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Nikodemus Schnabel, Abt der deutschsprachigen Abtei Dormitio auf dem Zionsberg. Am Ort der „Entschlafung Mariens“. Nikodemus Schnabel, Abt der deutschsprachigen Abtei Dormitio auf dem Zionsberg. Am Ort der „Entschlafung Mariens“.   (Elias Ungermann)

Heiliges Land: „Ich habe Sorge, dass wir ein christliches Disneyland werden“

Seit Jahren fehlen im Heiligen Land vielerorts die Pilger – mit gravierenden Folgen für christliche Familien, die vom Tourismus leben. Der Jerusalemer Benediktinerabt Nikodemus Schnabel sieht dadurch auch die Zukunft der einheimischen Christen bedroht. Am 15. August feiert die Dormitio auf dem Jerusalemer Zionsberg ihr Patronatsfest – 100 Jahre nach ihrer Erhebung zur Abtei.

Birgit Pottler - Vatikanstadt

„Ich habe wirklich die Sorge, dass wir so ein christliches Disneyland werden.“

Der Satz fällt im Mai, als Vatican News mit Nikodemus Schnabel am Rande des Katholikentags in Würzburg über das Leben der Christen im Heiligen Land spricht.

An diesem 15. August feiert Schnabels Abtei auf dem Jerusalemer Zionsberg ihr Patronatsfest, das Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel. Der Name „Dormitio“ – Entschlafung – erinnert an die Überlieferung dass Maria hier auf dem Zionsberg gestorben, „entschlafen“ sein soll. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt der Abendmahlssaal, den die christliche Tradition mit dem Letzten Abendmahl und dem Pfingstereignis verbindet. Der 15. August ist damit einer der zentralen Festtage der Abtei.

„Ich habe wirklich die Sorge, dass wir so ein christliches Disneyland werden.“

Schnabel ist Abt der Benediktinerabtei im Herzen Jerusalems und des Priorats Tabgha am Nordwestufer des Sees Gennesaret. Beide Orte sind eng mit dem christlichen Pilgertourismus verbunden. Und genau diese sichtbare Präsenz christlicher Stätten kann nach Schnabels Erfahrung darüber hinwegtäuschen, wie klein die christliche Bevölkerung tatsächlich ist.

Christen im Heiligen Land: Eine kleine Minderheit

Wer als Pilger nach Jerusalem, Bethlehem oder an den See Gennesaret reist, begegnet Kirchen und Klöstern, Ordensleuten, christlichen Reiseführern und Einrichtungen für Pilger. Daraus entstehe leicht der Eindruck, das Christentum sei im Heiligen Land stark präsent, sagt Schnabel.

„Ich glaube, was viele sich gar nicht vorstellen können, ist, wie wenig Christen im Heiligen Land sind. Wer schon als Pilger im Heiligen Land war, denkt: Oh, das Christentum ist super präsent, es ist ja unglaublich, überall kommt es vor. Aber das ist Pilgertourismus, und die überwältigende Mehrheit aller Touristen sind Christen. Erst wenn der Pilgertourismus wegfällt, sieht man wirklich, wie gering die Zahl der Christen ist.“

Feiern zu Maria Himmelfahrt in Gaza - im Jahr 2024
Feiern zu Maria Himmelfahrt in Gaza - im Jahr 2024   (padre Romanelli)

In Israel stellen Christen nach den jüngsten verfügbaren Zahlen rund 1,9 Prozent der Bevölkerung. Schnabel verweist auch auf den geringen christlichen Bevölkerungsanteil in Jerusalem und den palästinensischen Gebieten. Die kleine Minderheit habe sich über Jahrzehnte eine wirtschaftliche Nische geschaffen, in der sie etwas anbieten konnte, das eng mit ihrer eigenen Geschichte und Identität verbunden ist: den Pilgertourismus.

Pilgertourismus als Lebensgrundlage für christliche Familien

Busfahrer, Reiseführer, Restaurants, Kunsthandwerker oder Geschäfte rund um die Pilgerstätten leben von den Besuchern aus aller Welt. Für christliche Pilger wiederum sei die Begegnung mit einheimischen Christen Teil der Erfahrung des Heiligen Landes, sagt Schnabel.

„Wir sind auch die lebendigen Steine des Christentums.“

„Die Christen haben sich förmlich auf den Tourismusbereich spezialisiert, weil sie sagen: Wir verstehen unsere Glaubensgeschwister. Natürlich schätzt ein christlicher Pilger, wenn der Busfahrer ein Christ ist, wenn der Koch ein Christ ist, wenn der Reiseführer ein Christ ist, wenn der Krippenschnitzer ein Christ ist. Wir können ihnen eben auch sagen: Ihr kommt nicht nur, um die toten Steine anzuschauen, sondern wir sind auch die lebendigen Steine des Christentums.“

Rund 60 Prozent der Christen seien vom Tourismus abhängig, schätzt Schnabel. Was lange wirtschaftliche Chancen bot, macht die christliche Minderheit seit mehreren Jahren besonders verwundbar.

Seit 2019 fehlt dem Heiligen Land ein stabiler Pilgertourismus

2019 war für Schnabel das letzte wirtschaftlich gute Jahr. Dann kam die Corona-Pandemie. Der Tourismus begann sich erst langsam zu erholen, bevor Krieg und weitere militärische Eskalationen die Region erneut trafen.

„Wir sind nicht von einer kleinen Krise gekommen, sondern von einer Krise in eine noch größere Krise. Wenn wir zurückschauen: Das letzte gute Jahr, wo die Christen mit dem Tourismus wirklich gut umgehen konnten, wo man sagen konnte, das war ein tolles finanzielles Jahr – auch für mich als Kloster, ich kenne ja unsere Zahlen gut –, das war das Jahr 2019.“

Die Frage, warum die Betroffenen nicht auf Rücklagen zurückgreifen könnten, hält Schnabel angesichts dieser langen Krisenphase für realitätsfern.

„Wir reden vom kompletten Einbruch des Tourismus.“

„Natürlich haben die Christen Rücklagen. Aber irgendwann sind die aufgebraucht. So eine Durststrecke sind wir nicht gewohnt. Dass es mal ein schlechtes Jahr gibt – kein Thema. Aber wir sind von Corona in den Krieg und dann in den nächsten Krieg gekommen. Und wir reden ja nicht von einem reduzierten Tourismus. Wir reden nicht davon, dass die Zahlen etwas geringer geworden sind. Wir reden vom kompletten Einbruch des Tourismus.“

Dormitio und Tabgha: Mitarbeiter bleiben, Pilger fehlen

Was der ausbleibende Pilgertourismus bedeutet, erlebt Schnabel in den eigenen Klöstern. Dormitio und Tabgha beschäftigen 29 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. An deren Gehältern hängen nach seiner Rechnung insgesamt 99 Menschen – Beschäftigte, Ehepartner und Kinder.

Ein großer Teil dieser Arbeitsplätze ist für die Betreuung der Pilger notwendig. Kommen die Pilger nicht, fällt die Arbeit weg.

„Ich bezahle zum Beispiel in Tabgha zwei Menschen für die Sauberkeit der Pilgertoiletten. Nur: Die werden nicht schmutzig, weil sie keiner benutzt. Ich habe einen Parkplatzwächter, der jeden Tag den Parkplatz aufmacht. Da steht kein einziger Bus auf dem Parkplatz. Ich bezahle Menschen, die die Kirche sauber halten. Aber sie wird ja gar nicht schmutzig. Es kommt ja niemand in die Kirche rein.“

Für die Mönchsgemeinschaft selbst wäre nur ein kleiner Teil dieser Beschäftigten nötig, sagt Schnabel. Von den 29 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seien 25 Christen. Sie weiterzubeschäftigen, obwohl ihre Arbeit derzeit kaum gebraucht werde, ist für ihn deshalb auch eine Frage nach der Zukunft ihrer Familien.

„Wenn ich jetzt wirtschaftlich denken würde, würde ich sagen: Bleibt daheim. Ich brauche euch nicht mehr. Nur dann darf ich mich nicht beschweren, dass die Christen auswandern. Das ist ja das, was wir gerade erleben.“

Gottesdienst am See Genezareth
Gottesdienst am See Genezareth

Abwanderung: Christen suchen nach einem „Plan B“

Viele christliche Familien hätten einen solchen „Plan B“ längst im Blick, beobachtet Schnabel. Gut situierte Christen aus Haifa, Akko oder Nazareth sähen sich etwa nach Möglichkeiten auf Zypern oder in Griechenland um. „Für Christen im Westjordanland, in Bethlehem oder anderswo komme neben dem finanziellen auch politischer Druck hinzu“, sagt Schnabel: „Wo klar wird: Du bist hier nicht willkommen, verschwinde, du hast hier keinen Platz.“

Zugleich leben Angehörige vieler Familien längst im Ausland – in Nord- und Südamerika oder in Europa. Das erleichtert weitere Auswanderung.

„Wir haben mittlerweile auch Pull-Effekte, nicht nur Push-Effekte. Irgendwelche Verwandten sind schon in Argentinien, in Chile, in den USA, in Kanada, in Deutschland oder Österreich. Und wenn der Cousin oder der Onkel schon dort ist und sagt: Komm rüber, ich kann dich hier gut gebrauchen – dann wird der Schritt natürlich leichter.“

„Nur dann darf ich mich nicht beschweren, dass die Christen auswandern.“

Ein weiterer Faktor ist die gute Ausbildung vieler Christen. Schnabel nennt Ärzte und Apotheker als Beispiele. Wer im Ausland studiert hat und dort berufliche Möglichkeiten findet, kann leichter gehen. Spätestens mit der Gründung einer Familie stelle sich die Frage, wo man den eigenen Kindern eine Zukunft bieten wolle.

Für Schnabel geht es dabei längst nicht nur um Arbeitsplätze und wirtschaftliche Existenz.

„Das ist wirklich eine Sorge, die ich real habe: dass wir so ein christliches Disneyland werden. In dem Sinne: Natürlich, wir Profi-Christen bleiben da – deutsche Benediktiner, italienische Franziskaner, französische Dominikaner. Klar, wir bleiben da. Auch die Pilgerorte bleiben da, die Krankenhäuser, die Schulen. Aber eben keine wirklich autochthonen, einheimischen Christen mehr, deren Familien seit Jahrhunderten dort leben. Das macht mir schon Sorge.“


Arbeitsmigration verändert das Christentum in Israel

Dass das Christentum aus dem Heiligen Land verschwinden werde, erwartet Schnabel dennoch nicht. Parallel zum Rückgang der historisch gewachsenen einheimischen Gemeinden wächst eine andere christliche Bevölkerung: Arbeitsmigranten aus Asien, Afrika und Lateinamerika.

Schnabel kennt diese Gemeinden gut. Von 2021 bis zu seiner Wahl zum Abt 2023 war er Patriarchalvikar für Migranten und Asylsuchende des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Bereits damals wurde die Zahl katholischer Migranten und Asylsuchender in Israel auf mehrere Zehntausend geschätzt; Schnabel selbst sprach von etwa 80.000 bis 150.000 Menschen.

Viele kommen von den Philippinen, aus Indien, Sri Lanka, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern. Sie arbeiten unter anderem in der Altenpflege, in der Reinigung, der Gastronomie oder der Landwirtschaft, häufig unter prekären Bedingungen.

„Auf einmal ist die katholische Kirche die prekäre Existenz, die vulnerable Existenz.“

Diese Entwicklung verändere auch die alltägliche Begegnung zwischen Juden und Christen in Israel, sagt Schnabel.

„Der normale jüdische Israeli lernt Leute wie mich eigentlich gar nicht kennen in seinem Leben. Für ihn ist die katholische Kirche vielleicht die Filipina, die seine Oma betreut, oder der Inder, der im Restaurant an der Spülmaschine steht. Das ist die katholische Kirche. Das heißt, auf einmal haben wir eigentlich das Phänomen, dass die katholische Kirche die prekäre Existenz ist, die vulnerable Existenz.“

Das Christentum im Heiligen Land verschwindet also nicht, aber es verändert sich. Schnabel unterscheidet dabei deutlich zwischen der wachsenden Kirche der Arbeitsmigranten und den historisch verwurzelten einheimischen christlichen Gemeinden. Gerade deren Zukunft bereitet ihm Sorge: ob neben den Heiligtümern, Klöstern, Schulen und Krankenhäusern auch jene Christen bleiben, die seit Generationen im Heiligen Land zu Hause sind.

(vatican news)

Abt Dominikus Schnabel im Interview mit Birgit Pottler.
Abt Dominikus Schnabel im Interview mit Birgit Pottler.

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15. August 2026, 08:52