Ukraine: „Werdet nicht müde, frei zu sein!“
In dem Gespräch zum 35. Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeit weist er darauf hin, dass der Juli 2026 einer der bisher „blutigsten Monate“ in viereinhalb Jahren Krieg gewesen ist. Schewtschuk prangert die Grausamkeit des Krieges und die zerstörerischen Folgen der darin eingesetzten Drohnentechnologie an.
Interview
Eure Seligkeit, wie erleben Sie die derzeitige Lage?
„Wir alle haben diese Nacht [22. August – Anm. d. Red.] im Luftschutzbunker verbracht, ebenso wie die Nächte zuvor, denn leider nimmt die Zahl der Drohnen und Raketen, die auf uns abgefeuert werden, zu. In letzter Zeit wird jeder Monat blutiger als der vorherige. So war beispielsweise laut der Überwachungskommission der Vereinten Nationen der Juli der blutigste Monat seit März 2022, der wiederum der Monat mit der höchsten Opferzahl in diesen viereinhalb Jahren des Krieges war. Offiziellen Statistiken zufolge wurden in diesem Juli 437 Zivilisten getötet und 2.610 verletzt, wobei die Zahl der verletzten und getöteten Kinder die höchste seit April 2022 war.
Alle Experten, die versuchen zu verstehen, was gerade geschieht, sagen, dass dieser Krieg immer mehr zu einem Krieg der Hochtechnologie und hochentwickelter Waffen wird. Manche sprechen von einem Krieg der Städte. Warum? Weil die Möglichkeit, an der Frontlinie vorzustoßen, praktisch zum Erliegen gekommen ist. Ein Vorrücken an der Front wird für die russische Armee immer unmöglicher und sehr kostspielig. Deshalb versuchen sie, Zivilisten anzugreifen, und verstärken so das Leid der Menschen, die vor allem in den Großstädten leben: Aus diesem Grund ist die Hauptstadt der Ukraine zum Ziel Nummer eins geworden. Wenn man versucht, Analogien in der Vergangenheit zu finden, sagen viele, dass das Szenario, das sich derzeit in der Ukraine abspielt, dem Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre sehr ähnlich ist. Dieser war tatsächlich ein Krieg zweier Völker, die an der Front keinen Sieg erringen konnten und versuchten, das Leid der Zivilbevölkerung zu vergrößern.
Ein weiterer, aus moralischer und ethischer Sicht sehr schwerwiegender Aspekt ist, dass die sich entwickelnde Hochtechnologie nicht nur künstliche Intelligenz nutzt, um den Angriffspunkt der Drohnen zu steuern, sondern dass diese tödlichen Drohnen – ebenso wie die Raketen, die zunehmend darauf ausgelegt sind, Zivilisten zu treffen – mittlerweile mit Kameras ausgestattet sind. Ein Bediener, der diese Rakete oder diese Drohne in Echtzeit steuert, sieht also die Menschen, die er tötet. Zu behaupten, zivile Opfer seien unbeabsichtigte, nicht direkt gewollte Opfer, ist nicht möglich. So wurde beispielsweise neulich ein Bus in der Stadt Cherson getroffen. Dabei wurden nicht nur die Menschen getötet, die in diesem Bus saßen, sondern auch diejenigen, die sich in der Umgebung befanden. Es ist offensichtlich, dass der Bediener dieser Drohne die Menschen sah, die er tötete. Das ist wirklich ein sehr schwerwiegendes moralisches Problem. Es heißt, dass Russland derzeit versucht, das Leid der Zivilbevölkerung, ja sogar die Angst, als Waffe einzusetzen. Was sie an der Front nicht erreichen konnten, versuchen sie nun durch diesen Terror in den Großstädten zu erreichen.
Dieser Krieg will die Erschöpfung, das Leid und sogar die seelische Qual der Menschen in ein Instrument politischen Drucks verwandeln. Das verändert natürlich das Gesicht dieses Krieges, der ohnehin schon ein gotteslästerlicher Krieg ist. Jede Handlung dieser Art ist ein Verbrechen sowohl gegen das humanitäre Völkerrecht als auch gegen das moralische Gesetz im Kontext bewaffneter Konflikte. Das ist die Situation, vor allem in der Hauptstadt, die wir in den letzten Monaten und Tagen erleben.“
Was bedeutet es in dieser Situation, das 35-jährige Jubiläum der Unabhängigkeit zu feiern, genau viereinhalb Jahre nach Beginn dieser grausamen Aggression?
„Für uns bedeutet das Feiern des Unabhängigkeitstags der Ukraine vor allem, dem Herrn für das Geschenk der Freiheit zu danken, für das der unabhängige ukrainische Staat bürgt. Für Christen darf die Liebe zum Vaterland nicht zur Staatsvergötterung werden. Ein Rechtsstaat ist ein wichtiges Instrument zum Schutz der Menschenwürde, der Freiheit, des Gemeinwohls und des Rechts auf Leben des Volkes. Die Liebe zum eigenen Vaterland ist kein Hass auf andere, sondern der Wille, Verantwortung für das eigene Volk zu übernehmen und ihm zu dienen. Deshalb ist dieser Tag zum Gedenken an die Unabhängigkeit der Ukraine für uns ein Tag des Gebets und der Besinnung darauf, wie wir heute nicht nur unsere Freiheit verteidigen, sondern auch unsere Zukunft positiv gestalten müssen.
In diesen Tagen sprechen wir auch immer wieder von der nationalen Einheit, denn es ist eine Einheit, die sich um bestimmte Grundwerte dreht. Der Staat ist ein Instrument, um dem Gemeinwohl und der Würde des Menschen zu dienen, um das Überleben zu sichern, frei zu leben und unsere Gesellschaft in Frieden aufzubauen. Selbstverständlich werden wir an diesem Tag alle für ein Ende des Krieges beten. Wir wissen, dass nicht nur die Unabhängigkeit der Ukraine, sondern auch der Frieden ein Geschenk Gottes ist.“
Sie haben vom Geschenk der Freiheit gesprochen. In diesem Zusammenhang möchte ich eine persönliche Frage stellen. Sie wurden in der Zeit des Totalitarismus geboren. Ihre Priesterausbildung begann in geheimen Priesterseminaren. Was bedeuten diese 35 Jahre Freiheit für Sie persönlich, auch mit Blick auf die jungen Menschen von heute, die bereits in der zweiten Generation in dieser Zeit der Unabhängigkeit geboren wurden?
„Ich durfte den Moment miterleben, als der kommunistische Totalitarismus, der auch den Verstand und den Willen der Menschen kontrollieren wollte, in sich zusammenbrach. In jenem Moment haben wir verstanden, dass Freiheit nicht nur die Möglichkeit bedeutet, äußerlich frei zu sein; wir haben verstanden, dass Freiheit außerdem eine geistliche und moralische Kategorie ist. Ich erinnere mich, dass wir katholischen Christen, die im Untergrund lebten, selbst in der Sowjetunion freier waren als die kommunistischen Führer, weil wir diese Freiheit der Kinder Gottes in unseren Herzen trugen. Und gerade dank dieser Fähigkeit, frei zu sein, den Mut zu haben, anders zu denken als es die staatliche kommunistische Ideologie vorschrieb, die Freiheit zu entscheiden, frei zu entscheiden, aber immer nach den Maßstäben des christlichen Urteilsvermögens. Das war für uns zu Zeiten der Sowjetunion eine geistliche Schule der Freiheit.
Als dann dieses totalitäre System zusammenbrach, gelang es uns, diese innere Freiheit, die wir in uns trugen, in den Kontext der ukrainischen Zivilgesellschaft zu übertragen. Und deshalb waren wir wahrhaftig dieser Sauerteig der neuen Gesellschaft, und unsere Kirche war wahrhaftig eine Trägerin des Wandels der ukrainischen Gesellschaft von einem postkommunistischen und postkolonialen sowjetischen Land zu einem demokratischen Land. Natürlich wird dieser Weg niemals ein einmal und für alle Mal beschrittener Weg sein. Jeden Tag müssen wir diese christliche Freiheit unter Beweis stellen und unseren Weg fortsetzen.
Aber in diesem Zusammenhang habe ich etwas sehr Tiefgründiges verstanden, das zu unserer spirituellen und theologischen Tradition gehört: dass Freiheit etwas Größeres ist als der bloße freie Wille. Freiheit ist die Frucht einer guten Entscheidung und einer Entscheidung, die auf der Wahrheit beruht. Wenn ich eine richtige Entscheidung treffe, mich für grundlegende Werte entscheide, mich für das Gute entscheide, dann verwandelt sich mein freier Wille, der ein Potenzial der Freiheit ist, in eine Erfahrung der Freiheit. Deshalb ist es ein Weg zu echter Freiheit, den Menschen zu helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Keine Zügellosigkeit, keine Anarchie, sondern eine Freiheit, die stets mit Verantwortung und dem Gemeinwohl verbunden ist.
Es liegt auf der Hand, dass dieses Freiheitskonzept heute in der Ukraine sehr gefragt ist. Interessanterweise sagten viele unserer jungen Männer, die Kriegsgefangene waren, schreckliche Folter in russischer Gefangenschaft erlitten hatten und dann befreit wurden, dass sie sich selbst mit gefesselten Händen freier fühlten als diejenigen, die sie folterten. Warum? Weil diese russischen Offiziere in Wahrheit Gefangene ihrer eigenen Denkmuster waren. Sie hatten Angst vor ihren Vorgesetzten. Sie hatten Angst, selbst im Gefängnis zu landen, weil sie den erhaltenen Befehlen nicht blind gehorchten. Und unsere Soldaten fühlten sich in diesen Momenten selbst mit gefesselten Händen freier. Warum? Weil sie ihre eigene Entscheidung getroffen haben. Die richtige Entscheidung. Die Entscheidung, die auf der Wahrheit und der Verteidigung des Lebens der Menschen beruht.
Das ist unsere Erfahrung aus der Zeit der Sowjetunion. Unsere Erfahrung mit dieser Gesellschaft, die sich nach dem Zusammenbruch des staatlichen Totalitarismus neu aufbaut. Es ist diese Freiheit, die das ukrainische Volk heute zu verteidigen und in seinem freien und unabhängigen Land immer weiter auszubauen versucht.“
Wie könnte die Botschaft des ukrainischen Volkes an die heutige Welt lauten, in der wir eine gewisse Krise der Demokratie beobachten können, verbunden mit dem Aufkommen autoritärer Tendenzen in verschiedenen Teilen der Welt, auch dort, wo man es am wenigsten erwarten würde?
„Werdet nicht müde, frei zu sein! Meiner Meinung nach hängt diese Krise der demokratischen Werte mit einer gewissen Krise der Eigenverantwortung für das eigene Land zusammen. Jeder will seine Verantwortung auf die Schultern der anderen abwälzen. Und manchmal suchen sie einen Sündenbock, einen Politiker oder einen Autokraten, der die persönlichen Pflichten, die jeder gegenüber seinem Vaterland und seinem Land hat, auf sich nehmen kann. Bisweilen wollen manche von der Notwendigkeit, nachzudenken und zu unterscheiden, befreit werden. Sie wollen, dass jemand anderes für sie denkt, unterscheidet und entscheidet. Das ist ein bisschen kindisch, denn so verhalten sich Kinder, wenn sie glauben, dass immer die anderen eine bessere Zukunft für sie aufbauen müssen. Die Flucht vor der Verantwortung ist meiner Meinung nach heutzutage eine große Plage der modernen Demokratien.
Deshalb freut es mich, dass sich die Kirche heutzutage immer mehr zur Garantin und Verteidigerin demokratischer Werte macht, denn die Kirche bekräftigt die Würde jedes Menschen. Gerade die Kirche schützt den Menschen in der heutigen Kultur vor der Entmenschlichung, auf allen Ebenen, angefangen bei der Herausforderung der künstlichen Intelligenz. Gerade die Kirche sagt, dass niemand das Recht haben darf, anderen ihre Träume und Hoffnungen für die eigene Zukunft zu rauben. Im Gegenteil: Wir selbst sind die Gestalter unseres Lebens und unserer Zukunft.
Habt keine Angst davor, frei zu sein! Das ist die grundlegende Botschaft, die die Ukraine heute an die ganze Welt senden kann. Auch wenn diese Freiheit verteidigt werden muss. Denn Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Diejenigen, die nicht das Risiko eingehen, diese Freiheit anzunehmen und als freie Männer und Frauen zu leben, sind dieses Geschenks der Freiheit nicht würdig.“
Welchen Appell möchten Sie anlässlich dieses Jahrestags der Unabhängigkeit an die Weltkirche richten?
„Der höchste Ausdruck der Freiheit ist die Fähigkeit des Menschen zu lieben. Gott zu lieben und den Nächsten zu lieben. Heute sehen wir in der Ukraine, dass die nationale Eintracht, die uns zur nationalen Unabhängigkeit geführt hat, nur durch Barmherzigkeit gewahrt werden kann. Die Fähigkeit, Mitgefühl für die Leidenden zu empfinden, die Fähigkeit, denen, die Fehler begehen, Barmherzigkeit zu erweisen, aber auch unsere Fähigkeit, dem Nächsten Gutes zu tun. Deshalb dürfen wir nicht vergessen, dass die größte Erfahrung der Freiheit dann stattfindet, wenn wir Gott und den Nächsten lieben.
Ich möchte all jenen danken, die sich am Tag der Unabhängigkeit der Ukraine, dem 24. August, mit uns im Gebet vereinen. Wir alle in der Ukraine sind an diesem Tag im Gebet vereint. Wir, die Leiter der Kirchen und religiösen Organisationen, werden uns in der ältesten Kathedrale Osteuropas, der Sophienkathedrale in Kyiv, versammeln. Dort befindet sich ein Mosaik aus dem 11. Jahrhundert, das die betende Muttergottes darstellt. Vor diesem Mosaik der betenden Muttergottes von Kyiv werden wir für den Frieden beten. Wir bitten um Ihre Solidarität und Einheit im Gebet, aber auch im humanitären Handeln, das für uns heute ein hervorragender Weg ist, unsere Liebe zu Gott und zum Nächsten zu beweisen.“
Das Interview mit Erzbischof Schewtschuk führte Taras Kotsur vom ukrainischen Dienst von Vatican News.
(vatican news – sk)
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