Waisen-Hilfe in Uganda: Auf der Suche nach Zugehörigkeit
Anne Preckel – Kampala*
Über 70 Prozent der Bürger in Uganda sind heute unter 30 Jahre alt, die Bevölkerung ist jung, aber nicht alle Kinder haben Eltern. Seit Ende der 1980er Jahre raffte die AIDS-Pandemie viele Menschen hinweg und hinterließ eine Generation von Waisen. Jährlich mehr als 100.000 Tote waren damals zu verzeichnen.
„Als HIV besonders akut war, sind viele Eltern gestorben. Ihre Kinder blieben zurück und mussten sich schon in jungen Jahren um die Familie kümmern“, berichtet Schwester Stella Maris Kamanzi vom nationalen Kinderbetreuungsprogramm der katholischen Kirche in Uganda (Catholic Care for Children – CCCU) gegenüber Radio Vatikan. „Auch das Corona-Virus hat zuletzt viele Eltern dahingerafft, deren Kinder dann in institutioneller Betreuung landeten.“
Kinderbetreuung nach internationalen Standards
Dank ausländischer US-Hilfsprogramme, die AIDS-Medikamente bereitstellten, konnten in Uganda nach dem Höhepunkt der AIDS-Pandemie viele Menschen vor dem Tod bewahrt werden, die Verwaisung aufgrund von AIDS nahm ab. In Uganda sind es bis heute aber auch Armut und Gewalt, die dazu führen, dass Kinder in institutionelle Heime kommen.
„Etwa, wenn die Familie nicht in der Lage ist, Milch und Medikamente für das Baby zu kaufen“, berichtet CCCU-Nationaldirektorin, Schwester Euphrasia Masika: „Manchmal spielt auch häusliche Gewalt eine Rolle.“
Oder Unsicherheit und Krieg: Uganda gilt in der Region als relativ stabiles Land, doch es gibt viele Kriegsflüchtlinge aus den Nachbarländern und in einigen Landesteilen Übergriffe durch Rebellen. Dabei kommt es vor, dass auf der Flucht Kinder von ihren Eltern getrennt werden.
„Manchmal sind die Mütter auch psychisch krank, etwa nach Vergewaltigungen, und können sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern“, ergänzt die Ordensfrau.
Aktuell gibt es laut der ARU in Uganda 157 offizielle Waisenhäuser, in denen 7.650 Kinder betreut werden. Ugandas Regierung hat in den letzten Jahren viele illegale Kinderheime geschlossen, von denen es in Uganda hunderte gab. Auch wurde die Kinderbetreuung professionalisiert, in Konformität mit internationalen UN-Richtlinien, und Personal entsprechend dafür geschult.
„Die Regierung hat Mindeststandards festgelegt, die die Kinderbetreuungseinrichtungen einhalten müssen“, erläutert Schwester Stella: „Und sie hat die Expertise der Ordensleute und kirchlichen Mitarbeiter ausgebaut, damit sie echte Sozialarbeiter sind und genau wissen, was in diesen Einrichtungen zu tun ist.“
Ist eine Einrichtung nicht regelkonform, muss sie geschlossen werden. Die Ordensfrauen begrüßen dies: allein „guter Wille“ reiche bei der Sorge um die Waisen nicht, gerade für verletzliche Menschen brauche es eine professionelle und „bestmögliche“ Betreuung, ist ihnen wichtig zu betonen.
Vom Kinderheim in ein Zuhause
Was aber ist die „bestmögliche“ Betreuung, dazu noch in einem Kontext der Armut und fehlenden Infrastrukturen? Ein Aspekt davon ist ganzheitliche Fürsorge, die auch in Bildungsangeboten besteht. So kümmern sich die Ordensschwestern in den Heimen nicht nur um Nahrung und Unterkunft, sondern auch darum, die Kinder auf ein unabhängiges Leben vorzubereiten, berichtet Schwester Stella:
„Wir vermitteln ihnen praktische Fähigkeiten. Sie lernen zum Beispiel Weben, Matten und Körbe flechten. Die Schwestern versuchen, die Kinder so zu fördern, dass sie später einmal selbstständig leben können. Denn wenn sie mit 18 Jahren volljährig werden, müssen sie eigene Wege gehen. Deshalb bringen wir ihnen sinnvolle und ehrliche Fähigkeiten bei.“
Bei der Waisen- und Kinderhilfe geht Uganda heute verstärkt zur familienbasierten Betreuung über. Die Vereinigung katholischer Ordensschwestern in Uganda (ARU) setzt dies zum Beispiel im Rahmen der „Put Family First Initiative 2026-2028“ um, bei welcher die Kinder aus Heimen herausgenommen und möglichst wieder in Familien oder Gemeinschaften integriert werden. Diese Gemeinschaften werden unterstützt, damit der Übergang gelingt.
Im Vergleich zu Familien mit all ihren Problemen scheinen die Heime auf den ersten Blick vielleicht geordneter: es gibt geregelte Abläufe und Sicherheit, Essen und medizinische Versorgung sowie professionelle Bezugspersonen.
„Trotz all dem glauben wir aber, dass es noch mehr braucht“, wirft Schwester Euphrasia ein. „Denn in institutioneller Betreuung fehlt den Kindern etwas Entscheidendes: das Zugehörigkeitsgefühl, das Gefühl der Bindung.“ Die Ordensfrauen wissen dies aus wissenschaftlichen Erhebungen und aus der eigenen langjährigen Erfahrung im Umgang mit Waisen und verletzlichen Kindern.
Irgendwie fehl am Platz
Heimkinder seien zudem oft abhängiger von ihren Betreuungspersonen und weniger autonom, führt die CCCU-Nationaldirektorin weiter aus. Wenn sie mit 18 Jahren in ein selbstständiges Leben entlassen würden, hätten sie das Gefühl, sie hätten „viel verpasst“ und fühlten sich „fehl am Platz“:
„Sie wissen nicht, wie sie mit anderen Menschen da draußen umgehen sollen. Sie wissen nicht, wie sie für sich selbst sorgen sollen. Und deshalb sagen wir: Es ist wirklich besser, wenn ein Kind in einer Familie aufwächst. Und wenn das früh beginnt - am besten schon in einem Alter von unter drei Jahren.“
Die gewollte „Deinstitutionalisierung“ bei der Waisen-Fürsorge sei freilich kein Allheilmittel, räumt die erfahrene Ordensfrau weiter ein:
„Denn viele Push-Faktoren sind ja nach wie vor vorhanden. Während einige Kinder gehen, kommen andere zu uns. Unsere Arbeit besteht also darin, uns um die neuen Kinder zu kümmern und zugleich die Kinder, die in Familien untergebracht wurden, weiter zu begleiten“.
Manchmal ziehen es Kinder in Uganda auch vor, ihrem familiären Umfeld zu entfliehen und auf die Straße zu gehen. Eine Abschaffung aller institutioneller Heime wäre deshalb auch keine gute Lösung, es braucht verschiedene Optionen. Die meisten Minderjährigen im Land haben laut UNICEF irgendeine Form von Gewalt oder Missbrauch erlebt, Millionen von ihnen gelten als gefährdet und verletzlich.
Voraussetzung der Reintegration der Kinder in Familien sei, die Familien so resilient zu machen, dass sie dazu in der Lage sind, die Kinder großzuziehen, erklärt Schwester Euphrasia – etwa durch Beratung, die Vermittlung von Arbeitsperspektiven oder finanzielle Starthilfen: „In der Phase, in der wir uns jetzt befinden, geht es darum, sicherzustellen, wie wir diese Familie stärken können, um weitere Trennungen zu verhindern. Wie können wir die Push-Faktoren beseitigen, damit ein Kind nicht erneut getrennt wird oder alleine bleibt?“
Bei der Kindheit ansetzen
Jedes Kind, das auf diese Weise wieder ein halbwegs stabiles Zuhause in Uganda findet, ist für die Ordensfrauen ein Erfolg, ein kleiner „Meilenstein“, der das Potential hat, Ugandas Gesellschaft zu stärken.
*Unsere Korrespondentin traf die Ordensfrauen im November in Kampala.
(vatican news – pr)
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