bildungspakt-Projekt, das Institutionen und Zivilgesellschaft verbinde. Er richtete einen leidenschaftlichen Appell an alle Verantwortlichen, dieses Netzwerk nicht reißen zu lassen und gemeinsam dafür zu arbeiten, die Kinder und Jugendlichen vor den Fallen sozialer Not zu bewahren.
Darüber hinaus erinnerte er an die jahrtausendealte Berufung Neapels als Brücke zwischen den Ufern des Mittelmeers. Die Stadt dürfe nicht zur bloßen Postkartenidylle für Besucher verkommen, sondern müsse eine Baustelle des Friedens sein. Dieser Friede beginne im Herzen des Einzelnen und müsse sich durch alternative Kulturen zur Gewalt in den Stadtvierteln manifestieren. Als konkrete Zeichen dieser Arbeit nannte er Einrichtungen wie das Haus des Friedens oder das Haus Bartimäus, die Schutz und Heilung für Menschen in prekären Lagen böten.
Rolle der Jugend und Umgang mit Migranten
Abschließend rückte er die Rolle der Jugend und den Umgang mit Migranten in das Zentrum seiner Botschaft. Neapel zeige seine wahre Tiefe in der Aufnahme von Flüchtlingen, die nicht als Notfall, sondern als Chance zur gegenseitigen Bereicherung begriffen werde. Besonders beeindruckt zeigte er sich von jungen Menschen, die sich im Diözesanmuseum oder in der Bildungsarbeit engagierten. Die Jugend sei nicht nur Empfänger von Hilfe, sondern Protagonist des Wandels. Mit dem Segen für die Stadt und einem Aufruf zum evangelischen Mut endete dieser ereignisreiche Nachmittag, der Neapel als einen Ort der Hoffnung und des Aufbruchs markierte.
Am Ende der Begegnung, nach dem Akt der Anvertrauung an die Jungfrau Maria und dem Segen, begab sich Leo XIV. im Auto zur Rotonda Diaz. Nachdem er sich von den Autoritäten verabschiedet hatte, die ihn bei seiner Ankunft empfangen hatten, trat der Papst per Hubschrauber die Rückreise in den Vatikan an.
Der Hauptplatz der Stadt
Die Piazza del Plebiscito ist der weitläufige und repräsentative Mittelpunkt Neapels, der wie kaum ein anderer Ort die Geschichte und Größe der Stadt widerspiegelt. Flankiert von der imposanten, halbkreisförmigen Säulenhalle der Kirche San Francesco di Paola und dem prächtigen Palazzo Reale, bildet der Platz ein monumentales Ensemble, das im 19. Jahrhundert seine heutige Gestalt erhielt. Er dient traditionell als Bühne für große öffentliche Versammlungen, Konzerte und Begegnungen zwischen dem Volk und bedeutenden Persönlichkeiten.
(vatican news)
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