Kardinal Parolin warnt vor Perspektivlosigkeit der Jugend
Salvatore Cernuzio - Vatikanstadt
Unter dem Thema „Jugend und Kirche: Aufnahme, die Zugehörigkeit schafft“ diskutierte Parolin die vielfältigen Spannungen, denen junge Menschen heute zwischen internationalen Konflikten, Armut und digitalen Fluchtwelten ausgesetzt sind.
Geburtenrückgang als Folge der Angst
Ein zentraler Punkt von Parolins Analyse war der dramatische Geburtenrückgang im Westen. Der Kardinal sieht darin ein direktes Resultat einer grassierenden Zukunftsangst. „Der Krieg nährt die Angst vor der Zukunft und damit den Unwillen, Kinder in die Welt zu setzen“, erklärte er. Wenn Kinder nur noch als „Last“ oder „Einschränkung der persönlichen Freiheit“ wahrgenommen würden, verschließe sich der Weg zum Leben. Er stellte die provokante Frage: „Was ist der höchste Wert? Die Selbstverwirklichung oder die Selbsthingabe?“
Afrika wächst, der Westen altert
Während der Westen schrumpft, erlebe Afrika ein exponentielles Wachstum. Doch gerade dort liege eine große Gefahr: „Diesen jungen Menschen müssen Zukunftsperspektiven gegeben werden. Wenn sie keine Bildungs- und Arbeitsmöglichkeiten haben, fallen sie Extremisten zum Opfer.“ Parolin verwies auf die „vergessenen Kriege“ in Afrika, aber auch auf die Ukraine, wo es vor allem die Jungen seien, die an der Front sterben, während oft nur die „Alten“ an den Verhandlungstischen säßen.
Forderung nach Verjüngung der Institutionen
Kardinal Parolin kritisierte, dass internationale Institutionen oft noch in Denkstrukturen des Kalten Krieges oder der Nachkriegszeit verhaftet seien. „Wir brauchen eine stärkere Präsenz gut ausgebildeter junger Menschen in den Institutionen“, forderte er. Jugendliche könnten oft innovativere Lösungen für globale Probleme anbieten als die etablierten politischen Eliten.
Krise der Identität und christliche Begleitung
Viele Jugendliche leiden laut Parolin unter einem enormen Leistungsdruck und dem Gefühl, den Erwartungen nicht gerecht zu werden. Hier müsse die Kirche ansetzen und ein Gottesbild vermitteln, das „nicht Perfektion verlangt, sondern den Menschen über seine Leistungen hinaus liebt“.
Gleichzeitig konstatierte er eine „fragmentierte Realität“ in der Wertevermittlung. Familie, Schule und Gemeinde würden nicht mehr Hand in Hand arbeiten. „Oft sitzen die ‚Feinde‘ im eigenen Haus – es genügt, wenn Jugendliche zum Smartphone greifen, um in einer Realität zu leben, die wir nicht kennen“, so der Kardinal.
Der Auftrag der Kirche: Zuhören und Begleiten
Die Kirche müsse sich laut Parolin auf zwei Kernaufgaben konzentrieren: Zuhören und Begleiten. Institutionen wie katholische Schulen oder die Weltjugendtage müssten als Instrumente der Integration dienen, in denen junge Menschen aus aller Welt eine Heimat und eine christliche Identität finden können. Nur durch echtes Zuhören könne die Kirche für die Sorgen der neuen Generation empfänglich bleiben.
(vatican news)
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