Rom: 600 Jahre „Anima“ in Stein und Latein
Altar und Tabernakel, kostbare Kruzifixe und Monstranzen, Gemälde, Kubaturen, Glanz und Licht: Das alles macht eine Kirche einzigartig und spricht unmittelbar zu den Gläubigen. Inschriften wirken zurückhaltender, weil starke visuelle Reize das Bild des Kultortes bestimmen. Zugleich kommt keine Kirche ohne Inschriften aus. Rund 350 davon zählt Santa Maria dell’Anima, die prachtvolle Kirche der deutschsprachigen Gemeinde in Rom zwei Schritte von der Piazza Navona.
„Inschriften sind eine ganz besondere historische Quelle. Normalerweise arbeiten Historiker mit Urkunden, mit Briefen, mit Chroniken. Das sind alles Quellen, die nur für wenige Leute bestimmt sind“, erklärt der Mainzer Historiker Eberhard Nikitsch. Anders Inschriften: Sie stehen auf Denkmälern, die öffentlich sind, und wollen gelesen werden. „Das ist der springende Punkt. Öffentlich heißt: Man will etwas aussagen, man will zeigen, wer man ist oder auch nicht ist. Man will das, was man im Leben war, eben auch als Denkmal in der Kirche noch einmal zeigen. Das ist das Spezielle.“
Inschriften sind Selbstaussagen
Die „Anima“ besteht aus einer Kirche mit Priesterkolleg und Gemeindesälen, ein geräumiges Haus. Die meisten Inschriften bietet naturgemäß die Kirche, denn sie ist für alle zugänglich „Wenn Sie da einmal waren, sind Sie überrascht, wenn Sie reinkommen: alles voll mit Denkmälern. Wenn Sie genau hinschauen, sind überall Inschriften dabei. Bei den Grabdenkmälern ist das völlig klar.“ Mit Hadrian VI. ist übrigens auch ein Papst in der Anima begraben – aber bei Wandmalereien muss man schon genauer hinschauen. „Die Anima ist groß und hoch, die Wandmalereien zum Beispiel oben im Schiff sehen Sie kaum, und die Inschriften dazu auch nicht. Aber es ist alles voll damit.“ Weiter geht es mit den Inschriften in der Krypta, im Hof und in der Sakristei, und es wird noch kleinteiliger: „Auf Kelchen, Monstranzen, Wandmalereien, Glasmalereien, Glocken – alles, was Sie im Prinzip beschriften können, wird beschriftet.“
Die Inschriften sind alle auf Latein. Was aber erzählen sie? Die „Anima” entstand im späten Mittelalter und war bis ins 18. Jahrhundert die Begräbnisstätte der an der römischen Kurie beschäftigten Kleriker aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, erklärt Nikitsch. „Das heißt: Es waren hochrangige Leute, die gut Latein konnten, oft Juristen waren und an der Anima als Richter oder als Notare gearbeitet haben und viel Geld verdient haben. In der Regel ehelos und ohne Kinder. Und wenn das Ende naht, geht man dorthin, wo man sich zu Hause fühlt – nämlich in die deutschsprachige Gemeinschaft der Anima – und vermacht der Kirche alles: die Häuser, den Schmuck, das Geld, die Weinberge, was Sie wollen. Gleichzeitig bittet man um ein Grabdenkmal.“ Aber auch in Rom gestrandete oder verstorbene deutsche Adelige, zum Beispiel solche auf Grand Tour, wurden in der „Anima“ beigesetzt und ihre Grabmäler entsprechend ihres Ranges dekoriert und beschriftet.
Nikitsch ist eigentlich Mittelalter-Spezialist. Doch auch aus dem 20. Jahrhundert haben sich in der „Anima“ reichlich Inschriften erhalten. Besonders solche aus der Zeit des berühmt-berüchtigten Rektors Alois Hudal. Der Österreicher leitete die „Anima“ 1923 bis 1952, also in der Zeit des Faschismus, Nationalsozialismus, des Kriegs und danach. „Heute ist er nur noch bekannt als Nazibischof. In Wirklichkeit war er von Anfang an ein hochengagierter Kleriker, der alles für die Anima getan hat – in einer Zeit, in der es große Probleme gab“, so Nikitsch.
Als Hudal 1923 nach Rom geschickt wurde, hatte der Erste Weltkrieg Österreich auf einen fragilen Rumpfstaat reduziert, die Kaiserzeit war dahin, die „Anima“ desolat und ohne Protektor und ihre Zukunft ungewiss. „Hudal hat von Anfang an begonnen, das wieder aufzubauen“ – und dabei reichlich Inschriften produziert, so Nikitsch. „Das sind hauptsächlich Bau- und Renovierungsinschriften, aber auch Inschriften auf Geräten, auf Monstranzen, auf allen möglichen Dingen. In den Fenstern, die er hat einbauen lassen, sind seine Inschriften drin. Er hat einige Grabdenkmäler für ihm vertraute Leute gestiftet und gespendet. Und das ist ein Teil seiner Geschichte, der oft vernachlässigt und unterschlagen wird.“
Gedruckt und online: alle Inschriften der „Anima“
Mit einer gewissen Akribie hat Nikitsch auch über die Jahrhunderte verschollene Inschriften der „Anima“ rekonstruiert – gar nicht wenige. „Also Inschriften etwa auf Reliquiaren, die irgendwann verschwunden sind, entweder verkauft oder geklaut oder versteigert worden sind. Das ist ungefähr halb und halb. Die Hälfte dieser alten Inschriften ist weg“ - die andere Hälfte ist vorhanden. Und alle 350 zusammen hat Nikitsch in den vergangenen fünf Jahren im Auftrag der „Anima“ entziffert, übersetzt und kommentiert. Die Arbeit liegt nicht nur in zwei schönen gedruckten Bänden vor, sondern auch online, auf der Homepage der „Anima“ (Teil 1 und Teil 2).
(vatican news – gs)
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