Bildung im Bunker: Der Alltag der Salesianer-Schule in Kyiv
Guglielmo Gallone und Mario Galgano - Vatikanstadt
Ein Beispiel für diese Bezugspunkte ist die salesianische Grundschule „Johannes Paul II.“ in Kyiv. Schwester Anna Zainchkovska, die Leiterin der Einrichtung, berichtet von den Anfängen: „Wir haben die Schule etwa sechs Monate vor Kriegsbeginn eröffnet. Zuerst hatten wir nur sechs Schüler, und das Vertrauen war gering; man traute Ordensschwestern die Leitung einer Schule kaum zu.“
Mit dem Ausbruch der Kampfhandlungen änderte sich die Situation. Da staatliche Großschulen oft nicht über ausreichende Schutzräume verfügten, nutzte die kleine Einrichtung mit weniger als 40 Schülern ihren eigenen Luftschutzkeller. „Viele Schüler staatlicher Schulen wechselten zu uns, primär aus Sicherheitsgründen“, so Zainchkovska.
Psychosoziale Folgen des Konflikts
Die statistische Lage der Kinder in der Ukraine verdeutlicht das Ausmaß der Belastung: Jedes fünfte Kind hat ein Familienmitglied oder einen Freund verloren. Ein Drittel der Minderjährigen war Zeuge von Verwundungen oder Todesfällen. Diese Erfahrungen schlagen sich im Verhalten nieder. Schwester Anna berichtet von einer Zunahme an Aggressivität unter den Schülern, besonders in den Wintermonaten, als Bombardierungen der Energieinfrastruktur dazu führten, dass Strom und Heizung oft nur für wenige Stunden pro Tag zur Verfügung standen.
„Wir Lehrkräfte mussten mehr Geduld und Verständnis aufbringen, um positive Beziehungen aufrechtzuerhalten und uns gegenseitig zu helfen“, erklärt die Schulleiterin. Während viele Schulen bei Luftalarm die Türen schließen, bleibe ihre Einrichtung für zu spät kommende Schüler offen, um den Eltern und Kindern Verlässlichkeit zu bieten.
Demografische und bildungspolitische Verschiebungen
Die ukrainische Gesellschaft steht zudem vor demografischen Herausforderungen. Die Bevölkerungszahl ist laut UN-Angaben auf unter 37 Millionen gesunken, die Geburtenrate liegt bei etwa einem Kind pro Frau. Acht von zwei Haushalten berichten von einer Verschlechterung ihrer wirtschaftlichen Lage. Während Väter oft an der Front eingesetzt sind, verlassen viele Mütter mit ihren Kindern das Land, was zur Fragmentierung von Familien führt.
Auch das Bildungsniveau ist betroffen. Online-Unterricht scheitert oft an Stromausfällen, und in den Schutzräumen vieler Schulen findet kein regulärer Unterricht statt. Lehrpläne wurden inhaltlich angepasst: Russische Geschichte und Literatur wurden entfernt, stattdessen trat eine „Erziehung zum Überleben“ in den Vordergrund – das Erlernen des Umgangs mit Luftalarmen und der Evakuierung in Bunker.
Fokus auf Beziehungsarbeit
Trotz der Ungewissheit über das Ende des Konflikts versucht die Schule, einen Raum für Normalität zu schaffen. „Wir wollen den Kindern einen Ort bieten, an dem sie sich wohlfühlen, lernen, spielen und Freundschaften schließen können“, sagt Schwester Anna. Ziel sei es, den Schülern trotz der äußeren Umstände ein Gefühl von Sicherheit und den Glauben an eine übergeordnete Begleitung zu vermitteln.
(vatican news)
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