Migration: Die spanische Ausnahme
Augustine Asta und Stefan Kempis - Vatikanstadt
Das Land hat in den letzten Monaten eine groß angelegte Legalisierungsaktion für die auf seinem Staatsgebiet lebenden Ausländer eingeleitet. Die Maßnahme richtet sich an ausländische Staatsangehörige, die vor dem 1. Januar 2026 nach Spanien gekommen sind, einen ununterbrochenen Aufenthalt von mindestens fünf Monaten nachweisen können und weder vorbestraft sind noch eine Gefahr für die öffentliche Ordnung darstellen. Es handelt sich um die siebte außerordentliche Legalisierung seit 1986; die katholischen Bischöfe haben die Aktion begrüßt.
Die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez will mit der Legalisierung Schwarzarbeit aufdecken und das Wirtschafts- und Sozialsystem stärken. Sánchez hat die Einwanderung zu einem strategischen Hebel für das wirtschaftliche und demografische Wachstum des Landes gemacht, erklärt Hubert Peres, emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Universität Montpellier, im Interview mit uns.
Große Legalisierungs-Kampagne für illegale Einwanderer
„Das ist eine Ausnahme in Europa, denn seit 2018 ist ein Ministerpräsident, ein Regierungschef an der Macht, der aus einer großen sozialdemokratischen Partei, der Spanischen Sozialistischen Partei (PSOE), stammt und derzeit Spanien regiert – mit linken Koalitionspartnern in der Regierung. Wir haben also eine Situation, die sich deutlich von der in anderen Teilen Europas unterscheidet, wo die Sozialdemokratie oft vom Markt gefegt wurde. Erstens handelt es sich bei den regierenden Parteien also um Parteien, die nicht von vornherein gegen Einwanderer eingestellt sind.“
Nun wird die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez zwar von mehreren Korruptionsskandalen heimgesucht, so dass viele Kräfte der Gesellschaft schon nach Neuwahlen rufen. Doch noch sitzen die Sozialisten am Steuerruder – eine Ausnahme im Chor der rechten bis ganz rechten Regierungen in Europa.
Dieselbe Sprache und Kultur
„Außerdem ist sich die spanische Gesellschaft aus wirtschaftlichen Gründen der Notwendigkeit von Einwanderern durchaus bewusst. Das gilt generell für die Arbeitgeber, aber auch für die Bevölkerung, die das Gefühl hat, dass Einwanderer ein wirtschaftlicher Gewinn für Spanien sind. Vielleicht trägt dazu maßgeblich bei, dass die Mehrheit der Einwanderer in Spanien lateinamerikanischer Herkunft ist, das heißt, sie teilen die Sprache und einen Großteil der Kultur der Einheimischen.“
Und das ist ein entscheidender Punkt: Die meisten Migranten werden wegen der gemeinsamen Sprache nicht so sehr als Fremdkörper wahrgenommen, wie das in anderen Teilen Europas der Fall ist. Was die derzeitige Integrations-Kampagne betrifft, könnte laut Schätzungen das BIP dank der Integration von Hunderttausenden von Arbeitnehmern in das formelle System um bis zu 2,5 Prozentpunkte steigen. Die Regierung betont zudem, dass diese Maßnahme keinen „Pull-Effekt“ haben werde, da es sich um Personen handele, die bereits fest im sozialen und wirtschaftlichen Gefüge des Landes verankert seien.
Bei Bootsflüchtlingen ist Madrid nicht so kulant
Die spanische Offenheit gegenüber Einwanderern gilt spezifisch den Lateinamerikanern; Bootsflüchtlingen aus Afrika gegenüber ist Madrid weniger kulant. Im Jahr 2025 verzeichnete das Land dank verschärfter Kontrollen einen Rückgang der Ankünfte auf den Kanarischen Inseln um 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Spanien legalisiert also einerseits Einwanderer und verschärft andererseits die Grenzkontrollen: „Die spanische Regierung hat die technischen Mittel verstärkt, um – mit Hilfe von Frontex, der für die Grenzüberwachung zuständigen Agentur, auf europäischer Ebene – den Zugang zu ihrem Hoheitsgebiet zu erschweren.“
Und hier ähnelt das Bild eben doch dem üblichen Vorgehen Europas gegen Menschen von draußen. Festung Europa – die Eingänge werden möglichst dichtgemacht. Nicht von ungefähr hat Papst Leo XIV. Anfang Juni von den Kanarischen Inseln aus an das Gewissen Europas appelliert, mit Migranten menschlich umzugehen. „Auch Spanien hat mehr Abkommen mit Ländern südlich der Sahara, mit Mauretanien, Gambia und dem Senegal geschlossen, um zu versuchen, die Abwanderung einzudämmen oder diese Länder dazu zu bewegen, die Überwachung von Booten und Schleusern zu verstärken, die diese Migranten auf die Kanarischen Inseln bringen könnten.“
Streit der Parteien
Allerdings: Ein Großteil dieser irregulären Einreisen über die Kanarischen Inseln geht auf das Konto von jungen Migranten, die sich in einer Situation großer Schutzbedürftigkeit befinden. Daher hat die Regierung Sánchez Programme zur Verteilung dieser illegal eingereisten Minderjährigen auf verschiedene Teile Spaniens aufgelegt.
„Das wirft jedoch zahlreiche politische Probleme auf – sehr viele sogar –, und es ist eines der Themen, die in weiten Teilen der Öffentlichkeit zu großer Vorsicht und vielleicht sogar zu einer gewissen Schizophrenie gegenüber der Einwanderung beitragen.“ Die von der Partei Vox angeführte Opposition prangert eine Bedrohung der spanischen Identität an, wobei sie zwischen humanistischer Rhetorik und utilitaristischer Logik schwankt.
Vox polemisiert gegen Ausländer
Die fremdenfeindliche Rhetorik von Vox ähnelt der Rhetorik der AfD in Deutschland. Falls es Neuwahlen geben sollte, dürfte die konservative Volkspartei PP an die Regierung kommen; die Frage ist, ob sie zum Regieren Vox brauchen wird. In einzelnen Regionen Spaniens gibt es eine solche Zusammenarbeit bereits. Und klar ist, dass das Thema Migration in einem möglichen Wahlkampf die zentrale Rolle spielen dürfte.
„Die Lage sieht natürlich ganz unterschiedlich aus, je nachdem, wo man sich auf dem politischen Spektrum befindet. Die Wähler der linken Parteien stehen der Einwanderung deutlich positiver gegenüber als die der rechten Parteien. Was die Einwanderung betrifft, so ist die Haltung bei der Volkspartei und vor allem bei den Wählern der rechtsextremen Partei Vox eher negativ. Bei Vox überwiegt die ablehnende Haltung. Was die derzeitige Legalisierung von Einwanderern betrifft, hat eine Umfrage ergeben, dass etwa 38 Prozent der Spanier dieses Verfahren befürworten und 33 Prozent es ablehnen. Wir werden sehen, was bei den nächsten Wahlen passieren wird…“
1986 lag der Ausländer-Anteil in Spanien bei nur einem Prozent
Historisch gesehen ist Einwanderung in Spanien noch ein ziemlich junges Phänomen. „Im Jahr 1986 betrug der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Spanien ein Prozent. 40 Jahre später machen Ausländer heute fast 15 bis 17 Prozent der spanischen Bevölkerung aus. Anfangs haben die Spanier die Einwanderer recht gut aufgenommen. Die Spanier im Allgemeinen, zumindest die öffentliche Meinung, taten dies vor allem deshalb, weil es sie an ihre eigene historische Erfahrung mit der Auswanderung erinnerte. Diese kulturellen Erinnerungsfaktoren, verbunden mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten, erklärten lange Zeit, warum die spanische Öffentlichkeit der Einwanderung im Allgemeinen eher positiv gegenüberstand.“
Von den Legalisierungen haben seit 1986 etwa 1,3 Millionen Einwanderer profitiert; bei der derzeitigen Aktion wird es etwa eine halbe Million Einwanderer sein. Die aktuelle Initiative geht ebenfalls auf eine Mobilisierung der Zivilgesellschaft zurück, die mehr als 600.000 Unterschriften für die Einreichung einer Volksinitiative gesammelt hatte, die von Hunderten von Vereinen und sozialen Organisationen unterstützt wurde.
Das Interview führte Augustine Asta vom französischen Dienst von Radio Vatikan.
(vatican news – sk)
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