Ökumenischer Patriarch Bartholomaios auf Ratzingers Kathedra
Prof. Dr. Stefanos Athanasiou – Paris *
Denn Bartholomäus I. nimmt dabei jenen Sitz ein, den zuvor Papst Benedikt XVI. innehatte. Dass ein orthodoxer Patriarch die Nachfolge eines katholischen Papstes antritt, wäre lange Zeit kaum vorstellbar gewesen. Umso größer ist die Aussagekraft dieses Vorgangs von diesem Montag, der sich nicht im Raum kirchlicher Autorität, sondern im Kontext einer Institution vollzieht, die für die intellektuelle Selbstvergewisserung Europas steht.
Erinnerung als Verpflichtung
Zum Selbstverständnis dieser Akademie gehört es, dass der Nachfolger seinen Vorgänger in einer ausführlichen Würdigung, der sogenannten „Notice“, in Erinnerung ruft. Diese Tradition ist mehr als ein Ritual. Sie verpflichtet den neuen Sitzinhaber, sich in eine bestehende geistige Linie einzuschreiben, sie zu interpretieren und zugleich weiterzuführen. Dass nun ein orthodoxer Patriarch diese Aufgabe für einen katholischen Papst übernimmt, verleiht dieser Praxis eine besondere, ja historisch bemerkenswerte Tiefe.
Bartholomäus erfüllt diese Aufgabe mit einer Intensität, die über das Erwartbare hinausgeht. Seine Würdigung Benedikts XVI. ist getragen von einem feinen theologischen Gespür, persönlicher Erfahrung und einer ungewöhnlichen Dichte des Gedankens. Es wird spürbar, dass er nicht über eine entfernte Gestalt spricht, sondern über einen Zeitgenossen, mit dem ihn Begegnungen und ein gemeinsames Ringen um die Stellung des Glaubens in der modernen Welt verbinden. Wenn er sagt: „Er war ein authentischer Lehrer der Wahrheit, ein Mann von Demut und Klarheit“, dann ist dies nicht nur eine Formel des Respekts, sondern eine präzise Einordnung. Benedikt XVI. erscheint in dieser Perspektive nicht in erster Linie als Papst, sondern als Theologe – als Denker, dessen eigentliche Bedeutung in der Verbindung von Glauben und Vernunft liegt.
Gerade diese Verbindung hebt Bartholomäus ausdrücklich hervor. Er liest Ratzinger als einen Theologen, dessen Werk nicht trennt, sondern verbindet: „Sein Denken war getragen von einer Liebe zur Wahrheit, die nicht trennt, sondern verbindet.“ In dieser Würdigung liegt zugleich ein deutliches ökumenisches Signal. Sie erinnert an den Weg vom „Dialog der Liebe“ hin zu einem „Dialog der Wahrheit“, den die katholische und die orthodoxe Kirche seit den Begegnungen zwischen Papst Paul VI. und Athenagoras I. in den 1960er Jahren eingeschlagen haben. Die Differenzen zwischen den Kirchen werden dadurch nicht aufgehoben, doch sie verlieren ihre ausschließliche Schärfe im Horizont einer gemeinsamen Suche nach Wahrheit.
Europa als geistige Geographie
Von dieser Würdigung ausgehend entfaltet Bartholomäus eine Deutung Europas, die an Benedikt XVI. anknüpft und sie zugleich erweitert. Europa erscheint zunächst in der bekannten Trias, die auch Ratzinger geprägt hat: als Frucht Jerusalems, Athens und Roms – der Offenbarung, der Philosophie und des Rechts. Doch der Patriarch belässt es nicht bei dieser klassischen Beschreibung. Er führt sie weiter, indem er eine vierte Dimension hinzufügt: Konstantinopel.
Mit dieser Erweiterung verändert sich die Perspektive grundlegend. Konstantinopel steht nicht nur für eine historische Fortsetzung, sondern für eine eigene Weise, Wahrheit zu erschließen. Während Jerusalem für die Offenbarung Gottes steht, Athen für die philosophische Suche nach Wahrheit und Rom für die Ordnung des Rechts, verkörpert Konstantinopel die Tradition der Kirchenväter – eine Theologie, die nicht nur gedacht, sondern gelebt wird. In ihr verbindet sich Erkenntnis mit Erfahrung, Lehre mit Praxis, Begriff mit Gebet.
Europa erscheint damit als ein Gefüge verschiedener Zugänge zur Wahrheit: als Raum, in dem sich Glaube, Vernunft, Recht und geistliche Praxis gegenseitig durchdringen. Gerade in dieser Erweiterung liegt die eigentliche Eigenständigkeit von Bartholomäus’ Ansatz. Er widerspricht Benedikt XVI. nicht, sondern vertieft ihn. Die von Ratzinger beschriebene Synthese wird nicht relativiert, sondern ergänzt – um jene Dimension, in der sich Wahrheit nicht nur im Denken oder in der Ordnung, sondern im Leben selbst bewährt.
Wahrheit, Verantwortung und die Krise der Gegenwart
Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der zentrale Satz der Rede seine volle Bedeutung: „Die Wahrheit ist kein Besitz, sondern eine Wirklichkeit, an der wir teilhaben.“ Wahrheit erscheint hier nicht als etwas, das verteidigt werden muss, sondern als etwas, das sich im Bezug erschließt. Daraus ergibt sich eine grundsätzliche Offenheit für den Dialog – nicht als bloßes Mittel, sondern als Bedingung von Erkenntnis.
Diese Perspektive bleibt jedoch nicht theoretisch. Bartholomäus verbindet sie mit einer Diagnose der Gegenwart, die von spürbarer Dringlichkeit geprägt ist. „Die Menschheit steht heute an einem Scheideweg“, sagt er, und beschreibt damit eine Situation, in der der Mensch seine Maßstäbe zu verlieren droht, weil er sich selbst zum absoluten Bezugspunkt macht. Die Folge ist eine Krise, die sich sowohl in der Orientierung als auch in der Verantwortung zeigt.
Besonders deutlich wird dies in seinen Überlegungen zur Künstlichen Intelligenz. Der Patriarch warnt davor, technische Möglichkeiten von ethischer Reflexion zu trennen. Die entscheidende Frage sei nicht, was der Mensch tun könne, sondern was er tun solle. Technologien erweitern die Macht des Menschen, können jedoch die Notwendigkeit nicht ersetzen, Weisheit in Liebe und Verantwortung zu verwirklichen. Ohne eine solche Orientierung drohe der Fortschritt, die bestehenden Probleme nicht zu lösen, sondern zu vertiefen.
Ähnlich argumentiert Bartholomäus im Blick auf die ökologische Krise. Wenn er sagt, „die Zerstörung der Umwelt ist nicht nur ein ökologisches Versagen, sondern eine Sünde“, dann verschiebt er die Debatte bewusst in eine moralische und spirituelle Dimension. Die Krise der Natur erscheint als Ausdruck einer gestörten Beziehung zwischen Menschen und Schöpfung – und damit als Teil einer umfassenderen Krise des Menschen selbst und seiner Beziehung zu Gott.
Eine Geste am Ende
In diesem Zusammenhang gewinnt auch der Gedanke der Einheit eine neue Bedeutung. „Was uns verbindet, ist tiefer als das, was uns trennt“, formuliert der Patriarch. In der konkreten Situation erhält dieser Satz eine besondere Dichte: Ein orthodoxer Patriarch spricht ihn, während er den Sitz eines katholischen Papstes einnimmt. Die Einheit wird hier nicht theoretisch behauptet, sondern sichtbar vollzogen.
Am Ende der Zeremonie setzt eine leise, aber sprechende Geste einen Schlusspunkt. Die Akademie überreicht dem Patriarchen zwei historische Ausgaben der Werke von Maximus Confessor – ein Geschenk, das weit über eine höfliche Anerkennung hinausgeht. In ihm verdichtet sich gleichsam das, was Bartholomäus zuvor entfaltet hat: die bleibende Bedeutung der Kirchenväter für das geistige Gefüge Europas. Dass eine wissenschaftliche Institution dem orthodoxen Patriarchen ausgerechnet die Schriften eines der großen Denker der östlichen Tradition überreicht, lässt sich als implizite Bestätigung jener erweiterten europäischen Geografie lesen, die Bartholomäus skizziert hat.
Die Geste macht sichtbar, dass die von ihm benannten Quellen – Offenbarung, Vernunft, Recht und geistliche Erfahrung – nicht bloß historische Bezugspunkte sind, sondern weiterhin das Fundament der europäischen Identität bilden. In der Überreichung der Werke eines Kirchenvaters durch eine moderne Akademie wird diese vierfache Verankerung Europas gleichsam sichtbar anerkannt: als Ausdruck eines gelebten Glaubens im gesellschaftlichen Raum – als ein innerer Zusammenhang von Denken, Glauben, Ordnung und gelebter Spiritualität.
Bevor Bartholomäus schließlich auf dem Sitz Platz nimmt, wendet er sich – in byzantinischer Tradition – an seinen Vorgänger und spricht:
„Ewiges Gedenken, heiliger Bruder.“
In diesem Satz verdichten sich Erinnerung, Respekt und eine geistige Verbundenheit, die über institutionelle Grenzen hinausweist. Er markiert nicht nur das Ende einer Zeremonie, sondern den Beginn einer Nachfolge, die weniger im Amt als im Denken besteht – und in der Gewissheit, dass die Wahrheit eine Person ist, die erfahrbar- und erlebbar ist.
* Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Stefanos Athanasiou, Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie der Ludwig-Maximilians-Universität München
(vatican news)
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