D: Große Herausforderungen für den Religionsunterricht
Michael C. Hermann
Dass es schwieriger wird, den Religionsunterricht in den Schulen zu organisieren, hat vor allem damit zu tun, dass die Zahl der Schüler im evangelischen und im katholischen Religionsunterricht seit vielen Jahren zurückgeht. Nur noch jeder zweite Schüler besucht den Religionsunterricht einer der beiden großen christlichen Konfessionen. Für die 50 Prozent, die nicht teilnehmen, müssen die Schulen dann ein anderes Angebot machen. Also konkret: Religionsunterricht einer anderen Religion oder eines anderen Bekenntnisses anbieten - oder aber Ethikunterricht. Das alles muss koordiniert werden, Lehrkräfte müssen gefunden und auf den Stundenplänen, am besten parallel, platziert werden. Das gleicht manchmal der Quadratur des Kreises.
Warum geht die Zahl der Schüler in den verschiedenen Formen christlichen Religionsunterrichts zurück?
Das liegt an den religionssoziologischen Veränderungen. In Deutschland müssen die Schüler, die einem bestimmten Bekenntnis angehören, in den jeweiligen bekenntnisgebundenen Religionsunterricht. Je mehr Menschen aus den Kirchen austreten, desto kleiner ist dann die Zahl der Schüler im jeweiligen Religionsunterricht. Der demografische Wandel spielt freilich auch eine Rolle.
Gibt es den Ethikunterricht inzwischen überall?
Ethikunterricht ist in Deutschland ein Ersatzfach. Das heißt: Wer an keinem Religionsunterricht teilnimmt, der muss das Fach Ethik besuchen, deshalb der Name Ersatzfach. Das ist übrigens ein Reizbegriff. Es hört sich ein bisschen nach Kaffeeersatz, also nach etwas Minderwertigem, an. Die pädagogische Qualität des Ethikunterrichts ist aber sicher nicht schlechter als die des Religionsunterrichts. Aber zurück zur eigentlichen Frage: Nein, Ethikunterricht gibt es noch nicht in allen Bildungsgängen. In Baden-Württemberg beispielsweise plant man, Ethikunterricht in der Grundschule einzuführen. Aber das ist teuer und braucht einen langen Atem. Die Kirchen haben sich übrigens für den Ethikunterricht starkgemacht. Denn gibt es diesen, lautet die Alternative nicht mehr: Reli oder frei. Sondern: Reli oder Ethik!
Wie steht es um den Religionsunterricht der kleinen Religionsgemeinschaften?
Solche kleinen Fächer gibt es einige, zum Beispiel syrisch-orthodoxen, byzantinisch-orthodoxen, alevitischen, islamisch-sunnitischen, altkatholischen oder jüdischen Religionsunterricht. In den Schulgesetzen der Bundesländer ist unterschiedlich geregelt, wann eine Gruppe eingerichtet werden muss. In Niedersachsen sind es zwölf, in Baden-Württemberg sind es acht Schüler, die an einer Schule zusammenkommen müssen. Für jüdische Gruppen gelten Sonderregelungen. Hier kann eine Gruppe mitunter schon gebildet werden, wenn zwei Schüler zusammenkommen. Übrigens: Auch hier sind die Kirchen dafür, dass der Religionsunterricht kleiner Religionsgemeinschaften ausgebaut und qualitativ abgesichert wird. Die Kirchen sind sich im Klaren, dass das Gesamtsystem nur dann stabil bleiben kann, wenn möglichst viele Bekenntnisse und damit Schüler einbezogen sind.
Wie stellen sich die Kirchen in Deutschland auf die Veränderungen, also konkret auf den Rückgang an Schülern im Religionsunterricht, ein?
Die Weichen sind hier eindeutig in Richtung „mehr Zusammenarbeit“ gestellt. Konfessionell-kooperativ heißt das Zusammenarbeiten. Im KoKoRU, so der Fachterminus, lernen evangelische und katholische Schüler zusammen. Der Lehrer oder die Lehrerin verfügt über eine zusätzliche Ausbildung, um der religiös heterogenen Gruppe gerecht werden zu können. So versuchen die Kirchen, auch dort Religionsunterricht anbieten zu können, wo die Mindestgruppengröße nicht mehr erreicht wird. In Niedersachsen ist man noch einen Schritt weiter gegangen. Ab dem kommenden Jahr gibt es dort keinen evangelischen oder katholischen Religionsunterricht mehr, sondern ein neues Fach mit dem Namen „Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen“. Fachkreise beobachten die Entwicklungen dort sehr genau, ganz unumstritten ist der niedersächsische Weg nicht. Befürworter sagen: Nur ökumenisch hat der Reli-Unterricht Zukunft. Kritiker sagen: Gibt man die konsequente Bekenntnisgebundenheit auf, wird der Religionsunterricht beliebig und verliert an Akzeptanz. Das sei nicht das, was das Grundgesetz vorsehe. Ganz einig sind sich die Kirchen in Deutschland in dieser Frage noch nicht.
Es verwundert ein bisschen, dass es so unterschiedliche Wege in Deutschland gibt.
Das hat damit zu tun, dass das Grundgesetz zwar regelt, dass Religionsunterricht ordentliches Lehrfach an den öffentlichen Schulen ist. Wie das aber konkret organisiert wird, liegt in der Zuständigkeit der Länder. Eigentlich ist das auch sinnvoll, weil die Ausgangssituation in Mecklenburg-Vorpommern eine andere ist als die in Bayern. Noch eine kleine Kuriosität am Rande: In Bremen, Berlin und Brandenburg gelten die Vorgaben des Grundgesetzes nicht, das ist die sogenannte Bremer Klausel. Und damit sind in diesen drei Bundesländern noch ganz andere Wege zulässig.
Unser Kollege Michael C. Hermann ist Professor für Soziologie und Politikwissenschaft und beschäftigt sich mit religionssoziologischen Fragestellungen.
(vatican news)
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