Fastenpredigt: Brüderlichkeit in einer Welt der Konflikte leben
Gudrun Sailer - Vatikanstadt
Pasolini stellte gleich zu Beginn den Bezug zur Gegenwart her. Über alle Kulturen hinweg sehnten sich Menschen nach einer versöhnten Gemeinschaft, sagte er. Doch angesichts von Konflikten und Polarisierungen dürfe Brüderlichkeit nicht bloß als fernes Ideal verstanden werden. Christinnen und Christen seien vielmehr aufgerufen, die anderen „als Geschenk zu empfangen und zugleich als sehr ernste und dringende Verantwortung zu übernehmen“.
Der Prediger erinnerte daran, dass diese Herausforderung nicht nur große politische oder kirchliche Ebenen betreffe. Sie beginne im Alltag – in Familien, am Arbeitsplatz, in Nachbarschaften und Gemeinden. Gerade dort zeige sich, ob der Glaube das Leben tatsächlich verändere. Brüderlichkeit sei „der Ort, wo die Umkehr sich wirklich bewährt: die ernsteste Probe und zugleich das beredteste Zeichen dessen, was das Evangelium in unserem Leben wirken kann“.
Anhand des heiligen Franz von Assisi schilderte Pasolini, dass gemeinschaftliches Leben nicht automatisch Harmonie bedeute. „Sie ist nicht der Ort, an den man sich zurückzieht, um ruhig zu leben“, sagte er über die Brüdergemeinschaft, „sondern der Raum, in dem jeder in die Tiefen seines Herzens zurückgeführt wird – mit all seinen Schatten und Widerständen.“
Die Anderen als Ort, an dem Gott wirkt
Gerade die anderen Menschen seien entscheidend für diesen Prozess. „Die Geschwister sind uns anvertraut, damit sich unser Leben verändern kann“, erklärte Pasolini. Gerade in ihrer Verschiedenheit, ja in ihrem Fehlverhalten würden sie zum konkreten Ort, an dem Gott am Menschen arbeite, „unsere Verhärtungen löst und uns lehrt, mit einem wahrhaftigeren und liebesfähigeren Herzen zu leben“.
Zur Verdeutlichung präsentierte der Prediger die biblische Geschichte von Kain und Abel. Sie zeige, wie schnell Beziehungen scheitern könnten. In jedem Menschen liege die Möglichkeit, sich zu verschließen, „zuzulassen, dass Groll zu Distanz wird und Distanz zu einer Form von Gewalt“. Gewalt beginne oft nicht mit Taten, sondern mit Schweigen, verletzenden Worten oder Gleichgültigkeit.
Gerade deshalb sei echte Brüderlichkeit keine Sache moralischer Perfektion. Sie entstehe dort, wo Menschen ihre eigenen „Schatten“ anerkennen und die Erfahrung von Vergebung zulassen, die Gott schenke. „Wer weiß, dass ihm vergeben wurde, lernt, das Böse nicht zurückzugeben“, so Pasolini.
Wichtig sei es, Konflikten nicht auszuweichen, sondern jeweils neu aufeinander zuzugehen. Das Evangelium lade in solchen Situationen nicht zuerst dazu ein, eigene Rechte zu verteidigen, betonte Pasolini. Es fordere vielmehr heraus, „das größtmögliche und immer mögliche Gute zu suchen: jenes Gute, das erlaubt, im anderen nicht mehr einen Gegner oder Schuldner zu sehen, sondern einen vom Herrn geliebten Bruder“.
Die Auferstehung Christi gebe dafür eine neue Perspektive. Sie nehme die Mühen des Zusammenlebens nicht weg, befreie aber von der Angst, dass diese Mühen sinnlos seien, so der Fastenprediger. „Deshalb können wir die Arbeit der Bruderschaft in einem neuen Stil angehen: mit Sanftmut, mit Respekt und mit dem Vertrauen, dass jede Geste wahrer brüderlicher Liebe – auch die verborgenste – bereits zum ewigen Leben gehört.“
(vatican news – gs)
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