Dritte Fastenpredigt im Vatikan: Thema Evangelisierung
Benedetta Capelli und Stefan von Kempis – Vatikanstadt
Dabei lauschten Papst Leo – ein früherer Missionar in Peru – und zahlreiche Vertreter der römischen Kurie dem päpstlichen Hausprediger, dem Kapuziner Roberto Pasolini. Es war seine dritte Fastenpredigt in der laufenden Fastenzeit, und als Schauplatz diente die Audienzhalle im Vatikan.
Pasolini ging von der geistlichen Erfahrung seines Ordensgründers aus, des hl. Franz von Assisi, und destillierte daraus einen vielschichtigen Weg der Evangelisierung: Sich selbst in Demut einbringen. Gleichzeitig bereit sein, sich auf die Sensibilität der anderen einzulassen. Keine Antworten geben, sondern Fragen aufwerfen und einen Dialog in Gang bringen. Und immer bereit sein, in einer „Dynamik der Liebe“ sich auch vom Gegenüber bereichern zu lassen. Auf keinen Fall dürfe die Verkündigung des Evangeliums „aus einer Position der Überlegenheit oder der Kontrolle“ heraus erfolgen, denn dies würde sie verraten.
„Unsere Glaubwürdigkeit entspringt nicht unserer Rolle, sondern einem Leben, das bereit ist, sich auf diese Dynamik der Liebe einzulassen. Das ist es, was Franziskus intuitiv erkannt hat, als er seine Brüder ‚Minoriten‘ nannte: Er gab ihnen keinen Titel, sondern wies ihnen eine konkrete Art und Weise zu, in der Welt zu stehen. Gerade diese Kleinheit, diese gelebte Demut, macht die Verkündigung des Evangeliums fruchtbar.“
Ausgangspunkt jeder Mission sei „der Wunsch, die Erfahrung des Evangeliums mit anderen zu teilen“. Allerdings könne man nicht gut „von dem sprechen, was noch keine Wurzeln im eigenen Leben geschlagen hat“. Darum muss jeder, der das Evangelium weitertragen will, zunächst an sich selbst arbeiten.
„Christus ist keine Information, die weitergegeben werden muss, sondern ein Geheimnis, das im Menschlichen wohnt und darum bittet, erkannt zu werden, damit es im Leben zum Vorschein kommen kann. Das Evangelium wird nicht wie eine einfache Nachricht vermittelt; es schenkt sich wie ein Leben, das langsam Gestalt annimmt.“
Wie eine Geburt
Als Beispiel dafür, wie die Gegenwart Gottes im Herzen des Menschen aufkeimt, bemühte Pasolini die Geburt eines Kindes. „Zuerst nimmt Christus Raum in uns ein, in der Stille, im Gebet, in den täglichen Entscheidungen. Und erst danach kann er nach außen hin sichtbar werden, in der Art und Weise, wie wir mit anderen umgehen.“ Nicht wir selbst seien der Mittelpunkt der Verkündigung, sondern Gott, der durch uns transparent und zugänglich sein wolle für andere. Wichtig sei es in dieser Hinsicht, sein Gegenüber in seiner Menschlichkeit ernstzunehmen und zu schätzen.
„Evangelisieren bedeutet in dieser Perspektive, den anderen – auch ohne etwas zu sagen – zu vermitteln, dass es schön ist, dass sie existieren, dass ihr Leben Wert hat. Nicht, um sie einfach in dem zu bestätigen, was sie sind, sondern um sie dabei zu begleiten, nach und nach die Wahrheit und die Schönheit zu erkennen, die sie in sich tragen, ohne es eilig zu haben, sie auf unsere Vorstellungen hinzuführen.“
Bloß nicht abstrakt werden
Der Kapuziner hatte noch eine ganze Reihe weiterer Tipps in Sachen Evangelisierung parat: Die Gegenwart Gottes im anderen erkennen, vor allem, und sich ihm mit Respekt nähern. Das seien die wesentlichen Voraussetzungen für einen Dialog. Außerdem: Zuhören – und auf keinen Fall irgendwelche abstrakten Theorien äußern.
„Wenn Worte aus einer realen Erfahrung entstehen, erreichen sie die anderen. Wenn sie hingegen abstrakt und unpersönlich bleiben, überzeugen sie niemanden. Nicht einmal uns, die wir sie aussprechen. Das Evangelium zu verkünden bedeutet, sich dem Leben der anderen mit Respekt zu nähern und anzuerkennen, dass in der Komplexität ihres Lebens bereits eine Suche nach Sinn, nach dem Guten, nach der Wahrheit vorhanden ist.“
Die Verschiedenheit bewahren
Der hl. Franziskus sei am Rand des fünften Kreuzzugs dem ägyptischen Sultan Al-Malik al-Kamil einfach und schutzlos gegenübergetreten. Auf den ersten Blick sei dabei wenig passiert: Der Sultan bekehrte sich nicht, und Franziskus finde nicht das Martyrium, das er gesucht habe. Und dennoch sei diese Begegnung ein Moment des Dialogs und des Wachstums gewesen, aus dem sich noch heute lernen lasse. Franz von Assisi habe nicht versucht, dem Sultan seine eigene Vorstellung aufzuzwingen, sondern er habe sich dem anderen so gestellt, wie er war. Das Wunder bestehe darin, dass zwei Männer mitten im Krieg die Menschlichkeit des anderen entdeckt und sich in Frieden getrennt hätten.
„Das Evangelium verkündet man nicht, um zu siegen, sondern um jemandem zu begegnen. Der andere ist kein Ziel, das es zu erreichen gilt, sondern eine Schwelle, vor der man innehält und darauf wartet, aufgenommen zu werden. Evangelisieren bedeutet nicht, die Distanz um jeden Preis zu verkürzen, sondern sie zu durchqueren, ohne sie auszulöschen, und den Unterschied als den Raum zu bewahren, in dem Gott weiterhin im Herzen eines jeden wirkt.“
(vatican news)
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