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Junge Musliminnen in Nigeria Junge Musliminnen in Nigeria  (Sodiq adelakun)

D: Wie Pop-Influencer junge Muslime beeinflussen

Es ist eine kleine Gruppe, von der jedoch eine erhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht: gewaltbereite Islamisten.

Michael C. Hermann - Berlin

Staatliche Stellen und zivilgesellschaftliche Partner haben in den vergangenen Jahren ein dichtes Netz von Angeboten entwickelt, um Radikalisierungen zu verhindern. Oder Betroffenen zu helfen, sich aus solchen Milieus zu lösen. Immer stärker rücken sogenannte Pop-Influencer in den Social Media in den Fokus – von TikTok bis YouTube. Viele von ihnen versuchen, jungen Muslimen mitunter recht problematische Weltanschauungen zu vermitteln. 

„Warum rettet Allah nicht Palästina? Wenn Allah existiert: Warum lässt er diese Gräueltaten geschehen? Doch die Antwort dazu steht im Koran. Bevor wir beginnen: Teilt den Beitrag, damit viele davon Bescheid wissen. Denn viele mit schwachem Iman stellen sich diese Fragen. Legen wir los.“


Mit schwachem Iman

Mit schwachem Iman – das heißt: mit schwachem Glauben. An solche Jugendliche wendet sich dieser Beitrag. Er ist einer von sehr vielen, von unüberschaubar vielen. Professionell gestaltet, die Zielgruppe im Blick. Viele junge Muslime nutzen diese Kanäle. Denn attraktiv gemachte Informations- und Beratungsangebote für Jugendliche und Heranwachsende muslimischen Glaubens finden sich sonst kaum: weder in Moscheegemeinden, noch in Schulen, wo islamischer Religionsunterricht nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel ist.

„Wir finden in unserer Forschung überwiegend Informationen zum Islam auf Social-Media-Plattformen, die aus dem extremistischen Bereich von Akteuren und Akteurinnen heraus produziert werden. Also ein Informationsmedium, das auf der einen Seite immer wichtiger für heranwachsende Generationen wird, wird auf der anderen Seite von einem Feld radikaler und extremer Ansichten islamistischer Akteure dominiert.“ Das berichtet Friedhelm Hartwig aus Berlin. Der studierte Islamwissenschaftler und Theologe erforscht das Thema seit vielen Jahren.

Muslimische Pop-Influencer - ein Bericht von Michael Hermann für Radio Vatikan


Die Reichweite der oft recht jungen Influencer ist enorm

Hochwertige Informationsangebote fänden sich kaum im Netz, beklagt der Wissenschaftler, der für das Zentrum für angewandte Radikalisierungsforschung, kurz Modus, arbeitet. Die Reichweite der oft recht jungen Influencer sei enorm, oft hätten sie Hunderttausende Klicks: „Denn sie geben sich als die eigentlichen Aufklärer, die die wirklichen Informationen haben – im Kontrast zu den redaktionell arbeitenden und öffentlich-rechtlichen Medien oder auch gegenüber der Wissenschaft. Man kann es auf die Formel bringen: Auf Social Media würde man die Wahrheit erfahren, wogegen die etablierte journalistische Arbeit von professionellen Journalisten nur Lügen, Manipulation und Verführung ist.“

„Das salafistische Feld ist sehr heterogen“

Die verschiedenen Influencer kämpfen heftig um die Klicks der jugendlichen Nutzer. Friedhelm Hartwig: „Das salafistische Feld ist sehr heterogen. Da gibt es regelrechte Konkurrenzkämpfe und Feindschaften, wo man sich gegenseitig den Glauben abspricht. Es gibt Vernetzungen und Cluster, die wir erkennen können, aber auch einzelne Individuen, die anscheinend für sich arbeiten, die einen kleinen Kreis von Anhängern um sich scharen und besonders heftig in diesem Überbietungswettbewerb reagieren und die andere, die nicht ihrer Meinung sind, als Ungläubige deklassieren.


Paulus als Lügner

Thematisch dominieren in den Posts die Themen Gender und Christentum. „Im Bereich Gender werden die Interessen von Feminismus und Emanzipation absolut abgelehnt als unislamisch und als eine Vergiftung des Islams“, sagt Islamwissenschaftler Hartwig. „Das Christentum gilt als Religion in diesen extremen Kreisen nicht – wie sonst im Islam – als Buchreligion, die akzeptiert wird, sondern wird ebenfalls ganz krass als verfälscht abgelehnt. Paulus würde lügen. Und es finden sich dort vor allem Aussagen, die mehr eine Selbstauskunft über das Denken über das Christentum im Islam reflektiert, als dass man wirklich ein Verständnis vom Christentum und moderner Theologie und der geistesgeschichtlichen Entwicklung entwickelt hat.“

Die weitere Entwicklung macht Hartwig und seinen Kollegen reichlich Sorgen. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz werde dazu führen, dass die Angebote noch genauer auf die Zielgruppe zugeschnitten werden können. So werden sie noch attraktiver. Wie dies genau auf junge Muslime wirkt, ist nicht geklärt. Hartwig beklagt, dass die Politik zu wenig Forschung hierzu angestoßen habe. Und was hilft nun gegen verzerrte Wirklichkeitskonstruktionen, ausgelöst durch die zahlreichen Pop-Influencer im Internet? Letztlich nur ein gutes Angebot seriöser Akteure und viel mehr Bildungsangebote. Das ist der Appell des Wissenschaftlers.

(vatican news)
 

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12. März 2026, 11:57