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Desinfektionsmaßnahme in einem Zelt in Khan Yunis  Desinfektionsmaßnahme in einem Zelt in Khan Yunis   (AFP or licensors)

Gaza: Überleben zwischen Trümmern

Seit Beginn der regionalen Konflikte im Iran und im Libanon hat die internationale Aufmerksamkeit für den Gazastreifen abgenommen. Obwohl seit Oktober des vergangenen Jahres ein fragiler Waffenstillstand mit Israel besteht, bleibt die Situation für die Bevölkerung prekär. Filipe Ribeiro, Leiter der Mission von Ärzte ohne Grenzen in Palästina, schildert die aktuelle Realität vor Ort.

Olivier Bonnel und Mario Galgano - Vatikanstadt

Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen konzentrieren sich derzeit rund zwei Millionen Menschen auf weniger als der Hälfte des Territoriums der Enklave. Da Israel etwa 60 Prozent des Gazastreifens kontrolliert, ist der Zugang zu weiten Teilen des Gebiets für die palästinensische Bevölkerung untersagt. Die Zerstörung ist flächendeckend: Rund 92 Prozent der Wohnhäuser gelten als zerstört. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge wird allein die Beseitigung des Schutts sieben Jahre in Anspruch nehmen.

Zum Nachhören - was der Gesprächspartner von Ärzte ohne Grenzen sagt

Filipe Ribeiro weist darauf hin, dass der Begriff des Waffenstillstands die Realität nur unzureichend abbildet: „Es gibt weiterhin jeden Tag Tote und Verletzte. Seit Beginn des Waffenstillstands wurden insgesamt mehr als 800 Todesopfer verzeichnet.“ Dennoch räumt er ein, dass die Intensität der direkten Kämpfe im Vergleich zu früheren Phasen abgenommen habe.

Ein marodes Gesundheitssystem

Von den ehemals 38 Krankenhäusern im Gazastreifen ist heute nur noch ein geringer Teil einsatzfähig. Ribeiro präzisiert: „Weniger als die Hälfte der Krankenhäuser ist funktionstüchtig, und selbst diese sind nur teilweise operabel.“

„Weniger als die Hälfte der Krankenhäuser ist funktionstüchtig...“

Die Versorgung dieser Einrichtungen mit Medikamenten und medizinischem Material ist durch strenge Einfuhrbeschränkungen erschwert. „Die israelischen Behörden kontrollieren alles, was in den Gazastreifen gelangt“, erklärt der Missionsleiter. Dies betreffe nicht nur medizinische Güter, sondern auch Ersatzteile für Generatoren und Fahrzeuge. Während Konsumgüter wie Limonaden oder Schokoriegel teilweise verfügbar seien, fehle es an essenziellen proteinreichen Nahrungsmitteln wie Eiern. Diese seien für die Bevölkerung kaum erschwinglich.

Hygienische Bedingungen und Krankheitsrisiken

Die sanitäre Situation in den provisorischen Lagern hat sich massiv verschlechtert. Da die Abwassersysteme zerstört sind, leben viele Menschen unter unzureichenden hygienischen Bedingungen. Ribeiro berichtet von einer Zunahme von Infektionskrankheiten und Ungezieferplagen.

„Wir beobachten eine Ausbreitung von Insekten und Ratten. Es gibt Berichte über Kinder und Säuglinge, die in ihren Zelten von Ratten gebissen wurden“, so Ribeiro. Aktuell breite sich zudem die Krätze aus, und die Bevölkerung leide unter weitverbreitetem Lausbefall. Da Ärzte ohne Grenzen Anfang des Jahres von den israelischen Behörden offiziell ausgewiesen wurde, koordiniert die Organisation ihre Hilfe derzeit verstärkt über lokales Personal vor Ort, um die Grundversorgung unter diesen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Jean-Charles Putzolu führte dieses Gespräch für Radio Vatikan.

(vatican news)

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27. April 2026, 11:46