Pakistan: Interreligiöse Solidarität verhindert Angriff auf Christen
Auslöser war die Anschuldigung, eine christliche Mutter und ihr Sohn hätten Seiten des Korans entweiht und per Post an mehrere Empfänger verschickt. Die Vorwürfe sind bislang nicht bewiesen. Nachdem ein Händler eines der Pakete geöffnet und die Polizei informiert hatte, verbreitete sich die Nachricht. Tausende Menschen versammelten sich daraufhin in der betroffenen Wohngegend, wobei einzelne Stimmen zu Gewalt gegen die Beschuldigten aufriefen.
Die Angst der Christen vor Übergriffen
Aus Angst vor Übergriffen verschanzten sich zahlreiche christliche Familien in ihren Häusern. Nach Angaben der katholischen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (CCJP) kam es zu Sachbeschädigungen und ersten Angriffsversuchen, sodass die Lage zeitweise zu eskalieren drohte.
Eine weitere Gewalteskalation konnte durch den Einsatz eines massiven Sicherheitsaufgebots mithilfe der Polizei und der Rangers verhindert werden: die paramilitärische Einheit, die für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zuständig ist. Sicherheitskräfte schützten die betroffenen Familien und sicherten deren Wohnhäuser.
Die Rolle der muslimischen Religionsvertreter
Besonders bemerkenswert war das Engagement muslimischer Religionsvertreter verschiedener islamischer Glaubensrichtungen. Gemeinsam mit Politikern und Studenten islamischer Seminare stellten sie sich schützend vor die Häuser christlicher Familien und riefen die aufgebrachte Menge zur Besonnenheit auf. Sie erinnerten daran, dass die Vorwürfe noch untersucht werden müssten und niemand das Recht habe, Selbstjustiz zu üben. Zugleich warnten sie davor, dass unbekannte Täter den Vorfall bewusst inszeniert haben könnten, um Spannungen zwischen Muslimen und Christen zu schüren.
Auch führende islamische Gelehrte wandten sich an die Demonstranten. Sie betonten, Gewalt gegen Unschuldige widerspreche den Lehren des Islam und gefährde das friedliche Zusammenleben der Religionsgemeinschaften in Pakistan.
Der Direktor der katholischen "Kommission für Gerechtigkeit und Frieden" der Erzdiözese Karachi, Pater Shahzad Arshad, würdigte das entschlossene Handeln der Sicherheitskräfte sowie den Einsatz muslimischer und politischer Verantwortungsträger. Gemeinsam hätten sie maßgeblich dazu beigetragen, Menschenleben zu schützen und eine erneute Welle sektiererischer Gewalt zu verhindern.
Ermittlungen in mutmaßlichem Blasphemiefall eingeleitet
Unterdessen leitete die Polizei Ermittlungen zu dem mutmaßlichen Blasphemiefall ein. Eine Strafanzeige wurde nach Beratungen islamischer Gelehrter offiziell registriert. Christliche und muslimische Vertreter forderten in einer gemeinsamen Erklärung eine umfassende, unparteiische und rechtsstaatliche Untersuchung. Schuld oder Unschuld müsse ausschließlich im Rahmen eines ordentlichen Gerichtsverfahrens festgestellt werden.
Wichtiges Signal für den Schutz religiöser Minderheiten und den interreligiösen Dialog
Zugleich riefen islamische Religionsführer die Imame der Region dazu auf, ihre Freitagsgebete den Themen religiöse Harmonie, Geschwisterlichkeit, friedliches Zusammenleben und Rechtsstaatlichkeit zu widmen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Gerüchten keinen Glauben zu schenken, jede Form von Selbstjustiz abzulehnen und die Rechte religiöser Minderheiten zu achten.
Wichtiges Signal
Der Vorfall gilt als seltenes Beispiel dafür, dass ein entschlossenes gemeinsames Handeln von Religionsvertretern, Politik und Sicherheitsbehörden in Pakistan eine Eskalation nach einem Blasphemievorwurf verhindern konnte. Gerade angesichts früherer Gewalttaten gegen Christen nach ähnlichen Anschuldigungen wird das Ereignis als wichtiges Signal für den Schutz religiöser Minderheiten und den interreligiösen Dialog gewertet.
(asianews-skr)
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