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Flüchtlinge aus dem Bundesstaat Jonglei Flüchtlinge aus dem Bundesstaat Jonglei  (AFP or licensors)

Südsudan: Nomaden des Elends

Er ist nicht nur einer der ärmsten Staaten der Welt, sondern auch einer der unbeachtetsten. Jetzt dringen aus dem Südsudan Meldungen über Massaker und Flüchtlingsströme.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Im Bundesstaat Jonglei sind im Dezember Kämpfe ausgebrochen; Hunderttausende von Menschen sind auf der Flucht, und die humanitäre Versorgung wird als kritisch beschrieben.

„Der Südsudan ist ein Land, das mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat“, sagt uns Christophe Garnier von „Ärzte ohne Grenzen“. „Da sind die politischen Schwierigkeiten und die Konflikte, von denen wir im Zusammenhang mit dem Bundesstaat Jonglei gehört haben; insbesondere der Evakuierungsbefehl, der am vergangenen Wochenende für Aboko erteilt wurde.“

„Menschen, die nichts haben und die extrem gefährdet sind“

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„Politische Schwierigkeiten“, „Konflikte“ – das ist das Understatement einer NGO, die neutral auftreten will, um helfen zu können. Der Südsudan ist 2011 unabhängig geworden und umgehend in einen mörderischen Bürgerkrieg geraten. Dieser endete zwar formal 2018 mit einem Friedensvertrag, doch das ostafrikanische Land ist weiter unsicher, immer wieder kommt es zu Kämpfen und Massakern wie Anfang Februar in Jonglei, wo bei Luftschlägen in Lankien Zivilisten ums Leben kamen und das letzte noch funktionierende Krankenhaus der Stadt zerstört wurde. In Aboko scheint eine Offensive der Regierungsarmee unmittelbar bevorzustehen; daher die Aufforderung zur Räumung. Über siebzig Prozent der gut neun Millionen Einwohner des Südsudan hängen von humanitärer Hilfe ab.

„Wir stehen vor einer dringenden Situation, in der es unzählige Vertriebene gibt – Menschen, die nichts haben und die extrem gefährdet sind. Wir waren gerade dabei, gemeinsam mit anderen Organisationen zu überlegen, wie wir ihnen mit Lebensmitteln, Impfungen usw. helfen können, und nun müssen sie aufgrund des Evakuierungsbefehls erneut umziehen: die Flüchtlinge plus eine ganze Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern. Das bedeutet riesige Flüchtlingsströme von Menschen aus dem Bundesstaat Jonglei, schätzungsweise etwa 280.000 Menschen, die sich von Woche zu Woche weiter fortbewegen müssen. Das heißt, wenn sie irgendwo ankommen, können sie sich nicht sicher fühlen und dort bleiben.“

Im April steht der Ernährungsnotstand ins Haus


Nomaden des Elends: Ihnen zu helfen, ist eine komplizierte Aufgabe für die „Ärzte ohne Grenzen“. „Es wird extrem schwierig sein, Zugang zu Gesundheitszentren zu bekommen. Erstens, weil es kaum noch welche gibt, und zweitens, weil sie räumlich weit auseinanderliegen. Die Impfquote wird extrem niedrig sein, was das Risiko einer Choleraepidemie oder eines erneuten Ausbruchs der Masern usw. mit sich bringt.“

Aber da ist noch ein weiterer Punkt, der den Verantwortlichen der NGO für den Südsudan sehr beunruhigt. „Und zwar Probleme mit der Ernährung.
Wir befinden uns immerhin in einem Land, das ab April größtenteils in einen Ernährungsnotstand geraten wird, was die Situation noch verschärfen wird. Und dann gibt es noch das Problem des Schutzes, denn es handelt sich um extrem schutzbedürftige Menschen, die potenziell mit jeder Art von Gewalt konfrontiert werden können. Als ob das noch nicht genug wäre, ist es auch eines der Länder, die am meisten unter der globalen Erwärmung leiden. Das Land wird in der Regenzeit immer häufiger überflutet, was den Zugang besonders erschwert.“

Noch ist Trockenzeit: „Aber sobald die Regenfälle einsetzen, werden wir es mit komplett überfluteten Gebieten zu tun haben – mit allem, was das in Bezug auf die Gesundheit und das Risiko von Epidemien, insbesondere Cholera, mit sich bringt. Es gibt bereits Cholera-Fälle im Bundesstaat Jonglei.“

  (AFP or licensors)

Sie können nichts mehr anbauen, sie können nicht mehr in Dörfern leben...


Die „Ärzte ohne Grenzen“ tun, was sie können, um den Menschen in der Krisenregion beizustehen, versichert Christophe Garnier in unserem Interview. „Doch wir müssen einfach sehen, dass diese Menschen nichts mehr anbauen können, dass sie sich nicht mehr selbst mit Nahrungsmitteln versorgen können und daher auch nicht mehr in Dörfern leben können. Wir haben keine hohe Bevölkerungsdichte… All dies macht den Zugang zu medizinischer Versorgung und die Situation extrem kompliziert. Hinzu kommt natürlich eine schlechte Wirtschaftslage, galoppierende Inflation usw. usw.; es ist also eine besonders schwierige Situation.“

Schon unter normalen Umständen ist es schwierig, in diesem Teil des Südsudan an der Grenze zu Äthiopien humanitäre Hilfe zu leisten, vor allem wegen der Überschwemmungsgebiete und dem katastrophalen Zustand der Straßen. „Jetzt wird diese Schwierigkeit durch den andauernden Konflikt noch verstärkt, also durch Bombardierungen, Angriffe, Angst – Menschen, die gezwungen sind, zu fliehen, um sich in Sicherheit zu bringen. Dabei strömen sie in unterschiedliche Richtungen; etwa 37.000 Menschen sollen nach Äthiopien geflohen sein. Aber alle Zahlen sind natürlich mit Vorsicht zu genießen, da sie sich ständig ändern.“

Von zwölf Mitarbeitenden fehlt weiter jede Spur


Die „Ärzte ohne Grenzen“ mussten vor einem Monat wegen des Ausbruchs der Gewalt in den Städten Lankien und Pieri ihre Arbeit dort komplett einstellen. Seitdem fehlt von zwölf ihrer Mitarbeitenden dort immer noch jede Spur. „Wir hoffen, Kontakt zu ihnen aufnehmen zu können. Allerdings muss man wissen, dass die Kommunikation besonders schwierig ist; das Mobilfunknetz funktioniert nicht überall, und sie haben nicht unbedingt Satellitentelefone. Es ist also tatsächlich schwierig, sie zu erreichen. Möglicherweise haben sie auch einfach keinen Zugang zu Strom, um ihre Telefone aufzuladen…“

Garnier appelliert an alle Verantwortlichen, etwas für ein Ende der Kämpfe und der Unsicherheit im Südsudan zu tun. Bei solchen Konflikten zahlten immer die Ärmsten und Schwächsten die Zeche: Frauen, Kinder, alte Menschen. Er verstehe ja, dass sich die internationale Aufmerksamkeit im Moment auf den Nahen Osten konzentriere. Doch die geschundenen Menschen im Südsudan bräuchten dringend Hilfe. Weniger Verständnis hat Garnier dafür, dass er oft feststellen muss, wie Gesprächspartner den Südsudan mit dem Sudan verwechseln (wo ebenfalls ein Bürgerkrieg tobt). Es sei frustrierend, wie schwierig es sei, international Aufmerksamkeit für den Südsudan zu wecken.

„Dieses Land hat etwas Schönes an sich“

Die Menschen im Land sind ihm ans Herz gewachsen: „Es gibt hier so eine Leichtigkeit der Kommunikation, der Verbindungen… Dieses Land hat etwas Schönes an sich, das uns dazu bringt, hierbleiben und weitermachen zu wollen. Die Stärke des Südsudans ist für mich seine Bevölkerung!“

Das Interview mit Christophe Garnier führte Myriam Koumba Sandouno vom französischen Dienst von Radio Vatikan für Afrika.

(vatican news)

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11. März 2026, 12:23